Wie ich mich im Netz in eine Frau verliebte, die es gar nicht gibt

Tim* ist ein ganz normaler, kluger Typ. Dann lernt er in einem Online-Game Anna kennen – und wird Opfer eines Fakes. Wie konnte das passieren? Und warum genau täuscht jemand vor, eine andere Person zu sein? Hier ist seine unglaubliche Geschichte.

Internet-Dating

Manchmal trifft man im Internet Menschen, die einfach nicht existieren. © suze / photocase.de

Als Tim* im Internet auf Anna* trifft, ist er 26 Jahre alt. Er kommt aus Köln, studiert dual Informatik und arbeitet in einem großen IT-Konzern. Tim sieht gut aus, ist unternehmungslustig und hat einen großen Freundeskreis. Bleibt er zu Hause, spielt er mit Vorliebe das Online-Rollenspiel „World of Warcraft“. Er leitet eine eigene Gilde und die Mehrzahl seiner Mitspieler kennt er persönlich von Gruppentreffen.

Ende 2012 bewirbt sich die gehörlose Anna aus Schwerin per Mail um den Beitritt in die Gilde. Die 23-Jährige macht einen sehr netten Eindruck und wird aufgenommen. Sie findet via Chat schnell Anschluss innerhalb der Gruppe und ist bei allen beliebt.

„Sie war kein Supermodel“

Während Tim und sie anfangs eher selten kommunizieren, vertieft sich der Kontakt mit der Zeit und ihre Nachrichten werden privater. Anna ist aufmerksam, charmant und interessiert. Sie beginnt, Fotos von sich, ihrer Wohnung und Momenten aus ihrem Alltag zu schicken. Anna gefällt Tim. „Sie war keins dieser Supermodels, aber sie sah gut und sympathisch aus“, sagt Tim heute.

Irgendwann chatten sie täglich, manchmal mehrere Stunden lang. Sind sie unterwegs, schicken sie sich SMS. Je intensiver die Freundschaft wird, desto mehr öffnet sich Anna. Sie berichtet von starken Minderwertigkeitskomplexen, großer Unsicherheit im Umgang mit Menschen und ihrer Einsamkeit. Im Gegensatz zu Tim hat sie nur einen einzigen Freund, Thorsten*, den sie manchmal erwähnt.

Wechselbad der Gefühle

Ein halbes Jahr später, im Sommer 2013, gesteht Anna ihm, sie habe sich verliebt. Tim geht es genauso. Sie sind glücklich und beschließen noch am gleichen Abend, sich so schnell wie möglich zu treffen.

Doch schon am nächsten Tag plagen Anna starke Selbstzweifel. Sie hat Angst, dass ihre Behinderung ihn überfordern könne und er sie deswegen fallen ließe. Sie schreibt: „Ich bin so verletzlich. Ich könnte das nicht verkraften!“ Tim beruhigt sie. Er gehört nicht zu den Männern, die mit den Gefühlen von Frauen spielen. Er meint es ernst mit ihr.

Die nächsten Monate sind ein Wechselbad der Gefühle. Annas Stimmung kann von einem Moment auf den anderen umschlagen. Ist sie eben noch verliebt und plant mit Tim ihr Kennenlerntreffen, schreibt sie in der nächsten Sekunde, ihre Ängste stünden ihrer Liebe im Weg und er solle sich ein „Mädchen ohne Behinderung“ suchen.

Tim ist jemand, der Verantwortung übernimmt. Er hat Verständnis für ihre Situation und versucht immer wieder, sie aufzufangen.

Unerwünschte Sex-Pics

Irgendwann wird Tim nachts von Anna geweckt. Sie wirkt betrunken und schreibt, sie habe von ihm geträumt und sehne sich nach seinen Berührungen. Sie sendet ihm Fotos in eindeutiger Pose, ihr Gesicht ist darauf nicht zu erkennen, und bittet ihn um welche von sich. Tim blockt ab. Ohne sie vorher getroffen zu haben, möchte er diese Intimität nicht.

Anna ist tief getroffen von seiner Ablehnung. Sie geht offline und taucht einige Tage ab. Es ist nicht das erste Mal. Eine falsche Bemerkung, und sie verschwindet und meldet sich nicht mehr. In genau diesen Momenten merkt Tim, wie sehr er sich ihr emotional verbunden fühlt. Sie fehlt ihm dann und er hat große Gewissensbisse, weil er sie verletzt hat. Umso erleichterter ist er jedes Mal, wenn sie auf seine Entschuldigungen reagiert und den Kontakt wieder aufnimmt.

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Warum kein Treffen?

Im Herbst stirbt Annas Bruder in Folge eines Autounfalls, was ihre psychischen Probleme noch verstärkt. Sie ist nun wegen Depressionen und Suizidgedanken in Behandlung. Zwar genießt Tim nach wie vor die liebevollen Chats mit ihr, gleichzeitig leidet er aber darunter, sie immer noch nicht getroffen zu haben. Er hat mittlerweile aufgegeben, sie darauf anzusprechen, denn wann immer er es versucht, reagiert sie panisch und abwehrend.

