So lassen sich Menschen im Alltag manipulieren

Häufig denken wir, dass wir Entscheidungen völlig frei treffen und wissen, warum wir etwas tun. Stattdessen steuern uns jede Menge unbewusste Effekte. Fünf davon stellen wir hier vor.

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Wir gehen davon aus, dass wir die Welt so sehen, wie sie ist. Dabei täuschen wir uns jeden Tag selbst. © Pexels, CC0

Die Menschen in unserer Umgebung achten sehr genau darauf, was wir tun und wie wir aussehen. Das glauben wir zumindest. Wie peinlich ist es bitte, wenn wir im Bus stolpern oder mit einem Loch in der Hose durch die Stadt laufen? Die Wahrheit ist: Kaum jemanden interessiert das. Wir neigen dazu, die Aufmerksamkeit anderer für unsere Fehltritte zu überschätzen. Diese überhöhte Selbstwahrnehmung nennt sich Spotlight-Effekt.

Fehleinschätzungen wie diesen erliegen wir ständig. Die Illustratorin Svenja Eisenbraun (27) hat einige dieser Irrglauben in ihrem Buch „Lexikon des Unbewussten“ zusammengetragen und entsprechend visualisiert. Wir stellen einige Beispiele vor.

Leute bemerken dich weniger, als du denkst

Silvio auf deinem Shirt? Interessiert kaum jemanden. © Svenja Eisenbraun

Ein Team aus Psycholog*innen ließ T-Shirts mit dem Gesicht des US-Sängers Barry Manilow bedrucken. Damit sollten Studierende einen Raum voller Kommiliton*innen betreten. Für sie eher peinlich, weil Manilow nicht gerade Kanye West ist.

Das Shirt sollte den Spotlight-Effekt (PDF) verstärken; also das Gefühl, alle würden einen ansehen, wenn man einen Raum betritt. Die Proband*innen nahmen an, dass etwa die Hälfte der Kommiliton*innen das Shirt bemerken würden, tatsächlich waren es aber lediglich zwanzig Prozent.

War das T-Shirt mit einem stylischen Motiv bedruckt, waren es sogar nur zehn Prozent. Die Menschen überschätzen also ihre Auffälligkeit. In Wahrheit bekommen gar nicht so viele mit, wie wir aussehen oder was wir in der Öffentlichkeit tun.

Wir halten andere für stärker medial beeinflussbar als uns selbst

Alle sind so naiv – außer mir. © Svenja Eisenbraun

„Diesen Effekt finde ich am interessanten“, sagt Svenja Eisenbraun. „Jeder denkt, es betrifft ihn nicht, aber alle fallen darauf rein.“ Wir glauben, dass alle anderen anfällig für den Einfluss der Medien sind – wir selbst jedoch nicht. Diese verzerrte Wahrnehmung nennt man Third-Person-Effekt.

Der Kommunikationswissenschaftler Marco Dohle hat ein Buch über den Effekt geschrieben und sagt: „Wir unterschätzen die Wirkung auf uns selbst, wenn es um Ereignisse oder Inhalte geht, die wir negativ bewerten – vor allem, weil wir ein positives Selbstbild bewahren wollen.“ Außerdem überschätzten wir den Einfluss der Medien auf andere, weil wir uns für gebildeter und auch immuner halten. Es verhalte sich ähnlich wie mit Menschen, die Auto fahren, obwohl sie Alkohol getrunken haben. „Bei anderen finden wir das furchtbar. Aber wenn wir es machen, denken wir, dass wir das im Griff haben“, sagt Dohle.

Wir überschätzen unsere eigenen Fähigkeiten

„Warum treten Menschen, die ganz offensichtlich unbegabt sind, bei Talkshows, Castings und Wettbewerben an?“, fragt Eisenbraun in ihrem Buch. Diese Menschen halten sich für überdurchschnittlich begabt. „Sie glauben ernsthaft, zu den Besten zu gehören und verkennen dabei, dass der Applaus von Kumpeln beim […] Karaokeabend in der Kleinstadt-Kneipe sie nicht zum Superstar macht“, schreibt sie weiter.

Diese verzerrte Selbstwahrnehmung nennt sich Dunning-Kruger-Effekt (PDF). Benannt ist er nach den Wissenschaftlern Justin Kruger und David Dunning von der Cornell University im US-Bundesstaat New York. Das Schlimmste an ihrer Entdeckung aus dem Jahr 1999: Der Effekt ist umso stärker, je inkompetenter jemand ist.

