So geht es jungen Türk*innen in Istanbul

Die Türkei befindet sich seit des vereitelten Putschs vom 15. Juli im Umbruch. Wie stehen junge Türk*innen zu Erdoğan, den Putschisten und zur Lage des Landes? Wir haben vier von ihnen befragt.

Noch immer sind viele Fragen offen: Wer steckt hinter dem Putschversuch? Entfernt sich die Türkei nun endgültig von einer Demokratie? Wie werden die EU und die Nato künftig dazu Stellung beziehen? Die politischen Folgen des Putschversuches liefern innerhalb des Landes wie auch international viel Stoff für Diskussionen und Analysen.

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Wir haben junge Türk*innen gefragt, wie sie die Situation beurteilen und welche Konsequenzen die Politik für ihr Leben hat.

Elif

Die 25-jährige Elif* arbeitet als Anwältin in Istanbul. Die Nacht des Putschversuches hat sie, wie so viele, gebannt vor dem Fernseher verbracht. „Ich verstehe nicht, wie ein Präsident sein eigenes Volk auf die Straße schicken kann, dass sie ihr Leben für ihn riskieren. Erdoğan hat in meinen Augen diese vielen Tode von Zivilisten verursacht!“, meint sie mit wütender Stimme.

In ihrer Heimat Türkei fühlt sie sich schon seit längerer Zeit nicht mehr so recht wohl. Aufgebracht erzählt sie, wie sie sich seit dem Putschversuch mehr denn je in ihrer persönlichen Freiheit wie auch im Beruf eingeschränkt fühlt. „Ich wurde damals suspendiert, als ich mich während der Gezi-Proteste gegen unfaire Gerichtsprozesse für Kurden und Regierungskritiker eingesetzt habe. Nun werden kurzerhand mehr als 2700 Richter suspendiert, die der Regierung im Weg stehen könnten. Das kann man keinen Rechtsstaat nennen. Ich möchte dies nicht weiter hinnehmen.“

Schon vor dem Putschversuch hatte sie mit dem Gedanken gespielt, von der Türkei auszuwandern. Nun nimmt dieser Plan sehr konkrete Form an, sie hat sich für ein australisches Visum beworben. Ihre Stimme ist leiser geworden als sie sagt: „Ich bringe es aber kaum über mein Herz, meine Familie zu verlassen.“

Ahmet

Ahmet* hingegen ist in diesen Tagen in Feierstimmung. „Der 15. Juli und die folgenden Tage werden in die türkischen Geschichtsbücher eingehen“, sagt er mit einem großen Lächeln. Mit einer Türkeifahne in der Hand lauscht er auf dem Taksim-Platz gebannt einem Redner, der die gestorbenen Zivilisten als Märtyrer lobt und betont, der Sieg des türkischen Volkes müsse nun gefeiert werden.

Ahmets Cousin ist einer dieser Zivilisten, die in der Putschnacht gestorben sind. Für Ahmet steht darum fest: „Die Todesstrafe ist die einzig richtige Bestrafung für die Putschisten, sie sollen mit ihrem Leben bezahlen, für den Verrat an ihrem eigenen Land.“

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Ahmet arbeitet für „Yeşilay“, eine Organisation, die sich gegen Tabak, Alkohol und andere Suchtmittel einsetzt. Er hofft, die Türkei könnte in Zukunft weniger säkulär sein. „Religiöse Werte müssen wieder mehr Bedeutung erlangen. Dann wäre es zum Beispiel einfacher, Alkohol offiziell zu verbieten, was sehr gut für uns wäre.“ Er ist stolz auf sein Land – und ruft im Lärm der Feiernden: „Ich denke, der Türkei steht eine tolle Zukunft bevor, endlich geht es in die richtige Richtung!“

Özgür

Özgür* sitzt gedankenverloren in seinem Büro, von wo aus man gelegentlich die Sprechchöre der feiernden Menschen hört. Bevor der 35-Jährige sein Startup gegründete, hat er für die HDP gearbeitet. Weil er eine Rede auf einer Gezi-Kundgebung gehalten hatte, wurde er damals für ein Jahr von seiner Universität suspendiert.

Inmitten der rasanten politischen Entwicklungen seines Landes fühlt er sich machtlos. „Ich fühle mich leer und verloren, ich habe nicht das Gefühl, etwas Sinnvolles oder etwas Bedeutungsvolles tun zu können. Wenn ich als Regierungsgegner in diesem Land friedlich auf die Straße gehe, werde ich bestraft oder könnte verhaftet, vielleicht sogar getötet werden.“ Özgür wirkt resigniert, wenn er sich an die Gezi-Proteste erinnert. „Damals schien alles möglich. Die Euphorie, die wir damals gespürt haben, sehe ich nun in den Augen der Menschen, die im Namen dieser autokratischen Regierung auf der Straße feiern.“

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Er kann die Menschen ein Stück weit verstehen, sich aber nicht mit ihren Vorstellungen identifizieren. „Sie haben ein Recht, wütend über die Verluste an Menschenleben zu sein und sie feiern nun, was sie für ihr Land als gute Entwicklung empfinden. Ich selbst fühle mich nicht mehr als Teil dieser Gesellschaft und dieses Landes. Ich habe genug von den schlechten Nachrichten, ich konzentriere mich nun auf meine Arbeit und halte mich aus politischen Debatten raus.“

Umut

Umut* ist 20 Jahre alt, er hat vor drei Jahren in der Schule die ein oder andere Prüfung ausfallen lassen, um bei den Gezi-Protesten zu demonstrieren. Nun hat er ein Zahnmedizinstudium begonnen und ist weiterhin politisch aktiv bei einer kommunistischen Organisation. „In den ersten Stunden des Putsches habe ich ehrlich gesagt insgeheim gehofft, er würde vielleicht gelingen und uns vom Erdoğan-Regime befreien“, sagt er vorsichtig.

Im Verlauf der Putschnacht musste er jedoch feststellen: So hat er sich eine Erneuerung der türkischen Regierung dann doch nicht vorgestellt. Die Alternative zum Militärregime in Form der AKP-Regierung missfällt ihm auch sehr. Am Sonntag fand erstmals eine Kundgebung verschiedener linker Gruppen unter Leitung der CHP statt. „Das war das erste Mal seit dem Putschversuch, dass ich wieder einen Funken Hoffnung gespürt habe, die Stimmung hat mich an Gezi-Zeiten erinnert“, sagt Umut mit einem Lächeln. Er möchte in der Türkei bleiben und weiterhin für eine Demokratie kämpfen, wie er sie sich erträumt.

* Die Namen wurden geändert weil sich die Befragten vor Repressionen fürchten.