So überlebst du, wenn du betrogen wurdest

Wenn du betrogen wurdest, kann schon mal deine Welt zusammenbrechen. Wie also weiterleben, ohne der eigenen Würde hinterherzuweinen oder gleich die Beziehung zu beenden?

Und jetzt? Pexels II CC0

Im zweiten Teil unseres Seitensprung-Survival-Guides haben wir ein paar Tipps für diejenigen, die betrogen worden sind. Einen Ratgeber für alle, die fremdgegangen sind, gibt es hier.

„Dieses würdelose Stück Scheiße. Keinen Funken Anstand. Wie konnte er*sie nur? Alles kaputt!“ Wenn rauskommt, dass dein*e Partner*in dich betrogen hat, ist das Gedankenkarussell in deinem Kopf kaum aufzuhalten. Vielleicht ist es in Wirklichkeit auch eher eine Kettensäge als ein -karussell.

Man sieht kein Blut, trotzdem tut alles schrecklich weh. Und der*die Schuldige an deinem bemitleidenswerten Zustand steht auch schon fest. Erster Reflex: Dieses Monster mit dem stumpfesten Messer erdolchen, das du finden kannst. Oder das Gleiche mit dir selbst tun, je nach Charakter halt. Wenigstens aber nach ein paar herausgeschrienen Vorwürfen Schluss machen. Dabei kann man aus Untreue eine Menge über sich und die Beziehung lernen. Zum Beispiel so:

Raus damit – nur anders

Dein Schmerz gehört ausgedrückt, daran besteht kein Zweifel. Allerdings nicht, indem du dem*der Anderen oder gleich der ganzen Welt unter die Nase reibst, was für ein mieser Mensch er*sie ist. Sondern, indem du dich auf deine eigenen Gefühle konzentrierst. Was passiert mit dir, wenn du an das Geschehene denkst – ganz jenseits von der Tatsache, dass dein*e Partner*in ein Arschloch ist?

[Außerdem auf ze.tt: Warum ich Fremdgehen nicht schlimm finde]

Vielleicht hast du Angst, ihm*ihr nicht zu genügen oder nicht gut genug zu sein. Vielleicht fühlst du dich oder empfindest eure Beziehung als entwertet. Möglicherweise hast du Angst, ihn*sie zu verlieren. In solchen Momenten werden wir meist mit unseren ureigenen Minderwertigkeitsgefühlen konfrontiert. Verfalle nicht der Illusion, dass sie erst durch das niederträchtige Verhalten deines Gegenübers entstanden sind. Sie sind schon seit unserer Kindheit da und lauern nur im Untergrund, bis etwas passiert, das sie in ihrer Existenz bestätigt.

Befreie dich!

Es ist eine ziemliche Quälerei, sich den Gefühlen von Klein-, Verlassen- oder Nicht-gut-genug-sein zu stellen, aber es ist nicht anstrengender, als gegen den*die andere*n zu ballern. Und: Es bringt dich weiter. Denn erstens wirst du deine Ängste und Schmerzen niemals los, indem du sie verdrängst, sondern nur indem du sie dir bewusst machst und dich traust, sie zu spüren.

Und zweitens ist das deine Chance, dich aus der Opferrolle zu befreien und die Verantwortung für all das zu übernehmen, was noch kommt. Statt dich also mit Hass auf deine*n (nicht mehr ganz so) Liebste*n abzulenken, solltest du deinem eigenen Untergrund die Aufmerksamkeit widmen, die ihm gebührt – allein oder zusammen mit einem*einer Vertrauten, und schließlich auch mit deinem*r Partner*in.

[Außerdem auf ze.tt: Was Sexlosigkeit mit einer Beziehung macht]

Geheimnisse und Halbwahrheiten gab es vermutlich zwischen euch schon genug, also raus mit allem, was in dir ist. Zeige ihm*ihr die Verletzung und die Angst, die unter deiner Wut liegt. Wer das als Gesichtsverlust interpretiert, liegt genau richtig. Nur wenn wir uns zeigen, wie wir wirklich sind, können wir eine echte Verbindung mit anderen Menschen eingehen. Und wenn wir schon beim Thema Wahrheit sind: Frag deine Freund*in ruhig nach allem, was du wissen willst. Denn egal, was man sonst so behauptet – es geht dich verdammt noch mal etwas an.

Finde die Logik!

