So entstand die Satire in der Türkei

Böhmermann­s Schmähgedicht und Erdogans Klage brachten Satire und Pressefreiheit wieder ins Gespräch. Was dabei oft vergessen wird: Die gezeichnete Staatskritik hat eine lange Tradition in der Türkei.

Satire in der Türkei

Eine der großen und ältesten Satire­-Zeitschriften in der Türkei ist „LeMan“. Die Redaktion brachte 2012 „HaraKiri“ heraus, das nach nur drei Ausgaben wegen Obszönität verboten wurde. © Lea-Verena Meingast

Presse- und Meinungsfreiheit sind in der Türkei sehr eingeschränkt. Doch schon seit mehr als einem Jahrhundert reflektieren die Türken politische und gesellschaftliche Konflikte ihres Heimatlandes auf satirische Weise. Die Geburtsstunde der Karikatur legte Sultans Abdülhamid II., der ein ungewöhnlich großes Körperteil hatte: seine Nase.

via GIPHY

Die Nasenwitze seiner Untertanen störten ihn so sehr, dass der Sultan einfach verbot, das Wort ‚Nase‘ schriftlich zu verwenden – was die Karikaturisten zu spöttischen Zeichnungen anspornte – die Geburtsstunde der Zeitungskarikaturen, die bis heute in der Türkei sehr bedeutend sind. Fast jede Tageszeitung in der Türkei druckt Karikaturen, Satire­-Zeitschriften sind sehr beliebt.

[Außerdem auf ze.tt: Diese Zeilen seines Schmähgedichts darf Böhmermann noch vortragen]

Heute thematisieren die Zeichner politische Auseinandersetzungen, Geschlechterfragen, die Rolle des Islams oder häusliche Gewalt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Cover des Satiremagazins "Gırgır": Es erschien, nachdem Leibwächter Erdogans Demonstranten geschlagen hatten.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Cover des Satiremagazins „Gırgır“: Es erschien, nachdem Leibwächter Erdogans Demonstranten geschlagen hatten.

Besonders nach dem zweiten Weltkrieg bekamen Karikaturen in der Türkei Aufschwung. Viele Zeitschriften wurden gegründet, verboten und erschienen unter anderem Namen neu. Die Zeichner dieser Zeit gelten als alte Garde und waren für ihre Schärfe und Präzision bekannt. Der Zeichner Oğuz Aral (1936 – 2004) gilt bis heute als die türkische Zeichner-­Ikone. Er produzierte zusammen mit seinem Bruder Tekin Aral Karikatur-Magazin „Gırgır“ („Spaß“) produziert. Das erste türkische Magazin mit einer Mischung aus Politik, Erotik und Humor.

In der Blütezeit der Satire während der 1970er und 1980er Jahre verkaufte „Gırgır“ bis zu 500.000 Exemplare pro Woche und war eines der größten Magazine in ganz Europa!

LeMan
„LeMan“ wurde 1991 von Tuncay Akgün, dem ehemaligen Chefredakteur von „Gırgır“, und Mehmet Çağçağ gegründet. / © Lea-Verena Meingast

Oğuz Aral prägte eine Generation von jungen Zeichnern, viele davon gründeten später eigene Magazine wie „LeMan“ (1991), „L­Manyak“ (1996) oder „Penguen“ (2002), die an fast jedem türkischen Kiosk zu finden sind.

„LeMan“ zählt heute zu den einflussreichsten politischen Magazinen in der Türkei. Die ­Redaktion brachte 2012 auch das Heft „HaraKiri“ heraus – eine Hommage an das französische Magazin „HaraKiri“, dem Vorläufer von „Charlie Hebdo“.

Vom türkischen „HaraKiri“ konnten allerdings nur drei Ausgaben erscheinen: Die türkische Zensur verbot es wegen Obszönität. Es würde die Leser dazu verleiten, außereheliche Verhältnisse einzugehen und sich der Faulheit und Abenteuerlust hinzugeben.

Starke Frauen in der Satire-Szene

Doch die Szene gibt nicht auf – auch mithilfe von Frauen. Ramize Erer ist eine bekannte Zeichnerin und Star des Magazins „Radikal“, der drittgrößten türkischen Tageszeitung. 2007 musste sie die Türkei verlassen, als die Zeitschrift unter regierungsnahe Kontrolle geriet. Seitdem arbeitet sie als Korrespondentin in Paris und ist Chefredakteurin von „Bayan Yani“, dem einzigen Comic-­Magazin, das nur von Zeichnerinnen gestaltet wird.

Bayan Yani
„Bayan Yani“ wurde von Ramize Erer und ihrem Ehemann Tuncay Akgün aufgebaut und ist die einzige Comic-Zeitschrift, die nur von Frauen gestaltet wird. / © Lea-Verena Meingast

Einer der bedeutendsten Zeichner der neuen Generation, Behadir Beruter, wurde 2015 zu elf Monaten Haft verurteilt. Er habe in einer seiner Zeichnungen Religion beleidigt und Präsident Erdogan in Frage gestellt. Doch wie viele andere gibt auch er die Kunst nicht auf; aktuell widmet er sich verstärkt der Malerei und Bildhauerei.

Seit Erdogans Amtsantritt im August 2014 bis Mitte April diesen Jahres sind bei der Justiz insgesamt fast 2.000 Klagen wegen Beleidigung eines Staatsoberhaupts eingegangen.