So lustig ist deutschsprachige Literatur

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Loriots Sketche sind lustig. Zumindest für die Deutschen. Screenshot: deguowatao/Youtube

Das Vorurteil des humorlosen Deutschen hält sich hartnäckig. Darunter leidet die deutschsprachige Literatur. Vergangenes Wochenende hat sich ein Festival in New York bemüht, dieses Image zu bekämpfen.

Deutsche mögen im Ausland für allerlei Tugenden gerühmt werden, von Pünktlichkeit bis zur Trinkfestigkeit. Was man mit Sicherheit nicht auf die Frage nach dem typischen Deutschen zu hören bekommt, ist ein Lobgesang auf dessen Humor. Das Vorurteil des verstockten Deutschen, der keinen Spaß versteht, ständig nörgelt und alles schwarz sieht, hält sich hartnäckig. „Ein deutscher Witz ist nichts zum Lachen“, schrieb schon Mark Twain.

Über diese Sage ärgert sich jedoch nicht nur der deutsche Reisende, der das Vorurteil in der Ferne immer wieder bemüht weglächeln muss. Vielmehr leidet darunter die gesamte deutschsprachige Literatur. AutorInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz haben mit dem deutschen Image nämlich ein wirkliches Problem: Was im Ausland als unlustig wahrgenommen wird, verkauft sich dort nicht gut.

Das ist ein Symbolbild zum Thema Literatur, damit ihre Augen kurz abgelenkt sind =)Pexels

Vergangenes Wochenende nahm man sich in New York dieses Problems an. Unter dem Motto „Seriously Funny“ versammelte das Festival Neue Literatur drei Tage lang acht AutorInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz um ein amerikanisches Publikum. Der Clue: Alle geladenen AutorInnen, darunter Sibylle Berg, Daniel Kehlmann und Vea Kaiser, sind in ihren Herkunftsländern für ihre Heiterkeit und ihren Witz bekannt. In den USA weiß das fast niemand. Deutsche Literatur? Da wird an einen knausrigen Kant, pessimistischen Schopenhauer oder nihilistischen Nietzsche gedacht. Alte Männer mit Bart und gerunzelter Stirn.

In seiner Willkommensrede zitiert Festivalleiter Ross Benjamin dann auch Nietzsche: „Der Mensch allein leidet so tief, dass er das Lachen erfinden musste.“ Für Nietzsche schließen sich also Ernst und Heiterkeit nicht aus, sondern bedingen einander. Ein Blick in die deutsche Geschichte versichert: An Traumata, Krisen und Niederschlägen mangelt es nicht. Ist der deutsche Humor demnach eigentlich größer, als im Ausland angenommen?

Den Beweis für die Vereinbarkeit von Humor und Trauma, sowie von Humor und deutscher Sprache, erbrachten die AutorInnen Vea Kaiser, Christopher Kloeble, Pedro Lenz und Jenny Offill in der Abschlussdiskussion des turbulenten Festivals am vergangenen Sonntag. Was, wenn nicht die Deutschen ein Humorproblem haben, sondern die Amerikaner ein Verständnisproblem? Fragten sie sich und drehten so den Fall einfach um. Fünf Dinge fallen den deutschsprachigen SchriftstellerInnen besonders auf.

                                                  1. Alles Goethes Schuld!

circa 1790: German poet, dramatist and scientist Johann Wolfgang Von Goethe (1749 - 1832). (Photo by Hulton Archive/Getty Images)
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) © Hulton Archive/Getty Images

Goethe habe die Idee des Genies erfunden und wer ein Genie sei, der könne nicht noch nebenher etwas anderes sein, vor allem nicht lustig. Goethe sei somit dafür verantwortlich zu machen, dass die Deutschen das Lustigsein so zwanghaft vermieden.

2. An guten Humor muss man sich gewöhnen

Moderator John Wray sah das Problem weniger bei den deutschen Autoren, sondern mehr bei ihren US-amerikanischen Lesern: Dem guten Humor drohe in den USA der Niedergang, herbeigerufen durch amerikanisches Reality-TV und banale Slapstick. US-Amerikaner könnten deutschen Witz nicht verstehen, weil ihre Kultur sie des Humors entwöhnen würde.

