So feiern Studierende in einem ehemaligen Bordell

In Bayreuth wohnen fünf Studierende in einer Wohnung, die bis vor einigen Jahren ein Puff war. Einmal pro Semester lebt die Erinnerung an vorherige Zeiten mit einer Party auf. Das Motto in diesem Jahr: „Schneeflittchen lädt ein.“

@ Anna-Karolina Stock

Apfel gefällig? @ Anna-Karolina Stock

Die wiederholte Einladung einer Freundin, sie nach all den Jahren doch endlich mal zu besuchen, führte mich kürzlich ins oberfränkische Bayreuth, ein typisches Studentenstädtchen mit 70.000 Einwohner*innen, davon sind mehr als 10.000 Studierende. Einmal im Jahr lockt es Glanz und Gloria zu den Richard-Wagner-Festspielen, ansonsten bestätigte sich meine Vermutung: Der Bär steppt definitiv woanders.

Obwohl hier abends eher weniger los ist, wartet die Stadt nicht nur zu Wagner-Festspielzeiten mit musikalischen Überraschungen auf, sondern verblüfft auch als Paradebeispiel für „Stille Wasser sind tief“. Einmal im Semester verwandelt sich die Bayreuther Studentenschaft in ein leicht bekleidetes Partyvolk der etwas anderen Art. Die Suche nach dem Ursprung der feuchtfröhlichen Frivolitäten endet in einer fünfköpfigen Wohngemeinschaft, in der es wie in jeder anderen WG eigentlich sehr normal zugeht – bis auf diesen einen Abend pro Semester eben. Denn genau an diesem verwandelt sich die Wohnung in ihren ursprünglichen Zustand zurück: in ein Bordell.

„Ein Bordell? In einer Studenten-WG? So richtig mit Sex oder wie?“ Ich schaute meine Freundin entsetzt an. „Wo schleppst du mich bitte hin?“ So erfuhr ich, dass die Wohnung in früheren Zeiten ein Freudenhaus beherbergte und erst vor ein paar Jahren zu einer WG umfunktioniert wurde. Mittlerweile bewohnen die fünf Studierenden Selma (Ethnologie und Anglistik, 23), Günther (Philosophy & Economics, 22), Helena (Theater und Medien, 22), Leonard (VWL, 21) und Melanie (Gesundheitsökonomie, 24) die renovierten Räume des ehemaligen Bordells.

Am Anfang kamen noch Freier zur Wohnung

Melanie, die „WG-Mama“, ist als Einzige von Anfang an dabei und hat mit ihren damaligen Mitbewohner*inen den Grundstein für die legendäre Partyreihe gelegt. „Als wir einzogen, wussten wir gar nicht, dass die Wohnung mal ein Bordell war“, sagt sie. Weder die blassgelb gestrichenen Wände mit graublauem Stuck noch die Maklerin hätten den bedeutungsvollen Hintergrund erahnen lassen. Erst nach Einzug kam zufällig ans Tageslicht, was wirklich hinter der riesigen freistehenden Badewanne in dem entsprechend großen Badezimmer steckte. 

Obwohl in den Anfangsmonaten noch Leute an der Tür klingelten und nach „Mädchen“ fragten, sind die Zeiten, in denen das Badezimmer ein Sextempel war und lüsterne Bäder darin genommen wurden, vorbei. Selbst zum Duschen nutzen die fünf Bewohner*innen die angrenzende separate Dusche. Auch auf den berühmt-berüchtigten „Bordell-Partys“ wird die Wanne lediglich als Kühlstätte für Getränke genutzt. Zumindest bis ein betrunkener Freiwilliger blank zieht und sich für ein Beweisfoto zum Bier in die Badewanne setzt.

Aus der Pornowanne ist ein Bierkühlschrank geworden. © Anna-Karolina Stock

„Nach unserem Einzug haben wir beschlossen, dass wir einmal im Semester eine große WG-Mottoparty schmeißen wollen. Irgendwie fanden wir es witzig und gerade bei der Vorgeschichte legitim eine Bordell-Party zu veranstalten“, sagt Melanie. Dass sich die Gäste immer wieder aufs Neue dem Motto getreu in Schale werfen – beziehungsweise aus der Schale pellen – und eine richtige Tradition daraus entstehen würde, hätte damals niemand geglaubt. Zuhälter, Stripper und Freudenmädchen in den verschiedensten Variationen – die Lust zur Selbstinszenierung à la Rotlichtmilieu scheint unter den Bayreuther Student*innen groß. Selmas Plädoyer für ein zur Abwechslung feministischeres Motto, das weniger nach „Zieh dich aus“ schreit, wurde bereits beim ersten Vorschlag mehrheitlich abgelehnt. Das ursprüngliche Wesen der Wohnung setzt sich offensichtlich durch. Auch dieses Mal, als es hieß „Märchenhafte Bordellaise – Schneeflittchen lädt ein“.

„Hast du was drunter?“

Anstatt zu einer 0815-Party laden die Fünf eben ins Bordell ein. „Bei Uneingeweihten führt diese Info immer wieder zu einem sehr verwunderten, aber ziemlich lustigen Blick – von Entsetzen bis ungläubigem Staunen ist alles dabei“, erzählt Leonard. Wer sich so richtig freizügig und sexy anziehen möchte, ohne gleich dafür verurteilt zu werden, ist auf dieser Party genau richtig – ein Griff an den knackigen Hintern inklusive. Kein Wunder, denn die meisten Gäste trugen Verkleidungen, mit denen sie auf öffentlichen Partys ziemlich sicher Aufsehen erregt hätten. Ob unter den Bademänteln der Märchenprinzen noch weitere Kleidungsstücke versteckt waren oder lediglich Mutter Natur in ihrer vollen Pracht, wissen nur die Träger selbst. Es sei ihnen gegönnt.

Ein Hoch auf die Schlampigkeit, denn unabhängig vom Alkoholpegel führte bereits die knappe, ausgefallene Bekleidung der Gäste zu einer sehr entspannten, ausgelassenen Atmosphäre. Durch diesen Kommunikationskatalysator wurden von Anfang an keine Hemmungen aufgebaut. Allein durch die Fragen: „Wen stellst du dar?“ oder „Hast du was drunter?“ kam man problemlos ins Gespräch und lernte sich viel schneller kennen als auf klassischen Hauspartys. Das scheint der positive Nebeneffekt des Bordells zu sein: Jegliche Hüllen fallen schneller.

Dennoch hatte an diesem Abend niemand hemmungslosen Sex in der Badewanne. Allerdings flirteten Rapunzel und Shreks Fiona wie wild von Fenster zu Fenster mit drei Schönlingen aus dem Haus gegenüber. So wild, dass diese nach einiger Zeit vor der Tür standen und die beiden „Fenster-Göttinen“ kennenlernen wollten. Eine Geschichte wie aus dem Märchenbuch. Fast.