So nehmen Menschen mit Legasthenie Texte wahr

Wer Leseschwierigkeiten hat, kann generell nichts – so lautet ein weitverbreitetes Vorurteil gegenüber Legastheniker*innen. Dass Legasthenie noch immer etwas ist, über das man schweigt, liegt auch daran, dass sich die Entwicklungsbeeinträchtigung so schlecht beschreiben lässt.

© ze.tt

Legasthenie ist individuell und lässt sich nur schwer beschreiben. © ze.tt

Al       s er jü      nger war, samme    lte Jakob Schro   eder Sterne.          Seine Büch    er war   en voll       davon. Zu    frieden klebt    e er si   e auf je    de Seite     , die er m       it Mühe gele      sen hatte.          Jakob is       t Legasth     eniker. „Eragon“ w   ar der ers        te Rom    an, den er ohn        e Sticker-Motiva      tion bewä          ltigte. Im fantas           tischen Alagaësia ve    rbra     chte er 1.000 S     eit       en lang, sei    n     e gesam      ten Sommerfe       rien zwis        chen der fü           nften und sech    st      en Kla    ss       e.

legasthenie-1

„Wer grammatikalisch so miserable Text abgibt, der kann eigentlich gar nichts.“

Nicht jeder geht mit seiner Legasthenie so gelassen um wie der Stuttgarter. Immerhin attestierte man Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche lange Zeit mangelnde Intelligenz. Das musste Jakob auch erleben: „Ich war auf drei verschiedenen Grundschulen“, sagt er. Und zwar nicht, weil seine Familie häufig umgezogen wäre. Manche Lehrer*innen wussten einfach nicht, wie sie Jakobs Texte bewerten sollten, die voller Fehler waren. Seine schlechte Rechtschreibung färbte auf sein Image in anderen Fächern ab. „Wer grammatikalisch so miserable Text abgibt, der kann eigentlich gar nichts“, sei die Denke einiger Lehrer*innen gewesen, erzählt Jakob.

[Außerdem auf ze.tt: Wie digital ist die Schule – und was ließe sich verbessern?]

Solche Vorurteile tun niemandem und besonders Kindern nicht gut. Wem permanent gesagt wird, sie*er würde nichts können, glaubt irgendwann selbst daran. Das nötige Selbstbewusstsein sammelte Jakob im Chor und in der freiwilligen Feuerwehr. Außerdem stellten ihm seine Eltern kleine Lernaufgaben. „Ich musste zum Beispiel Tagebuch führen“, erzählt er, „eine A5-Seite voll, auch in den Ferien.“ Es gelang ihm, seine Noten durch die mündliche Beteiligung zu pushen, zum Abitur hin wurden die Zensuren immer besser.

Leghastenie ist nichts, was man durch genug Training wegschwitzt wie überschüssige Kilos. Zwar fällt das Lesen Jakob leichter als früher, das Schreiben aber nicht. Seine Freunde sehen über Fehler hinweg – sobald die Kommunikation jedoch offiziell wird, wird sie anstrengend. „Für ein Praktikum musste ich mal eine kurze Mail mit meiner Steueridentifikationsnummer schicken – und selbst für diese paar Worte musste ich meine Mutter und Schwester bemühen, einmal drüberzulesen“, erzählt Jakob. „Da nervt Leghastenie einfach.“

Verbände werben für offenen Umgang

Jakob hat das Glück, viel Verständnis und Hilfe durch sein Umfeld zu bekommen. Wer diese Unterstützung nicht erfährt, geht womöglich anders mit der Legasthenie um: Sie wird zu etwas, das man lieber verbirgt. Durch die Geheimhaltung wachsen die Probleme allerdings nur, in der Schule, im Studium und später im Job. In dem Fall bedarf es der Arbeit tatkräftiger Verbände, damit Menschen mit Legasthenie ihr Schweigen brechen; so wie es zum Beispiel die Spotreihe vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. tat, die jahrelang im Kino und TV für einen offeneren Umgang mit der Beeinträchtigung warb.

