So sieht es aus, wenn 50 Friseure 300 Flüchtlingen die Haare schneiden

Seit Anfang August schlafen 1200 Flüchtlinge in einer Hamburger Messehalle. Sie haben kaum Gelegenheit zu duschen, Haarpflege ist da sowieso nicht drin. 50 Friseure wollten am Sonntag etwas dagegen tun.

Abdallah freut sich über seine neue Friseur. © Anja Reumschüssel

Abdallah freut sich über seine neue Friseur. © Anja Reumschüssel

Helfen kann so einfach sein: Stuhl, Spiegel, Schere und das nötige Wissen – damit haben Friseure in Hamburg 300 Flüchtlinge glücklich gemacht. Beim wahrscheinlich größten Open-Air-Friseursalon der Stadt schnitten und rasierten sie die Menschen aus den Messehallen unter freiem Himmel, schminkten Kinder, verteilten Kuchen, und manche Flüchtlinge bedankten sich dafür mit einem arabischen Lied.

Die Arbeitgemeinschaft DIY der Refugees Welcome Karoviertel und die Herzlichen Haareschneider Hamburg organisierten die Aktion. Unterstützt wurden sie unter anderem von der Radical Neighbourhood. Alle drei sind Gruppen, die sich im Internet verabreden, um offline etwas zu bewegen. „Der Armut in den Arsch treten“, ist das Motto der Radical Neighbourhood. Mit diesem Schlachtruf suchen sie sich Menschen, die Hilfe brauchen – Flüchtlinge, Obdachlose, Kinder – und handeln. Unbürokratisch und unkompliziert.

Muslima ließen sich aus Schamgefühl kaum frisieren

Der Friseur Georg Möller. © Anja Reumschüssel
Georg Möller von Radical Neighbourhood. © Anja Reumschüssel

„Einfach machen“, rät Georg Möller von der Radical Neighbourhood allen, die irgendwie helfen wollen. Es muss ja keine Riesenaktion sein wie der Friseursalon. Ein Tag im Zoo mit einer Familie aus Syrien, ein paar Bälle für die Kinder, eine Einladung zum Essen für die Eritreer, die seit Wochen nur die provisorischen Mahlzeiten aus dem Flüchtlingsheim kennen.

Oder eben Kuchen, Seilspringen und ganz viele Frisuren auf einem Platz mitten in Hamburg. Die Frisuren waren übrigens alle sehr ähnlich: oben lang, an den Seiten kurz. Zwischen den vielen Jungen und Männern standen vereinzelt auch Frauen, Mädchen hüpften durch die Stuhlreihen. Aber nur ganz wenige von ihnen ließen sich die Haare schneiden.

Der "Friseursalon" vor den Hamburger Messehallen. © Anja Reumschüssel
Der „Friseursalon“ vor den Hamburger Messehallen. © Anja Reumschüssel

„Schön wäre es, wenn noch mehr Frauen kämen“, wünscht sich Georg Möller. Die Radical Neighbourhood hatte extra blickdichte Zelte mitgebracht, damit auch muslimische Frauen ihr Kopftuch mal lüften können, ohne von Männern gesehen zu werden. Denn dazu haben sie in der Massenunterkunft wahrscheinlich nie Gelegenheit. Doch die meisten Frauen trauten sich nicht.

Auch die Schwester von Abdallah aus Syrien legt ihr Kopftuch nicht ab und verschwindet rasch wieder mit ihrem Teller voll Kuchen, als ihr Bruder sich auf den Friseurstuhl setzt. Abdallah und seine Familie sind vor vier Tagen nach Deutschland gekommen.

„Ich finde Haare schneiden ziemlich geil“

Zwei Wochen zuvor waren sie aus Syrien geflohen, kämpften sich von der Türkei über Mazedonien bis nach Hamburg durch. Jetzt strahlt der Junge als Violetta ihre Schere ansetzt. „Ich finde Haareschneiden ziemlich geil“, sagt die Friseurin, „Und ich finde es ziemlich geil, Leuten zu helfen, die so eine krasse Reise hinter sich haben. Deswegen bin ich hier.“

Die Friseurin Violetta bei der Arbeit. © Anja Reumschüssel
Die Friseurin Violetta bei der Arbeit. © Anja Reumschüssel

Es ist ein kunterbuntes, etwas chaotisches Durch- und Miteinander auf dem Platz vor den Messehallen. Jeder Friseur und jeder Frisierte hat einige Zuschauer, die Kleinsten auf den Stühlen fangen an zu weinen, Väter lachen und trösten, Mütter bringen Süßigkeiten. Es sind nur wenige Stunden an einem Sonntagnachmittag, doch Georg Möller hofft auf eine langfristige Wirkung.

Spät abends schreibt er auf Facebook: „Die Barbiere, die Friseur/innen, die Stylist/Inn/en des Tschaikowski-Platzes, werden ab sofort ihre Kunden verteidigen und die Menschen die sich auf die Stühle gesetzt haben, werden nie wieder zulassen, das ihren Haareschneidern etwas zustößt.“ Es kann so einfach sein, die Welt zu verändern.