So läuft es ab, wenn der deutsche Staat sechs Tonnen Gras bestellt

Seit März gelten neue Gesetze für die Verschreibung von medizinischem Marihuana. Jetzt braucht Deutschland Gras – und hat festgelegt, was die Anbaubetriebe leisten müssen.

Deutschland ist bekannt für seine Regeln, Gesetze und peinlich genaue Bürokratie. Warum sollte das anders sein, wenn der Staat auf einmal jede Menge Gras braucht. Unter dem Eintrag „Lieferungen – 131987-2017“ im Amtsblatt der Europäischen Union lässt sich sehen, wie Deutschland künftig sein Gras beschaffen möchte. Auftraggeber ist das in Bonn ansässige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das sich seit Kurzem darum kümmern muss, Gras in vernünftiger Qualität heranzuschaffen.

Denn seit dem 10. März gilt das Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften. Es erlaubt Ärzt*innen, medizinisches Cannabis zu verordnen – auf Rezept und mit einer maximalen Zuzahlung von 10 Euro. Bisher hatten nach Angaben des BfArM etwa 1.000 Patient*innen eine Ausnahmeerlaubnis für Gras aus der Apotheke. Bei einem durchschnittlichen Tagesbedarf von einem Gramm pro Person waren das 365 Kilogramm pro Jahr.

Deutschland braucht mehr Gras

„Diese Zahl wird mit Sicherheit steigen“, sagt ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums zu ze.tt. Genaue Zahlen könne man jedoch nicht nennen. „Das kommt darauf an, wie viel die Ärzte verschreiben.“ Auch das BfArM schreibt in einer Pressemitteilung: „Der exakte künftige Mengenbedarf kann derzeit […] nur geschätzt werden.“

In der Bonner Behörde möchte man jedenfalls vorbereitet sein. Bisher stammt das Apothekengras aus den Niederlanden und Kanada. Doch nun hat das BfArM eine Cannabisagentur eingerichtet. Eine der Aufgaben: Aufträge für den Anbau von Cannabis in Deutschland vergeben. Das ist ein Novum, weil der Anbau hierzulande bislang illegal war. Plötzlich soll in Deutschland gesetzlich geregelt Gras angebaut werden – und das in nicht gerade geringen Mengen. 6,4 Tonnen möchte die Agentur im Zeitraum von 2019 bis 2022 haben.

Hohe Anforderungen an die Anbaubetriebe

Die Anforderungen an die Anbieter*innen sind hoch. Vorweisen muss man dem Amtsblatt zufolge zunächst „Referenzen über früher ausgeführte Aufträge des Bewerbers zu Anbau, Verarbeitung und Lieferung von Cannabis für medizinische Zwecke mit einer Liefermenge von mindestens 50 Kilogramm je Referenz in den letzten 3 Jahren.“

Das kann in Deutschland niemand leisten, weil es eben illegal war, Gras anzubauen. Wie die taz berichtet, planen deutsche Unternehmer*innen dennoch, ins Geschäft einzusteigen. Dafür wollen sie sich mit ausländischen Unternehmen zusammentun, die bereits über Erfahrungen im Anbau und Vertrieb haben.

[Außerdem bei ze.tt: Endlich: Cannabis wird auf Rezept freigegeben]

Das BfArM möchte keine Auskünfte über mögliche geeignete Unternehmen herausgeben. „Aus vergaberechtlichen Gründen können wir keine individuellen Anfragen zur Ausschreibung beantworten“, heißt es auf Anfrage von ze.tt. 

Aus der Ausschreibung geht außerdem hervor, was die Unternehmen leisten müssen: „Anbau, Weiterverarbeitung, Lagerung, Verpackung und Lieferung von Cannabis zu medizinischen Zwecken in einer gesicherten Inhouse-Plantage in Deutschland.“ Gesichert ist diesem Zusammenhang wichtig, denn das BfArM bestellt zwar das Gras, doch die Ernte soll nicht dort gelagert werden. Stattdessen bleibt das Gras bei den Anbaubetrieben, die laut Ausschreibung eine Menge von circa 200 Kilogramm pro Jahr liefern können müssen.

Good stuff

Um die Qualität zu sichern, arbeitet die Agentur an der Monographie Cannabisblüten. Darin soll geregelt sein, wie das Gras beschaffen sein muss, das schließlich zusammen mit einem Analysezertifikat in den Apotheken landet. Auf dem Zertifikat findet sich unter anderem der Gehalt des Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC).

Bevor das Gras in den Apotheken über den Handverkaufstisch wandert, finde noch eine sogenannte organoleptische Identitätsprüfung statt, sagt Pressesprecherin Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Die Apotheker*innen würden an dem Gras riechen, um sicherzustellen, dass sie kein Salbei oder andere Kräuter verkaufen, sagt Sellerberg.

So sicher und bürokratisch war Kiffen noch nie.