So hart ist Fahrradfahren in Berlin

Fahr mit dem Rad zur Arbeit, haben sie gesagt. Das geht schneller, ist gesünder und viel weniger stressig, haben sie gesagt. Nach ein paar Wochen sage ich: Ihr habt ja keine verdammte Ahnung! 

Fahrrad

Fahrradfahren in Berlin - keine leichte Sache © Svea Anais Perrine / Photocase

Seit Kurzem besitze ich ein Fahrrad. Es heißt Alfons und ich liebe es. Das muss ich auch, denn natürlich wurde ich beim Kauf gnadenlos über den Tisch gezogen. Hastig aufgepinseltes Schwarz legt sich blättrig über mehrere Altfarbschichten und Rostflecken, der Dynamo funktioniert nur an ungeraden Tagen, keinesfalls jedoch bei Regen, irgendwas quietscht nervenzerfetzend und hört immer dann auf, wenn ich nachgucke und das Nichtvorhandensein einer Gangschaltung, was erst noch zeitgemäß minimalistisch und charmant erschien, erwies sich schon bald als eklatanter Nachtteil.

Aber wer Fahrrad fährt, der tut was für die Umwelt und die eigene Gesundheit. „Regelmäßiges Radeln bringt den Blutkreislauf auf Trab, erhöht das Schlagvolumen des Herzens, beruhigt seine Pumpleistung und vergrößert das Blutvolumen“, schreibt der ADFC auf seiner Website. Klingt fantastisch!

Ich radele jedoch zwanzig Minuten beinahe ausschließlich neben Lastwagen her. Gut, nach einer Kindheit in den 1980ern ist mein Körper einiges gewöhnt. Damals haben die Erwachsenen noch im Auto geraucht, mit geschlossenen Fenstern. Dennoch kann ich beim Radfahren förmlich fühlen, wie sich mit jedem japsenden Atemzug der Feinstaub fröhlich in meinen Bronchien einnistet.

Und mein Arbeitsweg führt nun einmal nahezu ausschließlich an mehrspurigen Hauptverkehrsstraßen entlang. 7.724 Unfälle mit Fahrradfahrer*innen-Beteiligung gab es 2015 laut Polizei in Berlin, Tendenz leicht steigend. Das ist okay, ich liebe die Gefahr.

Trotzdem trage ich einen Helm. Unter anderem deshalb, weil mein helmloser Englischlehrer dereinst einen Fahrradunfall gehabt hat und eine Zeitlang mit einer beim besten Willen nicht zu ignorierenden Delle in der Schädeldecke unterrichten musste. Immerhin sieht mein Helm aus wie eine Wassermelone, was in erster Linie dazu führt, dass völlig Fremde mich auslachen anlächeln. Aber wenn schon bekloppt aussehen, dann konsequent. Da mache ich keine halben Sachen.

In Berlin ist ein Fahrradhelm auch dringend anzuraten. Hier interessiert sich ja ohnehin kaum jemand für irgendwen anderes, aber Fahrradfahrer*innen rangieren auf der Wahrnehmungsskala noch unter Straßenmusiker*innen. Man sieht und hört uns einfach nicht. Selbst, wenn wir pfeifen oder singen – alles schon ausprobiert. Besonders tückisch sind in diesem Kontext die Radwege, die zwischen Fahrbahn und parkenden Autos entlangführen. Sie sind zwar baumwurzel- und schlaglochfrei (Halleluja!), halten aber ein ganz anderes Gefahrenpotenzial bereit und sind ein ideales Beispiel von „gut gemeint ist das Gegenteil von gut“. Zack, Fahrertür auf – mit Glück schießt dann lediglich vollbremsungsinduziertes Adrenalin durch die Adern und man muss hinterher nicht blutüberströmt seine Schneidezähne vom Asphalt klauben.

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Von den lästigen Zweite-Reihe-Parkern ganz zu schweigen: Paketboten, Umzugswagen, Baufahrzeuge und Taxis stehen in seelenruhigem Selbstverständnis fern jeden Unrechtbewusstseins auf dem Radweg. Und ich habe die Wahl: zu den irren Hobby-Vettels auf die Fahrbahn oder auf den Fußweg ausweichen und von Gehweg-Hyänen bepöbelt werden. So gelange ich selten unter zwei erfrischenden „Pass doch auf, du dumme Arschgeige!“ zur Arbeit.

Doch Gefahr und Feindschaft drohen nicht nur von Autofahrer*innen und Passant*innen, sondern auch von anderen Radfahrer*innen. Sie klingeln nicht, sie überholen rechts, sie schneiden. Vor allem channeln sie ihren inneren Lance Armstrong und zischen Ehrgeiz-zerfressen an mir vorbei, als ginge es um die letzte Etappe der Tour de France. Niemand außer mir scheint gemütlich zur Arbeit zu düdeln. Aber niemand außer mir fährt mit Alfons.

[Außerdem bei ze.tt: In Kopenhagen gibt es mehr Fahrräder als Autos]

Zu meiner Genugtuung sehen wir uns allerdings meist an den Ampeln wieder, da ist morgens nämlich Fahrradstau. Und das ist auch kein Wunder, wenn alle zur gleichen Zeit zur Kita, Uni oder ins Büro wollen. In Sachen Rushhour unterscheidet sich Radfahren in Berlin daher bloß minimal vom vollgestopften ÖPNV. Entscheidender Vorteil: Niemand atmet mir feuchtwarm in den Nacken und ich bin weder olfaktorischen Missgriffen an der Douglastheke noch den Konsequenzen mangelnder Körperhygiene ausgesetzt.

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Rechtfertigend möchte ich noch anmerken, dass meine entschleunigende Fahrweise mehrere Gründe hat. So ist es in Berlin beispielsweise oft windig. Und ich bin von Natur aus nicht sonderlich stromlinienförmig gebaut, sitze notgedrungen aufrecht (Hollandrad) und mein Helm ist, wie bereits erwähnt, eher ironisches Statement als windkanaloptimiertes Modell. Unterm Strich heißt das: Ich kann mich abstrampeln, wie ich will – ich werde selbst von Senior*innen mit Rollator, Krabbelkindern und Fußlahmen überholt.

Gäbe ich mir nicht solche Mühe, ich würde vermutlich rückwärts radeln. Glücklicherweise übertönt das Heulen des Windes zumindest weitgehend mein Ächzen und Schnaufen. Eine Sportskanone war ich nie, aber dieses allmorgendliche Vollversagen nagt doch ein wenig an der mühsam zurechtgezimmerten Selbstlüge von Jungdynamik und gefühlter Fitness.

Wenn ich also bei der Arbeit ankomme, bin ich gestresst, verrußt, durchgeschwitzt, aggressiv, habe Puls, finde mich alt und lahm, wurde ausgelacht, gedemütigt und hasse alle Menschen in Berlin.

Nie fühle ich mich lebendiger.