So kämpft ein Mann gegen Homophobie an deutschen Schulen

In dem fiktiven Fach Homologie schlüpft Theaterpädagoge Timo Becker in die Rolle von Malte Anders. Er thematisiert Ausgrenzung, Diskriminierung und Mobbing. Und will Homosexualität enttabuisieren.

„Guten Morgen, mein Name ist Malte Anders und ich darf euch heute eine Stunde in Homologie verpassen.“ Ein junger Mann mit Karohemd und umgedrehter Basecap steht auf der Bühne. Ein Buch in der Hand: Homologie steht drauf. Homologie ist ein Fachbereich der Biologie. Eigentlich. Heute ist es eine Unterrichtsstunde über das Anderssein. Gehalten von Malte Anders.

160 Schüler*innen der achten Stufe sitzen in der Aula der Schillerschule in Frankfurt am Main und hören zu. Anders arbeitet sich durch die wichtigsten Unterrichtsfächer: Deutsch, Englisch, Mathe und Geografie. Immer mit Bezug zur Homosexualität. In Geografie erfahren die Schüler*innen, dass in Saudi-Arabien für Schwule die Todesstrafe droht. In Mathe rechnet Anders aus, dass rund zehn Prozent der Deutschen homosexuell sind, also 8,1 Millionen. In Biologie zeigt er Bilder und erzählt, dass jeder fünfte Pinguin schwul ist und es sogar schwule Delfine gibt, die Nasalsex haben.

Die Schüler lachen, tuscheln und hören im Wechsel ernst zu. Denn zwischendurch erzählt der schwule Malte Anders von seinem persönlichen Leben, über sein Coming-out bei Oma Else oder den Freund Bilal, mit dem er über seine Homosexualität sprechen kann.

Schwuchtel und Homo sind immer noch gängige Beleidigungen

„Ich will, dass die Schüler auf lockere Weise über das Thema Homosexualität nachdenken“, sagt Timo Becker, 33 Jahre alt. So heißt Malte Anders wirklich, wenn er nicht auf der Bühne steht. Homophobie sei noch immer ein Problem auf deutschen Schulhöfen. Schwuchtel und Homo sind gängige Beleidigungen und schwul sowieso alles, was gerade stört. Die Hausaufgaben sind schwul. Der Unterricht ist schwul. Das Lehrpersonal auch. „Und jedes Mal wenn man dieses Wort als schwuler Jugendlicher hört, ist das wie ein Schlag in den Nacken“, sagt er. Also müssten die Schüler*innen darüber nachdenken. „Sie sollen die Normalität des Andersseins verstehen“, sagt er.

Dazu macht er ein Beispiel, welches viele der Schüler*innen nachvollziehen können. „Wenn ich als blonder Deutscher Probleme mit meinem türkischen Mitschüler habe. Muss dann der Mitschüler aufhören ausländisch zu sein oder ich meine Meinung ändern?“ Die Antwort schallt aus dem Publikum: „Du musst deine Meinung ändern!“, rufen viele. „So ist es auch mit der Homosexualität“, sagt Timo. „Schwul ist man einfach und ich habe ja kein Problem damit, dass ich schwul bin.“

Die Schüler sehen, dass jemand selbstbewusst mit diesem Thema umgehen kann.“ – Timo Becker

Seit 2014 arbeitet Timo Becker als Theaterpädagoge. Mit Demenz- und psychisch Erkrankten entwickelt er Theaterstücke. In seiner Rolle als Malte Anders fährt er mit verschiedenen Programmen in Unternehmen und Schulen. Macht dort Coachings oder das kabarettistische Aufklärungsprogramm Homologie. Damit will er erreichen, dass über das Thema gesprochen wird. „Die Schüler sehen, dass jemand selbstbewusst mit diesem Thema umgehen kann“, sagt er. Im Unterricht sei dieser Anstoß schwieriger, sagt eine Lehrerin. „Sich einfach vorne hinstellen und fragen: Was haltet ihr von Homosexualität?“ Das funktioniere nicht. Homologie sei ein Eisbrecher für das Thema.

