Frauen gelten immer noch zu selten als Genies – vor allem in künstlerischen Berufen

Genies sind in der Popkultur auffällig präsent. Doch das ist gefährlich. Denn sie sind meistens männlich.

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Genialität? Männersache, © Topical Press Agency/Getty Images

Good Will Hunting, Sherlock Holmes, A Beautiful Mind, The Imitation Game, The Theory of Everything, Mr. Turner, Steve Jobs… was haben diese Filme gemeinsam? In allen geht es um Genies. Um Persönlichkeiten, die Großes schaffen, Grenzen durchbrechen und über eine gewisse Brillanz verfügen, die sie vom Rest der Menschheit grundlegend unterscheidet.

Aber seit wann gibt es die Idee des Genies eigentlich und was genau ist daran gefährlich?

Das Genie ist tot. Oder?

Um 1800 sprechen deutsche Dichter und Denker zum ersten Mal vom „Genie“. Sie erheben Shakespeare zum Prototypen und werfen sich überschwänglich Worte wie „Genius“, „Geist“ und „Vollkommenheit“ zu. Für die Romantiker ist ein Genie jemand, der ohne mühsam erlernten Regeln zu folgen, schon von Geburt an mit einem Talent gesegnet ist, das ihm erlaubt, Neues zu schaffen.

Dieser Genie-Trend flaut schon kurze Zeit später wieder ab. Goethe, der den Schöpfergeist Shakespeares noch so in den Himmel gepriesen hatte, lässt die geniale Künstlerexistenz im „Werther“ radikal scheitern. Andere Autoren folgen ihm, ironisieren den Typus des brillanten Denkers, ziehen ihn ins Lächerliche oder thematisieren ihn einfach überhaupt nicht mehr.

Auch in der Literaturwissenschaft spricht man, seit Roland Barthes 1967 den Tod des Autors verkündete, nicht mehr vom autonomen Subjekt, das aus sich heraus Werke schöpft. Stattdessen herrscht die Vorstellung, das Umfeld und der gesellschaftliche Kontext seien verantwortlich für das, was geschrieben wird.

Der Schöpfergott kann alles

Der Mythos des Genies wurde also von wissenschaftlichen Diskursen längst ad acta gelegt. Warum laufen dann im Kino noch immer so viele Genie-Filme, die erstaunlich unkritisch mit dem Thema umgehen? Filme, in denen das Genie schamlos zum freien Schöpfergott erhoben wird?

Man könnte dieses Phänomen als kindische Faszination abtun. So, wie wir uns eben auch gerne Vampirfilme ansehen, obwohl wir nicht an Vampire glauben. Ganz so harmlos ist es aber leider nicht. Denn auf die Frage, was die oben genannten Filme gemeinsam haben, muss man leider auch antworten: Sie handeln alle von Männern.

Wie soll eine Kopie etwas Originelles schaffen?

Schon bei den Römern war der „Genius“ der persönliche Schutzgeist des Mannes und Ausdruck von dessen Zeugungskraft. An diesem Bild hat sich bis heute wenig geändert. Weiblichkeit wird eher mit Fleiß, Arbeitsamkeit und Dienstwilligkeit verbunden; Männlichkeit dagegen mit Unabhängigkeit und Schaffenskraft.

Daran mag ein tief sitzendes Vorurteil schuld sein, das uns auch heute noch davon ausgehen lässt, der Mann sei das Original des Menschen und die Frau bloß sein Abbild. Wie aber soll jemand, der nur eine Abweichung ist, selbst Originelles schaffen? In der Definition des Genies ist die Männlichkeit also fest verankert.

Und so wirkt sich das aus

Vergangenes Jahr veröffentlichten die Philosophin Sarah-Jane Leslie und der Psychologe Andrei Cimpian in Science eine Studie, die zu einem erschreckenden Ergebnis kommt. Das Forscherteam untersuchte zwei Dinge: Erstens, in welchen Studiengängen die wenigsten Frauen im Vergleich zu Männern promovieren. Zweitens, von welchen Fächern am meisten angenommen wird, dass man eine besondere Begabung benötige, um darin erfolgreich zu sein.

