So blicken junge Menschen in Istanbul dem Referendum entgegen

Am Ostersonntag wird über die Zukunft der Türkei abgestimmt. Unsere Autorin hat Gegner*innen Erdoğans befragt, wie es ihnen damit geht und was sie machen, wenn er gewinnt.

Treffpunkt junger Leute: eine Straße nahe des Taksim-Platzes im Jahr 2014. © OZAN KOSE/AFP/Getty Images

Die Straßen Istanbuls sind voller Plakate, auf denen groß Evet, türkisch für Ja, steht. Am Sonntag stimmt die Türkei in einem Referendum über die Verfassung und damit die Zukunft des Landes ab. Worum es darin genau geht und wie es das Land ändern könnte, könnt ihr unserem Artikel Bleibt die Türkei eine Demokratie? Was sich durch das Referendum ändern könnte nachlesen. Klar ist, dass die neue Verfassung Erdoğan mehr Macht einräumen würde.

Demonstrant*innen, die gegen die geplante Verfassungsänderung auf die Straße gehen, werden verfolgt und verhaftet. Die Propaganda ist sogar so weit gegangen, dass in der türkischen Stadt Konya Flyer des Gesundheitsministeriums über die Schädlichkeit des Rauchens eingesammelt und verboten wurden. Schließlich stand auf ihnen das Wort Nein. Wenn auch in einem Kontext gedacht, könnte es falsch verstanden werden, schlussfolgerte die Regierung. Erdoğan will sein lang erstrebtes Ziel endlich erreichen und würde dazu am liebsten das Wort Nein gleich ganz verbieten. Ich habe mit Gegner*innen Erdoğans in Istanbul gesprochen und sie gefragt, wie es ihnen so kurz vor dem Tag X geht.

Belma: „Ich bin total frustriert“

Laut türkischen Umfragen wird die Entscheidung sehr knapp ausgehen. Es gibt derzeit keine eindeutige Mehrheit auf einer der beiden Seiten. Auch Belma kennt die Umfragen. Sie ist 26, hat lange dunkle Haare, ein Nasenpiercing und arbeitet als Außendienstmitarbeiterin einer Firma in Istanbul. Auf ihren Wunsch hin wurde ihr Name geändert. Wie auch bei allen anderen Interviewpartner*innen in diesem Text. Zu angespannt ist die Lage und zu groß die Angst, unter dem echten Namen offen zu sprechen.

Falls tatsächlich eine Mehrheit am Sonntag für ein Nein stimmen sollte, dann höchstens mit einem sehr kleinen Vorsprung, meint Belma. „Ich bin total frustriert“, erklärt sie mir „und das nicht erst seit dem Referendum“. Diese Abstimmung sei nur das i-Tüpfelchen der katastrophalen Lage ihres Landes. Am meisten ärgert Belma, dass ihre türkischen Mitbürger*innen nicht erkennen würden, dass all die Argumente für die verfassungsrechtliche Änderung so gar keinen Sinn ergeben, meint sie geknickt.

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„Ich gehe durch die Straßen in Istanbul und frage mich, was die Slogans der Regierung bedeuten sollen.“ Damit meint Belma Sprüche wie: „Wählt Ja für eine unabhängige Justiz“, „Ja für ein Ende des Terrors“ oder „Ja für ein Ende des Ausnahmezustands“.

„Die Zukunft unseres Landes sieht düsterer und unsicherer aus als jemals zuvor“, sagt Belma. Gleichzeitig macht es sie nervös, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung ganz anders denkt als sie und sich von der Regierung vereinnahmen lässt. Trotz alledem ist Belma aber auch gespannt. Während sie davon erzählt, huscht so etwas wie ein Funken Hoffnung über ihr Gesicht: „Ich hoffe noch immer, dass Nein irgendwie gewinnt. Dass sich die Opposition und alle Andersdenkenden endlich durchsetzen können.“

Adem: Ähnlich wie der Trump-Albtraum

Adem ist 25 und studiert Wirtschaft. Er trägt gerne Hemden und einen Dreitagebart. „Ich kann mich noch gut an die Tage vor der Präsidentschaftswahl in den USA erinnern. Die Umfrageergebnisse haben Hillary Clinton bereits als neue Präsidentin gehandelt. Als ich am Morgen danach aufgewacht bin, wurde ich mit dem entgegengesetzten Ergebnis überrascht.“ Darum will sich Adem nicht mehr auf Umfragen verlassen. Zu dieser Unsicherheit komme noch die Tatsache, dass die Regierung bewusst Stimmen fälsche oder einfach verschwinden lassen würde, meint er. „Ich vertraue nicht mehr darauf, dass die Wahlergebnisse in der Türkei ehrlich und vertrauenswürdig sind.“

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Für den Studenten zählt bereits die Existenz der Abstimmung als Beweis dafür, dass es in seinem Land keine Demokratie mehr gibt. Im Grunde sei die ganze Abstimmung wie ein schlechter Scherz angelegt, schließlich wolle Erdoğan mit demokratischen Mitteln einen undemokratischen Verfassungsartikel legitimieren. „Das ist die blanke Ironie. Eigentlich müsste man darüber lachen, leider ist es kein Scherz“, meint Adem.

