So geht die 18-jährige Marlene mit ihrem Hirntumor um

Marlene steckt mitten im Abitur als sie erfährt, dass sie einen Hirntumor hat. Traurig ist sie deswegen aber ganz selten. Stattdessen teilt sie ihre Geschichte auf Instagram.

Marlene im Krankenhaus © Daniel Duft

Zuerst dachte Marlene, sie sei schwanger. Vor einem Jahr vor den Sommerferien musste sie sich morgens immer übergeben, auch wenn sie nichts gegessen hatte. Der Test war negativ, doch was war es dann?

Der Stress? Schule, Arbeit und ein Musical-Projekt, Freunde, Freund, Reitunterricht, das ist viel. Aber in den Sommerferien wurde es nicht besser. Eine Essstörung vielleicht? Alleine der Geruch von Essen ekelte sie an. „Ich wollte nicht mehr essen und ich habe mich nach dem Essen manchmal auch heimlich übergeben“, sagt Marlene, „Es war mir unangenehm.“

Marlene hat riesige blau-grüne Augen und ein ansteckendes Lachen. Hobbys: Reiten, singen, Freunde treffen. Eine ganz normale 18-jährige. „Ich bin in die 13. Klasse gegangen, ich wollte mein Abitur machen, ich war auch mitten im Abitur. Ich hatte einen Job an der Kasse bei Edeka. Ich hab meinen Führerschein gemacht.“

Marlene läuft Schlangenlinien

Im Winter überfällt sie die Müdigkeit. Marlene schläft in Sekunden ein. Bleierne Müdigkeit. Dann: Eine gute Phase. Im Skiurlaub kommt der Appetit zurück, Marlene isst wie ein Scheunendrescher. Die Verspannungen im Nacken und das Pochen auf dem Ohr schiebt sie auf einen kleinen Snowboard-Unfall.

Soweit so gewöhnlich, der Arzt verschreibt Krankengymnastik. Dass sie mittlerweile Schlangenlinien läuft, finden die Freunde witzig, sie selbst glaubt an Kreislaufschwierigkeiten.

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Anfang März fängt Marlene an, Doppelbilder zu sehen. „Ich dachte, ich drehe durch. Ich saß in der Schule, hörte kaum noch was durch das Pochen und konnte die Tafel nicht mehr erkennen.“ In der ersten Abiturprüfung geht Marlene ihren Mitschülern mit Schluckauf auf die Nerven, mehrmals überfällt es sie.

Gutartiger Hirntumor

Den Freitag darauf bekommt sie endlich einen Termin beim Augenarzt. Der bescheinigt ihr ein hervorragendes Sehvermögen – und weist sie direkt in die Klinik ein, um nach anderen Ursachen zu suchen. „Papa, ich bin ein Notfall, ich muss in die Klinik!“ Die Bücher für die Bioklausur am Montag noch im Auto, wird sie stundenlang untersucht. Dann heißt es: Gutartiger Hirntumor. Marlene kann es nicht fassen: „Ich dachte die ganze Zeit: Ich muss nach Hause, ich muss lernen, ich will mein Abitur schaffen!

Dann bin ich direkt da geblieben, auf Station. Mittwochs wurde ich dann operiert. Sie haben mir einen walnussgroßen Tumor raus geholt, es sah aus, als hätte er nicht gestreut.“

© Daniel Duft

Instagram und die Strahlentherapie

Zwei Wochen später packt Marlene ihre Sachen, sie soll eigentlich entlassen werden, das Leben geht weiter. Doch dann stehen zwei Ärzte in ihrem Zimmer: Der Tumor ist doch bösartig. „Die Ärzte haben gesagt: Sie müssen jetzt ganz stark sein, Sie müssen jetzt kämpfen. Und ich dachte immer: Was genau wollen die von mir, was soll ich machen? Mich gesünder ernähren oder was? Jetzt weiß ich es mittlerweile: Ich soll dagegen ankämpfen. Mit allem: Mit einer positiven Einstellung, mit den Gedanken. Ich darf die Krankheit nicht von mir Besitz ergreifen lassen.“

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Hilfe bekommt Marlene von ungewöhnlicher Seite: Wie so viele junge Frauen ist die 18-jährige bei Instagram. Seitdem sie krank ist, steigen ihre Followerzahlen in den Himmel: Knapp 50.000 sind es bislang (Stand: Donnerstag, 5.10.17), die ersten Werbekunden haben schon angeklopft.

Wie das geht? Marlene erzählt von Chemotherapie, von Bestrahlung so wie andere Leute vom Schuhekaufen. In kurzen Videoclips beantwortet sie Fragen: Wie läuft die Chemo in einen hinein? Was passiert bei der Strahlentherapie? Warum wird Nervenwasser entnommen? Und wie war das als die Haare anfangen auszufallen? „Ich finde das selbst total interessant“, sagt Marlene. „Normalerweise kommt man ja nicht an diese Dinge heran und ich frage die Schwestern und Ärzte selbst immer Löcher in den Bauch.“ Außerdem geht es um ganz normale Sachen: Das neue Lieblingsbuch und natürlich auch mal um Schuhekaufen, was einen eben so interessiert, wenn man 18 Jahre alt ist.