Sie fanden heraus: Genau für die Fächer, in denen die Genderdisparität am größten ist, scheinen wir angeborenes Talent notwendig zu finden. Fächer hingegen, die nach gängigen Vorstellungen eher Fleiß und Arbeitseifer erfordern, ziehen weniger große Gräben zwischen den Geschlechtern.

Konkret heißt das: Obwohl inzwischen genau so viele Frauen wie Männer in den Neurowissenschaften oder der Molekularbiologie promovieren, klaffen in den Fächern Musiktheorie, Komposition und Philosophie die größten Lücken – größere sogar als in der Physik, Mathematik oder den Computerwissenschaften.

Wer glaubt, nichts zu können, traut sich nicht

Wer also bisher geglaubt hat, Frauen würden „weiche“ Wissenschaften bevorzugen, die sprachliche oder empathische Fähigkeiten voraussetzen, und Männer sich für die „harten“ Wissenschaften entscheiden, in denen es um systematisches oder mathematisches Denken geht, wird mit dieser Studie eines besseren belehrt.

Leslie und Climpian nennen ihren neuen Erklärungsansatz die FAB-Hypothese: „field specific abilities“, der Glaube an angeborene Brillanz. Überprüfen lässt sich das leicht, man muss nur einen Blick in ein beliebiges Feuilleton werfen und zählen, wie viele Frauennamen dort auftauchen – sowohl als Journalistinnen als auch als besprochenene Autorinnen, Künstlerinnen, Regisseurinnen, Solomusikerinnen, Komponistinnen oder gar Dirigentinnen.

Das wirklich Gefährliche an der Idee des Genies ist deshalb nicht, dass sie uns in die Irre führt und auch nicht einmal, dass sie uns zu kränkelnden und verrückten Individuen macht, wie es Goethe oder Thomas Mann in ihren Romanen beschreiben. Das viel größere Problem ist, dass uns der Glaube an Genies begrenzt, fixiert und fesselt.

So lange wir an Genies glauben, glauben wir daran, dass Männer mehr schaffen können als Frauen.

Und die Lösung?

Brauchen wir also einfach mehr weibliche Genies? Wahrscheinlich ist diese Lösung zu simpel gedacht. Denn der Geniebegriff ist so sehr von Männlichkeit durchtränkt, dass der Versuch, da noch rauszukommen, ebenso problematisch wäre wie die Strategie, den Begriff „Gewalt“ plötzlich mit femininen Attributen aufzuladen.

Klüger wäre es vielleicht einfach, das Genie komplett abzuschaffen. Denn bestimmte Menschen wird die Idee davon immer einschränken – diejenigen zum Beispiel, die sich erst langsam oder später entwickeln. Diejenigen, denen es einfach nicht liegt, sich als anders und speziell zu inszenieren. Auch die Philosophieprofessorin Sarah-Jane Leslie fordert, jungen Studierenden bewusst zu machen, dass alle Fächer in gleichem Maße Fleiß und Arbeit erfordern.

Arbeit, nicht Begabung, führt zum Erfolg

Wer also die Nase voll hat von Goethe, Sherlock Holmes und Co., wer nichts mehr über brillante Männer in Wissenschaft und Kunst hören will, kann Elena Ferrantes gerade auf deutsch erschienenen Beststeller „Meine geniale Freundin“ aufschlagen. Hier geht es nämlich nicht um ein weibliches Genie – sondern um eines, das eigentlich keins ist. Nicht angeborene Brillanz, sondern Fleiß führt zum Ausbruch des normalen Mädchens aus den Zwängen der Provinz. Sie wird Schriftstellerin. Ihre Freundin dagegen, die eigentlich alle Eigenschaften des typischen „Genies“ aufweist, die exotisch und talentiert und irgendwie immer anders ist als der Rest, bricht die Schule ab und schafft den Ausweg nicht.

Nicht „Du kannst auch ein Genie sein“, sollten wir Mädchen also vermitteln, sondern „Du kannst auch Philosophin sein, Komponistin oder Schriftstellerin“; nicht „Du hast ein besonderes Talent“ sondern „Arbeite hart, dann kommst du vielleicht irgendwann durch, durch dieses Labyrinth aus männlichen Chefs, Lektoren, Kommilitonen, Kritikern und Konkurrenten.“