So verändert sich Freundschaft, wenn ein Baby kommt

Wenn die beste Freundin Mama wird, ändert sich die Freundschaft. Die Geschichte von Alicia und Antonia zeigt, wie beide damit umgehen.

"Ja, voll süß." Unsplash CC0-Lizenz

Auf diesen beiden Küchenstühlen haben die beiden besten Freundinnen schon so oft gesessen. Hier haben Alicia und Antonia* gekocht, gefeiert und gequatscht. Nun sitzen sie hier nur noch selten. Eigentlich gar nicht mehr. Denn Antonia ist jetzt Mama.

Alicia und Antonia waren das A-Team, solange sie denken können. In der Grundschule schwänzten sie zusammen Ballettstunden, rauchten später heimlich hinter dem Sportplatz ihre ersten Zigaretten, verliebten sich gleichzeitig in den Matthias aus der Neunten, stritten sich furchtbar und vertrugen sich sofort wieder, weil der schöne Matthias doch lieber die doofe Sabine wollte. Die ersten Partys, der erste Kuss, der erste Urlaub ohne Eltern. Abends lagen sie im Bett und philosophierten über das Leben. Irgendwann dann die erste gemeinsame WG, die ersten Semester an der Uni.

Die Männer kamen und gingen, aber das A-Team blieb. Sie feierten gemeinsam durch die Nächte, lernten dazwischen für Klausuren, tranken Rotwein in der Küche.

Männer kommen und gehen – die beste Freundin bleibt

Als Antonia aus der WG aus und bei ihrem Freund einzog, war das wie ein kleiner Abschied, aber es änderte nicht viel. Ihre „AAbende“ in der alten WG-Küche blieben.

Es war auch ein solcher Abend, als Antonia diesen einen Satz sagte: „Ich bin schwanger!“ Alicia fiel fast vom Stuhl. Vor Schock – und Freude. Dass Antonia gerne Kinder wollte, hatte sie gewusst, aber so schnell? „Dass es sofort klappen würde, hätte ich auch nicht gedacht,“ sagt Antonia.

Diesen Moment gibt es in den meisten Freundschaften irgendwann. Ob lang erwartet oder völlig überraschend: Danach ist nichts mehr wie zuvor. Plötzlich redet man weniger über Singleabenteuer und Stress im Job, als über Kinderwagenmodelle, Still-BHs und Hebammenmangel.

Mit einem Schlag ändern sich die Gesprächsthemen

Mit den Themen ändern sich auch die gemeinsamen Aktivitäten: Schwanger um die Häuser ziehen geht zwar, fühlt sich aber ein wenig komisch an. Lange Gehen ist schwierig, zu lange Stehen auch, viele Sportarten zu gefährlich und aus dem langersehnten Festivalbesuch wird auch nichts mehr. Statt Drinks an der Bar, gibt es Saft auf der Couch. „Ich fühlte mich auch gar nicht mehr so nach Weggehen“, sagt Antonia. „Ich wäre schon gerne losgezogen, aber es war ja klar, dass Toni etwas ruhiger machen musste“, sagt Alicia. Die ersten Ultraschallbilder, der erste Babysöckchenkauf, die ersten Namensideen für die Kleine – Alicia war fast genauso aufgeregt wie Antonia und der werdende Papa.

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Eines Abends dann der Anruf, Antonia auf dem Weg in die Geburtsklinik, es geht los. Alicia konnte in der Nacht kaum schlafen, es fühlte sich ein wenig an, wie am Weihnachtstag als Kind, wenn man es nicht erwarten kann. Der erste Besuch im Krankenhaus, das erste Mal diesen kleinen Menschen auf dem Arm halten, das erste Mal Kinderwagenschieben.

Verrückt, die beste Freundin mit einem Baby zu sehen

Antonias Welt war plötzlich auf dieses kleine Wunder geschrumpft. Wochenlang schläft sie kaum mehr als zwei Stunden am Stück, trägt das schreiende Baby nachts durch die Wohnung, weil ihr Freund am nächsten Morgen arbeiten muss, kommt kaum zum Duschen, schon gar nicht zum Kochen, die Wohnung ist ein Haufen Unordnung. Die Jogginghose wird zum Lieblingsteil, ihr Schminktäschchen ist hinter Windelbergen verschwunden. Alicia bringt Kuchen und Suppe mit, wenn sie zu Besuch kommt, bleibt aber immer nur ein Stündchen, zu müde und erschöpft ist Antonia.

Vielleicht ist es der Schlafmangel, das Neue, die Hormone oder alles auf einmal, aber Antonias Aufnahmefähigkeit reicht nur für wenige Sätze. Während Alicia von der Welt da draußen erzählt, scheint die für Antonia unendlich weit weg. Sie hört zu, sie fragt nach, aber innerlich schweift sie immer wieder Richtung Babywippe.