Doch trotz solcher Kampagnen sieht es laut der Verbände nicht unbedingt besser aus im Umgang der Gesellschaft mit Legasthenie. Da die Leseschwierigkeiten so unterschiedlich sind, gibt es keine einheitliche Definition von Legasthenie, auch die exakte Zahl der Betroffenen kann nicht erhoben werden. Schätzungsweise vier Prozent aller Schüler sind in Deutschland von der Entwicklungsbeeinträchtigung betroffen, die WHO schätzt, dass 10 Prozent der Weltbevölkerung Legastheniker sind. Die Beeinträchtigung kann unter anderem genetische Ursachen haben, auch unentdeckte Sehprobleme oder Entwicklungsverzögerungen in jungen Jahren können Gründe sein.

In der Schule, im Job und generell in einer Gesellschaft, deren Kommunikation immer mehr übers Texten abläuft, drohen Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche den Anschluss zu verlieren. Verbände leisten ihren Teil, um eine Legastheniker*innen den Mut zu vermitteln, um über ihre Leseschwierigkeiten offen zu sprechen. Zudem gibt es Projekte, die Legastheniker*innen das Lesen vereinfachen sollen, zum Beispiel eine leicht lesbare Schriftart oder Lernspiele.

Verständnis ist wichtig

Ein großes Problem besteht auch darin, dass sich die Leseschwierigkeiten schlecht vermitteln lassen. Legasthenie ist individuell und kann so einfach beschrieben werden wie das Gefühl, verliebt zu sein: gar nicht. Auf eine Nachfrage in einer Legastheniker-Facebook-Gruppe, wie die Mitglieder ihre Leseschwierigkeiten beschreiben würden, gibt es unterschiedliche Antworten. „Als würden die Buchstaben permanent rotieren“, schreibt eine. „Als wären Risse im Text, die sich verschieben“, schreibt ein anderer. Jemand sagt: „Das lässt sich einfach nicht beschreiben.“

Kunstprojekte sorgen dafür, die Beschreibungsschwierigkeiten zu beheben und Legasthenie erfahrbar zu machen: Der Gestalter Daniel Britton hat eine Schriftart entwickelt, die Legasthenie (im Englischen spricht man von Dyslexia) greifbar machen soll. Dank einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne konnte er ein ganzes „Dyslexia awearnes pack“ gestalten, das Schüler*innen erklären soll, was Legasthenie ist.

[Außerdem auf ze.tt: Dieses Malbuch hat über 300.000 US-Dollar durch Crowdfunding gesammelt]

Der britische Designer Sam Barclay versuchte, die Lese-Rechtschreib-Schwäche in einem Buch darzustellen. „Es ist nicht so, als würde ich die Dinge anders sehen, ich nehme sie nur anders wahr“, sagt er im Gespräch mit ze.tt. „Wenn ich erklären müsste, was dieses ,anders‘ ist, müsste ich erst mal verstehen, wie andere, auch ohne Lese- und Rechtschreibschwäche, die Dinge wahrnehmen.“ Dennoch widmet er sich in seinem Buch „Dyslexia“ dem Thema.

Sam begann die Arbeit an dem Buch während seines Studiums an der University in Portsmouth. Er schnitt Wörter entzwei, zog Buchstaben auseinander und zusammen und färbte Wörter, um zu beschreiben, welche Spielchen das Gehirn mit einem spielen kann. „Das Feedback war überwältigend“, sagt Sam. Eltern haben ihm geschrieben, die jetzt ein bisschen besser nachvollziehen können, mit welchen Schwierigkeiten ihre Kinder zu kämpfen hätten; Legastheniker*innen bedankten sich, dass sie ihre Leseschwierigkeiten endlich plastisch darstellen könnten.

Am meisten profitieren Legastheniker*innen aber wohl vom Mut derer, die ihre Leseschwierigkeiten öffentlich machen und anderen zeigen, dass die Beeinträchtigung kein Wahnsinnsproblem darstellen muss. Von Leuten wie Jakob. Jakob schloss sein Abi mit einer 2,6 ab. Inzwischen studiert er Bauingenieurswesen. Im Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. engagiert er sich auch, um anderen zu zeigen: Ihr könnt alles schaffen.