Keine Ahnung – aber eine große Klappe. © Svenja Eisenbraun

Du hast ein Gefühl für etwas, kannst es aber nicht erklären

Eine Methode der Chicken Sexers zur Unterscheidung – ob sie wirklich stimmt, weiß man nicht. © Svenja Eisenbraun

Millionen von Küken landen jedes Jahr auf einem Fließband, das in den Schredder oder die Gaskammer führt. Der Grund: Die Küken sind männlich, können also keine Eier legen. Die Selektion erfolgt meist von Hand – ausgeführt von sogenannten „Chicken Sexers“. „Wenn sie erklären sollen, wie sie das machen, haben sie keine gehaltvolle Erklärung parat“, schreibt Eisenbraun über „Chicken Sexers“ in Japan.

Sie schreiben die Auswahl ihrer Intuition zu, denn die Geschlechtsmerkmale sind schlecht sichtbar – und manche „Chicken Sexer“ schaffen bis zu 1000 Küken pro Stunde. Es bleibt also wenig Zeit für eine eingehende Prüfung. Sie würden einfach sehen, wer ein Männchen und wer ein Weibchen ist, sagen sie. Die Ausbildung erfolgt dementsprechend: Wer der Job machen möchte, steht neben einem erfahrenen „Chicken Sexer“. Die einzulernende Person sortiert die Küken aus und die oder der Vorgesetzte sagt: „Ja“ oder „Nein“. Nach einigen Wochen erreichen die Neulinge dann ein ähnliches Niveau wie ihre Ausbilder*innen.

In diesem Fall für einen fragwürdigen Zweck – je nach Schätzung sterben alleine in Deutschland zwischen 40 und 60 Millionen männliche Küken.

Du nimmst weniger wahr, als du denkst

Schau dir folgendes Video an und achte genau auf die weiß gekleideten Studierenden. Wie viele Pässe spielen sie?

Die richtige Antwort ist 15. Doch eigentlich geht es in diesem Video um etwas ganz anderes. Wir sind so fokussiert darauf, die Pässe zu zählen, dass nur gut die Hälfte von uns den Gorilla sieht, der durchs Bild läuft. Diesen Effekt nennt man „Unaufmerksamkeitsblindheit“. Unser Gehirn hat nur eine begrenzte Kapazität, Dinge zu verarbeiten. „Unsere Aufmerksamkeit ist wie ein Scheinwerfer auf den Ballwechsel gerichtet“, schreibt Eisenbraun. Wir übersehen den Gorilla ganz einfach.

Dieses Experiment widerlegt den Glauben, dass wir genau wissen, was um uns herum passiert – stattdessen laufen wir meist mit einem Tunnelblick durch die Welt.

Wissen wir noch, was wir tun?

Eisenbraun ist keine Expertin für Sozialpsychologie oder unbewusstes Handeln. Ihr Lexikon erhebt auch nicht den Anspruch, alle unbewussten Effekte aufzuzählen, die es gibt. Während der Arbeit für ihr Buch, das zugleich ihre Abschlussarbeit an der Fachhochschule Aachen war, hat sie aber viel darüber gelernt. Dennoch glaubt sie, dass es auch mit diesem Wissen nicht möglich ist, alle Phänomene auszuschalten. „Manche Sachen laufen auf Autopilot und das ist auch gut so, sonst wären wir überfordert“, sagt sie.

So beschreibt sie in ihrem Buch etwa den Zuschauereffekt: Passiert ein Unfall und es sind wenige oder keine Menschen in der Nähe, unternehmen wir etwas. Sind jedoch viele Menschen in der Umgebung, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand hilft. Stattdessen schauen wir eher zu. Der Grund: Wenn andere ruhig bleiben, möchten wir nicht als hysterisch gelten und einschreiten. Außerdem orientieren wir uns an anderen, wenn wir die Situation nicht eindeutig einschätzen können. Durch das Wissen über diesen Effekt hat Eisenbraun „jetzt das Gefühl, dass ich gewappnet bin und helfen würde“. Zu verstehen, wie wir uns täuschen lassen, kann im Alltag helfen. „Wir sind keine Lemminge, sondern nach wie vor Herr über unser Leben“, sagt Eisenbraun. „Auch das wollte ich mit dem Buch zeigen.“