So ist es, seine Ausbildung im Sexshop der Mutter zu machen

Leslie Pumm hat seine Ausbildung im Erotikgeschäft seiner Mutter gemacht. Kein Job wie jeder andere – mit teilweise bizarren Kunden.

© dpa

Wühltisch in einem Sexshop: "Ich kann nur jeden ermutigen, sich ein eigenes Bild zu machen." © dpa

Sechs Monate hat Leslie Pumm es in einem Elektro-Fachmarkt ausgehalten. Dann hat er die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgebrochen. Es war einfach nichts für ihn, erklärt der heute 22-Jährige. Er sollte möglichst viele Zusatz-Garantien verkaufen, was er aber nicht wollte.

Er hat sich umgeschaut, wo er die Ausbildung weitermachen kann. Bis seine Mutter auf die Idee kam, dass er doch bei ihr einsteigen könne. Sie besitzt jedoch keinen gewöhnlichen Laden, sondern einen Sexshop. Erotik statt Elektronik.

Ihr Geschäft gehört zu einer großen Kette, die sich lieber „Lifestyle-Anbieter von Erotikartikeln“ als Sexshop nennt. „Aber wenn es da einen Analplug mit 13 Zentimetern Umfang gibt, was ist es sonst, wenn nicht ein Sexshop?“, sagt Leslie. „Da geht es auch um knallharten Fetisch-Sex.“

Für Freund*innen ist er jetzt gefragter Sex-Experte

Dass Leslie mit seiner Mutter zusammengearbeitet hat, war für ihn nur am Anfang komisch. Es hatte vor allem Vorteile für den Azubi: Sie hatten kein Chefin-Angestellten-Verhältnis. Leslie konnte auch mal früher gehen, wenn er einen Termin hatte. Dass sie Kondome, Dildos oder Peitschen verkaufen, hat ihn nie gestört. „Sie hat mich äußerst liberal erzogen, weshalb das nie ein Tabuthema für mich war.“

[Außerdem auf ze.tt: Sklave einer Domina: Er hat seine Arbeit, er hat mich und mehr gibt es für ihn nicht]

Außergewöhnlicher als er selbst finden es Freund*innen und Bekannte, wenn er ihnen davon erzählt. „Da werden natürlich ihre Augen groß, damit rechnet ja niemand.“ Wenn es in seinem Freundeskreis um Sexspielzeug oder Gleitgel geht, ist er seitdem ein gefragter Experte.

Wichtiger war sein Wissen aber natürlich für die Käufer*innen. Da gab es diejenigen, Leslie nennt sie „gedecktere Kunden“, die in den Laden kommen und schon wissen, was sie suchen. Das holen sie, bezahlen, fertig. „Das sind meistens die jüngeren Leute“, sagt der Berliner.

„Selbst das Größte, was ich zu bieten hatte, war noch zu klein“

Die Älteren dagegen, „die wollen es oft nochmal richtig krachen lassen.“ Kopfkino war dabei für Leslie fast nie ein Problem. „Meine Gedanken endeten an der Kasse“, erklärt er. „Wenn ich etwa einen riesigen Dildo verkauft habe, will ich mir gar nicht vorstellen, ob der Kunde sich den an die Wand hängt oder doch eine Öffnung dafür findet.“

Denn vor allem stumpfe man bei der Arbeit ab. Er stand jeden Tag zwischen Vibratoren, Dessous, Pornos und Gummipuppen. „Irgendwann sieht man nur noch die Schachteln.“ Ein paar Momente gibt es aber doch, die Leslie nicht vergessen wird.

[Außerdem bei ze.tt: Ein ganz normaler Abend im Swingerclub]

Als er etwa einem Ende-80-Jährigen eine Lackdecke verkauft hat, um das Bett abzudecken. „Da musste ich innerlich schmunzeln und überlegen, was er damit vorhat.“ Oder als ein Kunde kam, der täglich Analplugs trägt, und etwas gesucht hat, was überhaupt noch passt. „Selbst das Größte, was ich zu bieten hatte, war noch zu klein“, erzählt er. „Da musste ich um Fassung ringen.“ Aber, das betont Leslie, dabei habe es sich um Einzelfälle gehandelt. „Es ist nicht so krass, wie viele immer denken.“

Die Unerfahrenen bekommen zuerst eine Führung durch den Shop

Denn im Alltag war es ganz normale Beratung. Wenn etwa, was oft vorkommt, ein Paar in den Laden kommt, das schon länger zusammen ist. Sie wollen etwas Neues ausprobieren. „So eine offene Beratung macht natürlich am meisten Spaß“, sagt Leslie.

Den ganz Unerfahrenen hat er erst einmal eine Führung durch den Shop gegeben, um zu zeigen, was er alles im Angebot hat. „Es gibt ja so viele Möglichkeiten, mehr Spaß ins Liebesleben zu bringen“, sagt er. „Nach der Tour habe ich meist schon gemerkt, in welche Richtung es gehen soll.“

Weniger nachdenken, einfach mal reingehen

Dass Erotikläden immer noch ein schmuddeliges Image haben, ist ihm bewusst. Doch Leslie versteht es nicht. „Die Kunden kommen aus der Mitte der Gesellschaft“, sagt er. Anzugträger*innen, die sonst eher Versicherungen verkaufen. „Bauarbeiter, die gerade Pause haben und noch ein Filmchen für den Abend suchen.“ Aber auch Rentner*innen und Schüler*innen.

[Außderdem auf ze.tt: Wie zwei Frauen ihr Studium mit Sex finanziert haben]

Dass er die, wenn sie unter 18 waren, wieder rausschicken musste, findet Leslie unsinnig. Immerhin dürfen sie Sex haben und sich das alles auch im Internet bestellen. „So ein Besuch im Sexshop kann ja auch bilden“, sagt er. „Das ist auch sexuelle Aufklärung.“

Heute arbeitet der Berliner als Mediengestalter, weil es ihm im Sexshop zu viel Routine und wenig Kreativität gab. „Aber ich kann nur jeden ermutigen, sich ein eigenes Bild zu machen.“ Viel mehr Leute sollten ihre Berührungsängste abbauen. „Weniger darüber nachdenken, sondern einfach mal reingehen.“