So macht sich die rechte Identitäre Bewegung an junge Menschen heran

Erst Nipster, jetzt die Identitären: Die neuen Rechten ziehen vor allem junge Menschen an. Mit Flashmobs und dramatischen Webvideos statt Gedenkmarsch und  Springerstiefel – doch die Ideologie dahinter ist nicht weniger gefährlich. 

Ursprünglich stammt die Szene aus Frankreich, inzwischen haben sich in vielen Ländern Ableger gebildet. Bis vor kurzem war die deutsche Identitäre Bewegung vor allem im Netz aktiv, nun zeigt sie sich auch immer mehr auf der Straße: Am Samstag, 27.08. 2016, haben Aktivisten das Brandenburger Tor gekapert, einige Wochen zuvor posierten Identitäre auf dem Hamburger Hauptbahnhof mit Plakaten wie „Grenzen hoch und Schotten dicht“.

Die neuen Rechten sind so genannte Ethnopluralisten: Sie wenden sich nicht direkt gegen andere Kulturen. Aber jede soll bitte auf ihrem eigenen Gebiet bleiben und nicht mit anderen vermischen. „Das ist natürlich ganz schlau, weil man dadurch dem Vorwurf entgeht, man wäre ein Neonazi“, sagt Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Aber es gehe immer darum, andere auszugrenzen oder abzuwerten: „Beispielsweise wird kein offener Rassismus propagiert, dafür aber eine massive Islamfeindlichkeit.“ Völkische Ideologie, versteckt hinter Heimatliebe.

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Da stört es dann auch nicht, dass das Symbol der Bewegung aus Griechenland kommt. Es ist der Buchstabe Lambda. Er soll auf den Schilden der Spartaner geprangt haben, als sie die Übermacht der Perser abwehrten. Bekannt wurde das Zeichen durch die Comic-Verfilmung „300“. Es sind popkulturelle Bezüge wie dieser, der die Identitären für junge Menschen interessant macht. Die Bewegung richtet sich vor allem an sie, mit Auftritten in Sozialen Netzwerken und den Aktionsformen, die bisher vor allem linke Organisationen genutzt haben. Auf das Brandenburger Tor sind beispielsweise auch schon Greenpeace-Aktivisten gestiegen, um ihre Botschaft zu verbreiten.

Da war doch was? Der Protest der Rechten ähnelt immer mehr dem linker Aktivisten - wie hier Greenpeace.
Da war doch was? Der Protest der Rechten ähnelt immer mehr dem linker Aktivisten – wie hier Greenpeace. © Britta Pedersen dpa/lbn

Die effektvollen Inszenierungen zielen nach außen und nach innen, weiß Rafael: „Natürlich dient das dazu, zu markieren: ‚Wir sind hier, wir sind überall.‘ Es ist schon der Versuch, sich auch innerhalb der rechtsextremen oder neu-rechten Szene eine Position zu erobern und zu zeigen: ‚Wir sind ein Player.'“

Gewalt üben die Identitären hingegen nicht aus – obwohl einer ihrer Schlachtrufe sehr martialisch klingt: „Europa – Jugend – Reconquista!“ Reconquista ist spanisch und heißt Rückeroberung, das Wort bezieht sich auf die Zeit, als christliche Heere die iberische Halbinsel von den Arabern zurückeroberten. Nach dieser Lesart muss Deutschland gegen eine „Invasion“ muslimischer Migranten verteidigt werden. Trotzdem – ihre Taten motivieren Andere, sagt Rafael. „Beispielsweise wenn sie sich an Orten zeigen, wo Aktivisten, die sich gegen Nazis engagieren, wohnen oder arbeiten, dann ist das eine Bedrohung, die erstmal nicht problematisch ist. Aber natürlich sehen das auch gewaltbereite Menschen aus der rechtsextremen Szene, die da vielleicht andere Schlüsse draus ziehen.“

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Auch der Verfassungsschutz hält die Bewegung nicht für harmlos: Inzwischen wird die Bewegung in mehreren Ländern und auf Bundesebene beobachtet. „Wir haben Anhaltspunkte, dass Aktivitäten der Identitären Bewegung Deutschland sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richten“, begründet das eine Sprecherin des Bundesamtes. Außerdem habe ein erheblicher Anteil der Identitären einen rechtsextremistischen Hintergrund.

Offenlegung: Die ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm ist Mitglied im Stiftungsrat der Amadeu Antonio Stiftung. Zudem gehört der stellvertretende Chefredakteur der ZEIT, Moritz Müller-Wirth, zum Beirat von „Netz gegen Nazis“, einem Projekt der Amadeu Antonio Stiftung, das ursprünglich vom Verlag DIE ZEIT gegründet wurde und bei dem DIE ZEIT und ZEIT ONLINE heute Kooperationspartner sind. ze.tt gehört ebenso wie DIE ZEIT und ZEIT ONLINE zum Zeitverlag.