So hat Social Media unser Essverhalten verändert

Viele der Ernährungstrends im Netz sind eher gesundheitsschädlich. Von mancher Idee können Hobbyköche aber profitieren.

Freakshakes. Danke, Internet. © freakshakes / Instagram

1. Du teilst dein Essen mit Freunden, aber nicht am Küchentisch

Essen und der Umgang mit Lebensmitteln sind immer kulturell und zeitgeschichtlich bedingt. Bestand bei den Großeltern die Hauptmahlzeit noch aus einem gemeinsamen Mittagessen, verteilen sich die Essenszeiten mittlerweile über den ganzen Tag. Und auch das Essen als familiärer Akt ist selten geworden. Viele Menschen nehmen ihre Mahlzeiten alleine ein, das Essen wird zur Nebensache degradiert. Dafür lassen wir immer mehr (virtuelle) Freunde an unserem Essen teilhaben – auf Instagram, Snapchat oder Facebook via #foodporn. Durch Social Media tritt das Essen aus dem privaten Kreis und wird zu einer interaktiven, sozialen Handlung.

2. Mukbang 먹방 – nie wieder alleine essen

In Korea, wo viele Menschen im Alltag alleine essen, entstand der Foodtrend Mukbang (먹방). Dort sehen wir zumeist jungen Koreanern dabei zu, wie sie Unmengen von Nahrung vor der Kamera essen. Auch in Deutschland ist der Trend bereits angekommen: Ihr könnt, anstatt allein mit eurer Müslischüssel am Schreibtisch zu sitzen, unter anderem mit dem sympathischen Raphael von how things look like frühstücken.

3. Essen als neuer Lifestyle – du bist, was du bloggst

Our #PowerSalad in a Jar is the perfect #packedlunch. Fill it with goodness – boiled egg, lots of veg, quinoa or even leftover roast chicken! Find the recipe on p160 of #GoodAndSimple #hemsleyhemsley

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Oft werden Foodbilder oder Videos nicht nur gepostet, um Freunde am eigenen Essen teilhaben zu lassen, sondern um sein eigenes Image zu pflegen. Ihr sitzt zum Beispiel vor einem wunderbaren Salat mit Cashew-Quinoa-Topping und verspürt den Drang, das Handy zu zücken. Beim Teller Ofenpommes, den ihr mit viel Ketchup im Bett liegend verdrückt habt, kam euch der Fotogedanke irgendwie nicht. Social Media geben dem Satz „Sag mir was du isst und ich sag dir wer du bist“ eine ganz neue Bedeutung. Es wird nicht mehr nur gegessen, um satt zu werden – Essen spiegelt unsere Lebensphilosophie wider. Foodblogs demonstrieren das deutlich: Hier geht es nicht nur darum, passende Rezepte zu finden, sondern man erfährt auch oft mehr über das Leben der*des Verfasser*in.

4. Das Web als unendliches Kochbuch

Nicht nur unzählige Foodblogs liefern Rezeptideen. Ganze Onlinecommunitys beschäftigen sich mit dem Thema Ernährung. Bereits Mitte der 1990er Jahre starteten Webseiten, auf denen Menschen ihre Leidenschaft rund ums Kochen und Backen virtuell mit anderen teilten. Deutsche Foodies trafen sich ab 1998 auf Chefkoch, Amerikaner versammelten sich auf Chow. Hier kann jede*r Rezepte und Bilder hochladen, es wird diskutiert und jede Frage zum Thema Essen beantwortet. Wenn wir wissen wollen, was es in Indien, Vietnam oder irgendwo anders auf der Welt zu essen gibt, werden wir im Internet fündig.

5. Hauptsache es sieht gut aus!

Das Fotografieren und Posten von Foodbildern führt nicht nur zu einer Offenlegung des persönlichen Essverhaltens. Auch Restaurants haben den Trend aufgegriffen und für sich weiterentwickelt. Köche*innen und Restaurantbesitzer*innen kreieren mittlerweile selbst Instafood – Essen, das dazu gemacht ist, per Foto auf allen sozialen Netzwerken geteilt zu werden. Der Look entscheidet. Serviert wird, was die Crowd glücklich und hungrig macht. So entstand der Freakshake: ein Milchshake, bei dem alle Instafreunde neidisch werden und fleißig liken.

6. Die Fans bestimmen, wo und was ihr esst

Wer ein Restaurant oder Café sucht, verlässt sich heutzutage auf Netz-Rezensionen. Plattformen wie Foursquare, TripAdvisor oder Yelp machen es möglich: Jede*r kann auf diesen Plattformen öffentliche Bewertungen geben – nicht nur Gourmets oder Expert*innen. Die Masse entscheidet, welche Locations ‚gut‘ sind und welche nicht. Schon lange steht dabei nicht allein die Qualität des Essens im Vordergrund, sondern auch die Einrichtung des Lokals. Denn schließlich soll der Hintergrund unseres Cinnamon-Latte-Posts auf Instagram gut aussehen.

7. Die Grenzen zwischen Lifestyle, Essverhalten und Krankheit verschwimmen

[Außerdem bei ze.tt: Wenn gesunde Ernährung zur Krankheit wird: Lara hat Orthorexie]

Der Hype um #foodporn bringt auch negative Folgen mit sich. Zu Clean Eating, dem Foodtrend 2016, erschienen mehrere Artikel im Zusammenhang mit Orthorexie. Das Befolgen von Ernährungsregeln, die bestimmen welche Lebensmittel gesund und gut für den Körper sind, kann zu einem krankhaften Verhältnis zum Essen führen. In Foren und Chats treffen sich Menschen mit Essstörungen und bestärken sich gegenseitig in ihren Esszwängen. Auch auf Instagram, Facebook oder Pinterest sind sogenannte „thinspirations“ zu finden. Vor allem Jugendliche mit geringem Selbstwertgefühl können dazu verleitet werden, „gesünder“ zu essen, mehr Sport zu treiben.

8. Teile und rette dein Essen!

Egal wie wir zu Foodposts, Blogs oder Foren stehen mögen – das Internet ermöglicht auch einen positiven Trend: das Foodsharing. Lebensmittelretter*innen organisieren sich über die Foodsharing-Plattform und Facebook-Gruppen und retten Essen vor der Mülltonne. Auch Restaurants, Läden und Supermärkte nehmen am Foodsharing teil und lassen ihr Essen abholen. Die App ResQ ermöglicht es Lokalen, ihr übriges Essen online zu stellen und zu einem günstigeren Preis an alle Appbesitzer*innen zu verkaufen. So machen die Läden keinen Verlust und die Retter*innen freuen sich über eine leckere und günstige Mahlzeit.