© Daniel Duft

Die kleinen Dinge

Die Krankheit sei mittlerweile ein Teil von ihr, aber: „Sie ist nicht ich. Es ist so, als hätte jemand mein Leben auf Pause gedrückt und wenn ich gesund bin, läuft es weiter.“ Am schlimmsten sei der Haarausfall gewesen. Beim kleinsten Windstoß flogen ihre langen blonden Haare vom Kopf wie die Samen einer Pusteblume. Mittlerweile trägt Marlene ihre Glatze mit stolz. Ihr Freund, Hobbyfotograf, setzt die junge Frau ästhetisch in Szene. Auf den Bildern erinnert Marlene oft an eine Schaufensterpuppe. Die Fans im Internet sind begeistert, so besonders, so hübsch, so positiv und offen ist Marlene.
Nur manchmal zeigt die Internetcommunity ihre seltsamen Auswüchse, so Marlene: „Dann schreiben mich Leute an und sagen: „Mein Vater hatte auch Krebs.“ Ich schreibe dann zurück: „Freut mich, dass er den Krebs überstanden hat!“ Und sie antworten: „Er ist vor zwei Wochen gestorben.“ Das ist natürlich nicht so aufmunternd.“

„Durch die Krankheit weiß ich das Leben viel mehr zu schätzen.“

So richtig in Fahrt kam ihre Instagram-Seite, als Marlene ein romantisches Päarchen-Knutschbild von sich und ihrem Freund zeigte, sie selbst damals schon kahl. „Da kamen Reaktionen aus der ganzen Welt, mein Freund sei ein „Ehrenmann““, kichert die 18-jährige.

Mit ihrer positiven Art kann man kaum glauben, dass bis vor kurzem eine tickende Zeitbombe in ihrem Kopf wuchs. Denn: „So blöd es auch klingt, eigentlich bin ich für alles froh. Mir sind so viele gute Sachen passiert, seit ich krank geworden bin. Mein Leben ist wirklich besser geworden.“

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Sie sei schon immer ein positiver und glücklicher Mensch gewesen, aber immer ein Stück weit unzufrieden. Denn schließlich gibt es so viele Möglichkeiten, etwas zu tun: Die Welt erkunden, ein Pferd haben, Schauspielern, Singen, Studieren. „Ich wollte vieles machen, aber habe nicht alles geschafft und dann war ich frustriert. Irgendetwas hat mich immer gestört. Durch die Krankheit weiß ich das Leben viel mehr zu schätzen. Die kleinen Dinge, wenn ich einen guten Tag habe. Ich weiß jetzt wie wichtig und besonders das ist. Ich bin viel zufriedener. Und das Verhältnis zu meiner Familie und zu Freunden ist viel enger geworden.“

© Daniel Duft

Marlene, die Mutmacherin

Angst vor dem Tod habe sie keine, sagt sie, sie weine auch fast nicht, sie wisse auch nicht wieso. Und auch die Frage nach dem Warum stelle sie sich nicht. „Die Frage kann man nicht beantworten, ich habe einfach Pech gehabt. Es ist nichts erbliches, da kann überhaupt niemand was für. Deswegen stelle ich mir die Frage „Warum ich?“ eigentlich nicht, es bringt mir überhaupt nichts.“ Was sie sich immer wieder sage, auch um stark zu bleiben: „Krebs ist eine Krankheit gegen die die ganze Menschheit kämpft und vor der alle Angst haben. Nur die Stärksten schaffen es. Und vielleicht war es doch Schicksal, dass gerade ich sie bekommen habe, weil ich eine sehr starke Person bin und ich das einfach schaffen kann. Und ich kämpfe für alle anderen mit, ob krank oder gesund.“

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Hilfreich sei, so abwegig es klingt, dass Marlene vorher so lange gelitten hat und nun endlich weiß, was mit ihr los ist. Dass sie nicht verrückt, schwanger, essgestört ist, sondern dass sie Krebs hat. Etwas Greifbares. Mittlerweile ist Marlene selbst eine Mutmacherin geworden. „Ich durfte selbst so viel Unterstützung erfahren, dass ich auch anderen Leuten helfen möchte.“ Als Gast der Gruppe Blogger 4 Charity half sie bei der Spendensammlung für krebskranke Kinder. Und das, obwohl Marlenes Immunsystem durch die Chemotherapie sehr geschwächt ist. Denn auch wenn die Power in Marlene fast überquillt: Noch verbringt sie viel Zeit im Krankenhaus. Was sie nach der Krankheit macht, das weiß sie noch nicht so genau. Wichtig ist nur, dass sie ihr Leben bald wieder auf Start stellen kann.