Yasar: „Wir können derzeit beobachten, wie eine Demokratie mithilfe von Demokratie zerstört wird“

Yasar, 26, denkt ähnlich über das Referendum. Er ist Sänger in einer türkischen Indie-Band und möchte ebenfalls lieber anonym bleiben. Nach seinem letzten Interview bekam sein Label mehrere Drohungen. Er trägt ein Goldkettchen über sein weißes T-Shirt und die Haare fallen ihm immer wieder ins Gesicht. „Wir können derzeit nur beobachten, wie eine Demokratie mithilfe von Demokratie zerstört wird. Das macht mich wirklich traurig“, sagt der Sänger. Ein kleines bisschen Hoffnung habe er aber trotzdem noch, dass die Abstimmung gut ausgehen wird. Aber ehrlich daran glauben würde er mittlerweile nicht mehr.

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Bis vor zehn Jahren hätte die Türkei noch wirkliches Potenzial gehabt, sagt er. Jetzt würde es jeden Tag ein Stück unerträglicher hier und ein normales Leben beinahe unmöglich werden. Durch die türkische Politik und die andauernde Terrorgefahr wurden viele Auftritte seiner Band abgesagt. Zudem würden sich viele junge Menschen nachts gar nicht mehr allein raustrauen. „Istanbul ist nicht mehr die Stadt, die sie einmal war. Die Abstimmung am Sonntag ist wichtig, aber im Grunde bekommt Erdoğan nur offiziell die Macht dafür, was er ohnehin schon lange tut.“

Darum versucht Yasar gerade alles, um mit seiner Band einen Plattenvertrag bei einem europäischen Label zu bekommen. „Wir haben hier keine Zukunft mehr. Im Grunde können wir nur fliehen“, resultiert er ernst.

Sinah: „Erdoğan regiert bereits wie ein Sultan“

Auch Sinah, 29, arbeitet als Journalistin bei einem türkischen Magazin, das bisher relativ verschont von politischen Einwirkungen blieb. Sie trägt ihre Haare kurz und lacht viel, wenn sie spricht. Der Abstimmung blickt sie dennoch düster entgegen: „Selbst wenn wirklich mehr Menschen für Nein stimmen würden, würden die Wahlen einfach wieder gefälscht werden.“ Erdoğan werde ein Ja um jeden Preis durchsetzen, ist sie sich sicher. „Er regiert schon lange wie ein Sultan. Es tut mir leid, so pessimistisch zu denken, aber diese Abstimmung wird daran nichts ändern. Wir leben in einem ohnehin bereits verlorenen Land.“

Wie geht es weiter?

Große Hoffnungen hegen nur die Wenigsten in Bezug auf das Referendum. Was also tun, wenn Erdoğan am Sonntag seine Änderung in der Verfassung durchsetzt? Auswandern, sind sich die meisten einig. Auch wenn es wehtut.
Adem liebt sein Land. Ja wirklich, nur darum sei er noch hier, betont er immer wieder. Auch wenn er selbst Muslim ist, ist er davon überzeugt, dass ein Land nur säkular funktionieren könne, erklärt er mir. Jeden Tag würde die Türkei aber ein weiteres Stück der Atatürk-Vermächtnisse aufgeben.

Dieser Gesellschaft will Adem nicht mehr angehören. Wenn Adem von der Beziehung zu seinem Land erzählt, klingt es etwas, als würde er vom Schlussmachen erzählen. „Ich habe angefangen, meine Liebe zu meiner Heimat zu verlieren. Es fällt mir wirklich schwer, das auszusprechen, aber es ist die Wahrheit.“ Eine winzige Hoffnung auf die Rückkehr der vergangenen Tage halte ihn aber doch hier.

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Auch Belma will einmal nach Europa auswandern. Derzeit kann sich ihre Familie das nicht leisten. „Jetzt gerade hoffe ich einfach nur, dass meine Familie und ich nicht aus dem Land vertrieben werden.“ Auf das Ergebnis des Referendums zu warten, fühle sich etwas wie die Ruhe vor dem Sturm an, meint eine Interviewpartnerin zum Schluss. Es gebe nicht mehr viel Hoffnung für ihr Land. Aber irgendwann würden wieder bessere Zeiten kommen, ist sie sich sicher. Dass diese bereits am Sonntag beginnen ist möglich, gilt aber als nicht sehr wahrscheinlich. Ein Fünkchen Hoffnung haben die für diesen Text Interviewten dennoch.

*alle Namen sind der Autorin bekannt. Sie wurden zum Schutz der Protagonist*innen geändert

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