Natürlich könnte er die Beziehung beenden, aber würde er dann nicht genau Annas Ängste bestätigen? Und was wäre, wenn sie sich deswegen etwas antäte? Er will für sie da sein. Für ihn ist das eine menschliche Selbstverständlichkeit.

Zu Weihnachten erhält Tim ein Paket von Anna. Es enthält einen selbst gestrickten Schal, der auffällig nach Frauenparfüm riecht. Heute glaubt er: „Dieses persönliche Geschenk sollte wohl die Distanz zwischen uns irgendwie schmälern.“

„Sie ließ mich hängen“

Wenige Wochen später erkrankt er ganz plötzlich und muss operiert werden. Vor seiner Einweisung ins Krankenhaus schreibt Anna zwar, sie sorge sich um ihn, meldet sich dann aber tagelang nicht. Tim ist krankgeschrieben und hat viel Zeit zum Nachdenken.

Rückblickend erzählt er: „Annas Verhalten enttäuschte mich sehr. Ich war immer für sie da gewesen und nun ließ sie mich hängen. Zum ersten Mal traute ich mich, ihre Person in Frage zu stellen, meine Gedanken zu sortieren.“ Ihm fallen immer mehr Situationen ein, in denen er am Wahrheitsgestalt ihrer Stories gezweifelt und sein Bauchgefühl ignoriert hatte.

Wer zur Hölle ist Anna wirklich?

Tim beginnt zu recherchieren. Er checkt die GPS-Informationen von Annas Fotos – zwei davon passen zum Absender des Weihnachtsgeschenks. Er gibt die Adresse in Google Maps ein und sieht, dass es Übereinstimmungen mit der Landschaft auf ihren Bildern gibt. Er googelt jede noch so kleine Information und entdeckt schließlich einen alten, nicht mehr genutzten Twitteraccount von Annas Freund Thorsten. Als er sich durch die dort geposteten Fotos klickt, erstarrt er. Auf einem ist Thorsten in seinem Arbeitszimmer zu sehen. Tim kennt dieses Zimmer. Es ist das von Anna!

Er will Gewissheit und vertraut sich seinem besten Freund Markus an, der unerwartet verständnisvoll reagiert: „Er fand es toll, dass ich einem vermeintlich kranken Menschen so beigestanden hatte. Sowohl die Gehörlosigkeit als auch die psychischen Störungen waren einfach erschreckend intelligent ausgewählt. Dadurch nahm ich permanent Rücksicht auf Anna. Wäre sie gesund gewesen, hätte das Ganze nicht funktioniert!“

Am nächsten Tag fahren sie nach Schwerin. Als sie gegen Abend bei Annas Adresse ankommen, ist die Stimmung angespannt. Das Klingelschild von ihr finden sie nicht, dafür das eines „Thorsten W.“

Der Schock

Sie klingeln bei ihm und als er kurz darauf die Wohnungstür öffnet und Tim erkennt, ist er sichtlich geschockt. Tim erzählt: „Er sah anders aus als auf dem Twitterfoto. Älter, so Mitte 20, ungepflegt und dick. Er bot sofort an, dass wir irgendwo Essen gehen könnten, aber das lehnte ich ab. Ich wollte mich nicht mit ihm an einen Tisch setzen. Wir gingen dann auf den Parkplatz des Hauses und sprachen dort länger als zwei Stunden miteinander.“

Thorsten versucht, sich zu erklären. Er stottert und schwitzt stark. Die Fotos von „Anna“ hat er einer Nachbarin gestohlen, mit der er bei Facebook befreundet ist. Schwul sei er nicht, er habe sich ohne besonderen Grund in diese Phantasiewelt geflüchtet, sich extrem hineingesteigert und immer weiter hereingeritten. Auf Tims Frage, ob er es genossen habe, eine ganze Gruppe von Menschen zu täuschen und damit Macht über sie auszuüben, behauptet Thorsten, er wäre sich dessen nicht bewusst gewesen.

Entschuldigung? Nein, Danke

Tim erzählt: „Bevor wir fuhren, wollte sich Thorsten per Handschlag entschuldigen, aber ich blockte ab. Ich finde nicht, dass das, was er getan hat, mit einem einfachen Handschlag zu entschuldigen ist.“

Noch auf der Rückfahrt informiert Tim die Mitglieder der „World of Warcraft“-Gilde. Sie fallen aus allen Wolken. Keiner von ihnen hatte jemals an Annas Echtheit gezweifelt. Am nächsten Morgen existiert Annas Account nicht mehr.

Tim hört nie wieder etwas von Thorsten.

[ *Alle Namen wurden von der Redaktion geändert]