Hilfe für Geflüchtete per Handy – ganz so einfach ist es nicht

Update: Flüchtlingshilfe in der Mittagspause – das sollte die App „I Sea“ ermöglichen. Doch einige Webentwickler*innen und Sicherheitsexpert*innen wurden misstrauisch. Sie fanden heraus: Die App ist offenbar ein Fake. 

@ Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Tausende Geflüchtete sind 2015 im Mittelmeer ertrunken. Eine App soll die Zahl der Toten jetzt verringern. @ Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Update: Der Software-Ingenieur Matt Burke aus Kansas hat die Erkenntnisse über die App in einem Blog-Beitrag zusammengefasst. Bei einer Analyse der Metadaten stellten die Expert*innen fest: Das Bild, das die User nach Flüchtlingsbooten durchsuchen sollen, ist mit Photoshop bearbeitet. Offiziell jedoch sollte die App hingegen schon aktuelle Satellitenbilder liefern.

Irritiert war Matt Burke auch darüber, dass User ihre Ausweisnummer angeben sollten, wenn sie ein Flüchtlingsboot entdecken. „Das ist eine ziemlich ungewöhnliche und sehr persönliche Angabe“, schreibt er. Bei einem Test akzeptierte die App aber auch das Wort „eh“ als Angabe.

Auf ihrer Webseite schreibt die Agentur Grey for Good Singapore, die die App entwickelt hat, die Anwendung sei in einer „Testphase“.

Wir haben die Hilfsorganisation Migrant Offshore Aid Station, die das Konzept mitentwickelt haben soll, kontaktiert. Bisher hat sie sich noch nicht dazu geäußert.

Apple hat die Anwendung inzwischen aus dem App Store entfernt.

So sollte es funktionierten

Die Idee: Immer wieder geraten Boote in Seenot, ohne dass es Helfer und Rettungskräfte bemerken. Allein 2015 ertranken über 3700 Menschen im Mittelmeer oder werden vermisst, berichtet die UNO-Flüchtlingshilfe. Aber je mehr Menschen das Meer absuchen, umso eher kann ein Unglück verhindert werden. „Die Leute sehen, dass sie mithelfen Leben zu retten“, sagte Ian Ruggier, operativer Leiter von MOAS, der Thomson Reuters Foundation.

Ursprünglich soll die App „I Sea“ dabei helfen, dass nun jede*r Nutzer*in das Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten absuchen kann. Dafür sollen aktuelle Satellitenbilder in kleine Bereiche unterteilt werden. Wer die Anwendung herunterlädt, bekommt einen Sektor zugewiesen und kann den Bildausschnitt auf dem Handy überwachen. Sobald ein Boot entdeckt wird, markiert man es.

[Außerdem bei ze.tt: Diese App soll Flüchtlingen den Start in Deutschland erleichtern]

Boot finden, tippen - und schon ist ein Schiff unterwegs zu den Geflüchteten. | © MOAS
Der ursprüngliche Plan: Boot finden, tippen – und schon ist ein Schiff unterwegs zu den Geflüchteten. | © MOAS

Dann sollen die örtlichen Behörden und auch die Nichtregierungsorganisation Migrant Offshore Aid Station (MOAS) alarmiert werden. Sie analysieren euren Report und schicken ein Schiff, wenn es notwendig ist.  MOAS wurde 2013 gegründet – nachdem vor der italienischen Insel Lampedusa ein Kutter sank und über 300 Menschen ertranken. Anfang Juni hat die private Hilfsorganisation ihren dritten Einsatz gestartet und patrouilliert mit zwei Schiffen vor der libanesischen Küste. Außerdem überwachen Drohnen die See.

[Außerdem bei ze.tt: Die zweigeteilte Insel: Lampedusa zwischen Touristen und Flüchtlingen]