Das Ganze ist euch nicht einfach so widerfahren wie ein plötzlicher Wasserrohrbruch. Die Liebe ist niemals so random wie Sanitäranlagen und andere Schicksalsmächte. Bei ihr folgt alles einer konsequenten Logik. Und welche Logik bei euch bisher geherrscht hat, gilt es jetzt herauszufinden. Wenn sich eure Gemüter also einigermaßen beruhigt haben, wird es Zeit für eine Beziehungsinnenschau.

Findet heraus, was den*die andere*n zum Fremdgehen gebracht hat. Was ist es, das ihm*ihr in eurer Beziehung oder überhaupt in seinem*ihren Leben fehlt? Ist da zu viel Alltag, zu viel Streit, zu wenig Sex oder Anerkennung? Sich solchen wunden Wahrheiten zu stellen, kann sich anfühlen, als würde man auch noch die andere Wange hinhalten. „Jetzt ist der*die andere schon fremdgegangen, und nun soll ich mir auch noch anhören, wie beschissen er*sie unser gemeinsames Leben findet!“, denkst du vielleicht. Aber ja, genau das sollst du. Lass es dir ganz genau erklären. Weine drüber, wenn es dich traurig macht. Sei wütend, dass er*sie nicht schon eher was gesagt hat. Aber schieb es nicht von dir weg, indem du ihm*ihr die gesamte Schuld gibst. Denn hier geht es um die Logik eurer Beziehung, und zu der gehören – Überraschung! – immer zwei.

Das ganze ist euch nicht einfach so widerfahren wie ein plötzlicher Wasserrohrbruch

Und ich wette, auch du hast dich in irgendeiner Weise zurückgehalten, deine Bedürfnisse unterdrückt oder nicht zur Sprache gebracht. Wir alle wollen geliebt werden, und darum passiert es nicht selten, dass wir uns zurücknehmen, um die Erwartungen des*der anderen zu erfüllen. Hören auf, mit unseren Freunden abzuhängen. Brutzeln am Strand, obwohl wir lieber in die Berge wollen. Schmeißen all die Glitzerfummel weg, weil er sie nuttig findet. Oder lassen uns unseren geliebten Flokati wegnehmen. Verzeih den Brigitte-Jargon, aber das hier ist eine verfickt gute Chance, um euch selbst und einander noch mal mit all euren ungeliebten Wahrheiten neu kennenzulernen.

Und weiter?

Jetzt, wo ihr wisst, was euch fehlt, könnt ihr gucken, ob eure Wünsche realisierbar sind. Und damit meine ich nicht, dass du zur Harmoniekeule oder zum*zur Sexbesessenen mutieren solltest, um dein*e Freund*in endlich glücklich zu machen (oder anders herum). Sondern: War der Seitensprung Resultat einer gähnenden Langeweile, könnt ihr überlegen, wo sie herkommt und wo ihr sie hinschickt. Habt ihr schon längst vergessen, wie der*die andere untenrum aussieht, solltet ihr überlegen, was diese Tatsache mit eurem Verhältnis zueinander zu tun hat. Fühlt sich zwischen euch alles so eng an, dass der Freiheitsdrang unerträglich wird, könntet ihr versuchen, eure Symbiose zu lockern.

Vielleicht stellt sich in diesem Prozess auch heraus, dass der Seitensprung gar nicht so viel mit eurer Beziehung zu tun hatte, sondern einfach nur Ausdruck von Lust auf andere war. In diesem Fall könnt ihr überlegen, ob eine offene Beziehung für euch infrage käme, wobei ich euch raten würde, in dieser aufwühlenden Zeit keine Experimente zu starten und lieber damit zu warten, bis dein Vertrauen wieder auf den Beinen ist.

[Außerdem auf ze.tt: Untreue – schweigen oder beichten]

Ich kann dir kein Happy End versprechen. Möglicherweise sperrt sich dein*e Freund*in gegen all diese ermüdende Beziehungsarbeit oder vögelt einfach weiter durch die Gegend. Vielleicht stellt ihr fest, dass eure Bedürfnisse einfach nicht zusammenpassen wollen. Und trotzdem könnt ihr nur gewinnen: Selbst wenn ihr euch schließlich trennen solltet, geht ihr wenigstens mit dem guten Gefühl, nicht gleich das Handtuch geschmissen zu haben, aus der Sache hervor.

Viel wahrscheinlicher ist aber, dass ihr am Ende die Beziehung bekommt, die ihr beide wirklich führen wollt. Und das war den Seitensprung dann wirklich wert.