Ja, Wonder Woman ist feministisch, aber da geht mehr

Die erste Comicverfilmung mit weiblicher Hauptrolle, weiblicher Regisseurin und Kinovorstellungen nur für Frauen – ist Wonder Woman vielleicht tatsächlich ein Hollywood-Blockbuster, der Gleichberechtigung perfektioniert? Fast. Ein Kommentar.

Gal Gadot als Kampfamazone Wonder Woman. Clay Enos/ TM & © DC Comics

In den USA läuft Wonder Woman seit drei Wochen in den Kinos und hat bereits eine Vielzahl an Reaktionen ausgelöst. Es gab einen Shitstorm, feministische Loblieder, Kritik an der überwiegend weißen Besetzung, wie auch an dem Erfinder von Wonder Woman und seiner Intention. Gefühlt wurde kaum ein Superheld*innen-Film so bis ins kleinste Detail auseinandergenommen und abgeklopft.

Wir haben uns den Film angesehen, der ab dem 15. Juni auch in den deutschen Kinos startet.

Frauen müssen sich nicht verstecken (lassen)

„Wie jemand reagiert, wenn man ihn mit der Wahrheit konfrontiert, ist schwierig. Ich habe es am eigenen Leib erfahren“, sagt Diana Prince alias Wonder Woman gleich zu Beginn des Filmes und spricht damit wohl vielen Zuschauer*innen aus der Seele – vor allem denjenigen, die es jemals gewagt haben eine sexistische Äußerung zu kritisieren. Der Film Wonder Woman ist unter anderem genau das: ein Beleg dafür, dass all die ätzenden Annahmen, die für Hollywood bislang Gesetz waren, heftigst zu hinterfragen sind.

Eine Frau als Hauptfigur einer Comicverfilmung, das will doch niemand sehen? Falsch, wie die Einspielergebnisse schon jetzt zeigen. Frauen können keine erfolgreichen Blockbuster drehen? Patty Jenkins fühlte sich auf ihrem Regiestuhl sichtlich wohl, thank you very muchHebt sich ihre Regie stark von der Masse der Comicverfilmungen ihrer männlichen Kollegen ab? Nicht so richtig, nein, das Auge bekommt ziemlich genau, was es aus diesem Genre gewohnt ist, mit einer entscheidenden Ausnahme – dem Male Gaze.

Es geht auch ohne Frauen zu sexualisieren

Der Male Gaze beschreibt ein Phänomen, das in Film und Fernsehen so geläufig ist, dass es uns fast gar nicht mehr auffällt. Die meisten Filme werden von heterosexuellen Männern für andere heterosexuelle Männer gedreht und richten sich somit auch an das, was scheinbar eine Vielzahl dieser Männer sehen will: Busen, Hintern, nackte Haut.

Diese degradierende und übersexualisierte Perspektive auf weibliche Figuren findet man in diesem Film jedoch nicht. Dabei gäbe es bei all den leicht bekleideten Amazonen genug Möglichkeiten des Heranzoomens an Hintern und Brüste. Anstatt die weiblichen Körper zu sexualisieren und auszustellen, werden jedoch die Kraft und das Selbstvertrauen dieser Frauen betont und das mit einer angenehmen Natürlichkeit. Während des gesamten Filmes ist klar: Die Amazonen sind definitiv nicht hier, um für den*die Betrachter*in hübsch auszusehen. 

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Dass Gal Gadot in ihrer Rolle als Wonder Woman und auch sonst verdammt schön ist, lässt sich natürlich nicht wegdiskutieren, dennoch fällt die Rolle des Eyecandy-Sidekicks in diesem Fall dem von Chris Pine gespielten Piloten und Spion Steve Trevor zu. Dieser bruchlandet im Verlauf des Ersten Weltkrieges mitsamt von den Deutschen gestohlener Waffenpläne im Meer vor der Amazoneninsel Themyskera und wird von Diana vor dem Ertrinken gerettet. Nach einer Begegnung mit dem magischen Lasso, das jede*n die Wahrheit sprechen lässt, und einem Meta-Gespräch über Penisgrößen begeben sich schließlich beide zusammen auf die Jagd nach dem Kriegsgott Ares, den Diana für den Verursacher des Krieges hält. 

Wonder Woman hinterfragt für uns Sexismus

Steve Trevor ist gleichzeitig die erste Person aus der Außenwelt und der erste Mann, auf den Diana trifft und natürlich – wie könnte es anders sein – nutzt der Film beide Tatsachen für den ein oder anderen komischen verbalen Schlagabtausch. Was sich abgeschmackt anhört, funktioniert in diesem Fall jedoch ziemlich gut, denn es ist Dianas Perspektive als quasi Alien, die die Absurdität von Selbstverständlichkeiten aufzeigt.

Ihre Position als Außenseiterin führt auch dazu, dass Diana ziemlich viel erklärt werden muss, doch sie hinterfragt und unterwandert die Regeln, die so seltsam für sie sind. Kleider, in denen sie sich weder wohlfühlt noch kämpfen kann? Sich von einer Uhr sagen lassen, wann es Zeit ist, etwas zu tun? Räume, die sie als Frau nicht betreten darf? Ein Mann, der – zumindest zu Beginn – denkt, er müsse sie beschützen, obwohl sie ungleich viel stärker ist als er? Tja, und zum Thema Sex weiß Wonder Woman, dass Männer für die Fortpflanzung zwar wichtig sind, aber was den Spaß angeht: pffft. 

Ja, so sieht Feminismus aus – fast

Auf diese Weise werden bekannte Actionfilm-Tropes verdreht, das ist sehr erfrischend und wirkte auf mich auch nicht aufgesetzt. Trevor und Wonder Woman begegnen sich dabei bis zum Ende auf Augenhöhe und das ist eine wichtige Neuigkeit, denn nein, Feminismus bedeutet nicht das Hassen und Verdrängen von Männern aus Hauptrollen, Kinosälen, whatever, sondern Gleichberechtigung.

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Trotzdem fehlt auch einiges zum feministischen Meisterwerk. Wonder Woman ist nicht perfekt. Der Film schleppt zum Beispiel das Problem der allermeisten Comicverfilmungen mit sich herum, dass den Charakteren zu wenig Tiefe gegönnt wird. Die weiblichen Rollen abseits von Wonder Woman hätten gerne etwas größer sein dürfen. Außerdem ist es zwar lobenswert, dass es für eine Comicverfilmung eine große Zahl People of Color im Film gibt – aber warum denn nur in den allerkleinsten Nebenrollen, ohne Namen und ohne Text? Die Kritik, die Autorinnen wie Kadeen Griffiths an der fehlenden Intersektionalität des gezeigten Feminismus üben, ist also durchaus berechtigt. 

Deshalb ist mein allumfassendes Fazit: Lassoschwung in die richtige Richtung, aber ein bisschen konsequenter auf die Fresse hätte es gerne sein dürfen.

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