Zunächst große Skepsis an den Schulen

Bevor Becker Homologie in den Schulen aufführen konnte, ging er einen langen Weg. 2015 startete er ein Crowdfunding. Insgesamt haben sie 9.000 Euro gesammelt. „Dann folgte ein ewig langer Zeitraum, bis wir die ersten Schulen gefunden und überzeugt haben.“ Am Anfang war die Skepsis groß. Manche Schulen hatten Bedenken vor den Reaktionen muslimischer Eltern. Andere vor den Reaktionen christlicher Eltern. „Anfang 2016 haben wir dann bestimmte Lehrer mit ihrer Klasse zu Vorführungen in das Gallus Theater eingeladen“, sagt er. Viele waren begeistert, warben im Kollegium und es folgten die ersten Aufträge. Mittlerweile läuft das Programm gut. „Von Ostfriesland bis München, von Hauptschule bis Altenpflegeschule war alles dabei“, sagt er. In den Schulen tritt er meist vor mehreren Klassen auf. Der Auftritt kostet die Schulen 580 Euro.

Abseits der anfänglichen Skepsis und einiger Hasskommentare in den Sozialen Medien wird sein Programm positiv aufgenommen. „Es gab keinen Fall, wo Eltern das wirklich boykottiert haben“, sagt er. Skepsis, klar, die gebe es. Aber mit dieser müsse er umgehen. Und will es auch. Wichtig sind ihm deswegen die eigenen Fragen der Schüler*innen, die sie nach dem Auftritt auf Zetteln stellen können. Anonym.

Becker mischt seine eigene mit einer fiktiven Geschichte

„Bist du wirklich schwul oder war das nur gespielt?“, steht heute auf einer der Karten. „Ich bin wirklich schwul“, sagt Timo Becker. „Hast du einen Freund?“ – „Ja, er lebt in Barcelona.“ Ob sie gemeinsam Kinder haben möchten, ob er mal in eine Frau verliebt war, so geht es weiter. Während Malte Anders und seine Geschichte fiktiv ist, sitzt dort oben nun Timo Becker und erzählt seine eigene. Wie er sich in ein Mädchen verliebt hat, weil er dachte sie sei ein Junge. Und während Malte Anders‘ Eltern sein Coming-out ganz locker nehmen, erzählt Timo Becker, wie es seinen Eltern sehr schwer fiel, seine Homosexualität zu akzeptieren. „Meine Mutter hatte damit ein ganz großes Problem“, sagt er.

Becker selbst ist im Lahn-Dill-Kreis aufgewachsen und zur Schule gegangen. Mitten auf dem Dorf. „Das Thema Homosexualität ist in meiner Heimat bis heute keins, über das man offen spricht“, sagt er. Während seiner Schulzeit suchte er nach Menschen, mit denen er reden konnte. Nach Vorbildern. „Aber da sind immer wieder diese Rollenbilder: Du musst heiraten, du musst eine Familie gründen, du musst ganz normal sein, weil Homosexualität, die gibt es nicht“, sagt er. Homophobie war immer präsent. „Geoutet habe ich mich deshalb erst mit 19, als ich nach Frankfurt kam. Hier konnte ich erst meine Homosexualität ausleben.“ Dann hat er schnell gelernt: Homosexualität ist nichts Schlimmes, nichts was ihn behindert oder einschränkt. „Im Gegenteil, mein Leben hat sich immer freier angefühlt“, sagt er. Jetzt hat er einen festen Stand im Leben gefunden. Das er will an die Schüler*innen weitergeben und zeigen, dass man selbstbewusst und schwul sein kann. „Homologie ist ein erster Anstoß, über das Thema nachzudenken.“

Das Thema Homosexualität ist in meiner Heimat bis heute keins, über das man offen spricht.“ – Timo Becker

Zu einem Coming-out in der Schule rät er jedoch nicht pauschal. „Am nächsten Tag sind die Schüler wieder in der Klasse und müssen sich mit der Homophobie auseinandersetzen“, sagt er. Er will das Thema enttabuisieren und empfiehlt schwulen Jugendlichen sich zunächst Menschen zu suchen, mit denen sie darüber sprechen können. Damit möglichst viele die Angst davor verlieren, wird er weiter Homologie unterrichten. „Das Schönste wäre natürlich, wenn wir irgendwann so was nicht mehr bräuchten.“


Korrekturhinweis: In der ersten Fassung dieses Textes hieß es, dass rund zehn Prozent der Deutschen schwul sind, also 8,1 Millionen. Es muss aber „homosexuell“ heißen. Wir haben die Passage entsprechend geändert.