Ich hatte Angst, sie mit meinen Geschichten zu langweilen.“ – Antonia

„Ich erzählte von meinem neuen Job, der neuen Bar an der nächsten Ecke, dem Typen, der immer noch nur dann schreibt, wenn er besoffen ist. Aber irgendwie schien mir das alles so banal im Vergleich zu der Tatsache, dass da gerade ein neuer Mensch in die Welt gekommen war“, sagt Alicia.

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Zum ersten Mal in ihrer Freundschaft, ist die Schnittmenge der gemeinsamen Themen auf ein Minimum gesunken. „Ich hatte gar nichts zu erzählen,“ sagt Antonia „Mein Leben bestand aus Stillen, Windeln wechseln, Schlafen und wieder Stillen. Für mich war das alles neu und krass, aber nach einer Weile gibt das nicht mehr so viel an Gesprächsstoff her. Ich wollte Alicia auch nicht mit der hundertsten Wickelgeschichte langweilen.“

Früher hatten sie nächtelang durchgequatscht, jetzt ist die Gesprächszeit zudem auf wenige Momente begrenzt, weil die Kleine meisten genau dann nicht schlafen, sondern herumgetragen werden will, wenn Alicia und Antonia sich gerade gemütlich hingesetzt haben.

„Verabredungen sind schwieriger geworden“

Das A-Team hat an einer Kreuzung im Leben unterschiedliche Abbiegungen genommen. Während Antonia geradewegs in die Babywelt hinein steuerte, tuckert Alicias Leben einfach geradeaus weiter. „Ich freue mich so sehr für Antonia, aber ihr Leben ist jetzt völlig anders, während meines eigentlich weiterläuft wie zuvor. Nur ohne sie.“ Da, wo vorher Antonia war, klafft jetzt eine kleine Lücke.

Da wo vorher Alicia war, hat nun ein kleiner Mensch Einzug gehalten. „Fast alles, was wir früher zusammen gemacht haben, geht jetzt nicht mehr oder ist komplizierter geworden. Man kann sich nicht mehr einfach irgendwo verabreden, weil das Baby schlafen muss oder trinken will und wir ziehen nicht mehr um die Häuser, weil Antonia viel zu müde dafür ist und der sperrige Kinderwagen alle nervt“, sagt Alicia.

Der Platz der besten Freundin bleibt besetzt

Neun Monate Schwangerschaft sind nicht viel Zeit, um eingespielte Freundschaftsrituale neu auszurichten. Und wenn das Baby erst mal da ist, muss alles noch mal neu sortiert werden. Gerade war man noch gemeinsam durch das Leben gebraust, im gleichen Tempo, mit viel Kaffee und noch viel mehr Wein und plötzlich schaltet das Leben ein paar Gänge zurück.

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Antonia spricht viel leiser als früher, um die Kleine nicht zu wecken. Früher sportlich flink, schiebt sie den Kinderwagen jetzt im Schneckentempo durch den Park. „Seit die Kleine auf der Welt ist, ist mein altes Leben so weit weg“, sagt die junge Mama. „Ich habe aber auch gar nicht mehr so Lust auf große Unternehmungen. Ich bin abends viel zu erschöpft und in meine Hosen von früher passe ich auch noch nicht wieder rein. Ich müsste dann Milch abpumpen, aber sobald ich das Haus ohne die Kleine verlasse, vermisse ich sie so schrecklich.“

Die beste Freundin ist jetzt in erster Linie Mutter

Antonia trifft sich jetzt mehr mit anderen jungen Müttern aus dem Geburtsvorbereitungskurs. Alicia trifft sich jetzt mehr mit Kolleg*innen. Gemeinsame Themen verbinden. Aber der Platz der besten Freundin bleibt besetzt. Es ist, als hinge die Freundschaft in einer Warteschleife. Antonia wartet darauf, dass das Baby größer und selbstständiger wird – und Alicia wartet auf Antonia. Vielleicht wird es wieder wie früher, irgendwann, denken beide. Wahrscheinlicher aber ist, dass es nie wieder wie so sein wird, wie zuvor. Denn wenn die beste Freundin ein Baby bekommt, verändert sich nicht nur das Leben der einen, sondern auch die Freundschaft von zwei Menschen. Alles wird anders – aber nicht unbedingt schlechter.

Neulich sind Alicia und Antonia zusammen in ein Möbelhaus gefahren und haben einen dritten Stuhl für die alte WG-Küche gekauft. Einen Kinderstuhl. Für den Nachwuchs im A-Team. Sie wollen wieder öfter in der Küche sitzen. Zum ersten Mal dann zu dritt.


*Namen von der Redaktion geändert.