3. Das Genre muss klar sein

Will Bernhard damit etwa lustig sein? Eine Frage, vor der man in keinem Thomas-Bernhard-Seminar verschont bleibe. „Also ich finde Bernhard sehr lustig und ich glaube, er will es manchmal auch sein“, verteidigte die Wienerin Vea Kaiser, die letztes Jahr mit ihrem Roman „Blasmusikpop“ zur Autorin des Jahres gekürt wurde, den Österreicher sofort. Bei dieser Diskussion wurde ein weiteres Problem deutlich: Manchmal weiß man nicht, wann ein deutschsprachiger Autor witzig sein will. In der Literatur irritiere es die meisten Leser, sagte Kaiser, wenn ein Text keinem klaren Genre zugeordnet werden könne. „Dabei führt doch eine trockene, ernste Performance oft zu mehr Gelächter als eine lustige!“, bemerkte John Wray.

4. Es gibt entscheidende kulturelle Unterschiede

In Deutschland ist man sich einig: Loriot ist der lustigste Mensch der Welt. In Amerika trifft diese Meinung jedoch laut Autor Christopher Kloeble auf Unverständnis. Er kenne einen Professor, der seinen amerikanischen Studenten beweisen wollte, dass Deutsche lustig sein können. Tatenfroh zeigte dieser seiner Klasse Loriots Video vom „Frühstücksei“ und war sich sicher, die Sache damit geklärt zu haben. Aber: Niemand lachte, außer der Professor.

Vielleicht, überlegte Pedro Lenz, verstünden die Amerikaner einfach nicht, dass es einen bedeutenden Unterschied zwischen einem Ei, das viereinhalb Minuten kocht, und einem, das fünf Minuten kocht, gäbe. Einige Witze machten wohl nur in einem bestimmten kulturellen Umfeld Sinn.

5. Schweizer, Österreicher und Deutsche lachen anders

Zum Schluss wies Vea Kaiser auf die Vielfalt und Unübersichtlichkeit deutschen Humors hin: In jeder Region lache es sich anders. „In Hannover“, sagte Kaiser, „lacht niemand. Die Leute starren dich an, als wollten sie dich umbringen.“ Im Süden Deutschlands dagegen lache man über Worte, nicht so sehr über Situationen. In der Schweiz müsse einer mit dem Lachen anfangen, sonst lache keiner. „Oder sie warten damit bis zum nächsten Tag.“

Letztendlich erweist sich der an der New Yorker Außenfront unternommene Verteidigungsfeldzug des deutschen Humors als gelungen. Gezeigt wurde zweierlei: Erstens Deutsch kann lustig sein, das bewiesen unter anderem Bernhard, Kafka und Loriot. Nur werden diese von vielen US-Amerikanern nicht verstanden.

Genre-Unklarheiten, kulturelle Unterschiede und die Entwöhnung von gutem Humor durchs Trash-TV mögen Schuld daran sein. Zweitens haben aktuelle deutschsprachige GegenwartsautorInnen nicht viel mit verbitterten, bärtigen Männern gemein. Ihr Humor findet sich trotzdem; in der Tiefe: Schwarz, trocken und morbide handelten Kaisers, Kloebles, Lenz’ und Offills Leseproben von nichts unbeschwerterem als von Krebs und Bandwürmern.

Die Lieblingswitze deutscher Autoren

Um sicher zu gehen, dass deutschsprachige Literatur witziger ist als ihr Ruf, hat ze.tt den Test gemacht und AutorInnen nach ihren Lieblingswitzen gefragt. Daniel Kehlmann, dessen Roman „Die Vermessung der Welt“ zu den meistverkauften Büchern weltweit gehört, antwortete prompt:

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Christopher Kloeble, der zuletzt den Roman „Meistens alles sehr schnell“ veröffentlichte, steht offenbar auf die Klassiker:

„Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“

Sibylle Berg, Drehbuch- und Romanautorin, die in der Talkshow „Schulz & Böhmermann“ mitwirkte, hat, weil sie nach eigener Aussage zu „schusslig“ sei, sich Witze zu merken, für uns ganz spontan einen eigenen Witz gedichtet:

witz_berg

Pedro Lenz ist in der Schweiz aufgewachsen, lebt in der Schweiz, schreibt über die Schweiz und bleibt in Sachen Humor seiner Heimat treu:

Ein Ausländer will in einer Schweizer Bank Geld anlegen. „An welchen Betrag haben Sie denn gedacht?“, fragt der Bankier. Der Kunde flüstert: „Fünf Millionen US-Dollar.“ Darauf der Bankier: „Sie brauchen nicht zu flüstern. In der Schweiz ist Armut keine Schande.“