So verlief die Debatte über den Artikel „Bodyshaming unter Schwulen“

Unser Artikel „Warum Schwule die krassesten Bodyshamer sind“ wurde heftig diskutiert. Wir fassen die Debatte zusammen.

© ze.tt/Leon Krenz

User diskutierten unter anderem auf unserer Facebook-Seite. © ze.tt/Leon Krenz

In unserem Artikel „Warum Schwule die krassesten Bodyshamer sind“ ging es um das schwule Schönheitsideal des „richtigen Mannes“ und wie es zur Ausgrenzung innerhalb der Schwulenszene führt. Der Artikel wurde heftig diskutiert. Im Kern lassen sich die Diskussionen in drei Stränge einteilen:

Vorlieben sind keine Diskriminierung

Manche argumentieren, dass derjenige, der nicht auf dicke Männer steht, niemanden diskriminiert, sondern lediglich seine Vorlieben auslebt. Andere widersprechen und halten es für abwertend, übergewichtige Männer explizit auszuschließen.

Mario T.: „Es ist doch keine Diskriminierung, nicht auf Dicke und „Tunten“ zu stehen, sondern persönlicher Geschmack. Solche nicht attraktiv zu finden, heißt ja nicht, dass man sonst nichts mit ihnen zu tun haben will.“

Tobias S.: „Wenn jemand schreibt ‚Keine Dicken, keine Tunten‘, dann sagt das schon einiges aus. Alleine die Wortwahl. Es sagt: Ich bin etwas besseres, ich halte dich für weniger wert. Ich will mit dir nichts zu tun haben. Die Fixierung und Beschränkung einer Person auf den Körper ist echt wahnsinnig stark geworden. Es zählt ja in der Community fast nichts anderes mehr. Und das homophobste Wort überhaupt ist ja ‚heterolike‘.“

Wann etwas lediglich persönlicher Geschmack ist und ab wann es diskriminierend wirkt, ist ein schmaler Grad. Diese Diskussion wird oft auch im Zusammenhang mit Profiltexten geführt, in denen beispielsweise „Keine Asiaten“ steht. Es ist meiner Meinung nach unmöglich, jeden Asiaten der Welt kategorisch als unattraktiv abzulehnen. Oder eben jeden angeblich zu dünnen/dicken Menschen. Außerdem wächst Attraktivität auch durch innere Verbundenheit.

Intersektionalitäten

Hier geht es darum, dass Diskriminierung nicht nur an einem Punkt erfahren wird, sondern sich meist mit anderen Diskriminierungsformen überschneidet (Intersektionalität genannt). Bodyshaming ist oft mit Gendershaming verbunden, für viele aber eben auch mit Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit.

Neeni H.: „Irgendwie fehlt es mir an Mitleid für weiße Männer, die nach Aussehen diskriminiert werden und sich einem körperlichen Optimierungsdruck unterworfen sehen. Herzlichen Glückwunsch, so sieht das gesamte Leben einer jeden Frau auf diesem Planeten, egal welcher Hautfarbe oder sexuellen Orientierung aus, und Männer – egal, welcher sexuellen Orientierung – sind nicht gerade unschuldig daran.“

Johan K.: „Wer sagt denn, dass es um Mitleid geht? Man kann den Quatsch doch hier wie da ablehnen – vor allen Dingen, weil dahinter ein und derselbe Mist steckt (patriarchalisches Geschlechterbild, im Text steht was vom ‚richtigen Mann‘ etc.), von dem Frauen, zugegeben, noch mehr und seit viel längerem gegängelt werden.“

Aaron M.: „Ich glaube bevor man über die ‚Dramatik‘ von Bodyshaming reden muss, sollte man Gender-Identity-Shaming und offen kommunizierten Rassismus unter Gays diskutieren.“

Es gibt definitiv noch eine Menge zu tun, um vielseitige Diskriminierung abzubauen – auch seitens der Medien. Themen wie Bodyshaming werden eher besprochen und geteilt, wenn die Beteiligten eine weiße Hautfarbe haben und in das binäre Geschlechtsmodell passen. Der mediale Erfolg des Trans-Mannes Benjamin Melzer, der es auf das Cover des Mens Health-Magazins schaffte liegt – bei allem Respekt – auch daran, dass er in das beschriebene Schönheitsideal des „richtigen Mannes“ passt – und eben weiß ist.

Der Artikel ist homophob

Ein dritter Argumentationsstrang findet unseren Artikel homophob. Er urteile über eine Community im Ganzen und sei zu oberflächlich.

Simon B.: „Ich finde den Artikel furchtbar. Er hat einen homophoben Unterton. Es wird über ‚die Schwulen‘ als Gesamtheit gesprochen. Es entsteht der Eindruck Bodyshaming und Essstörungen sind ein spezifisches Schwulenproblem. Verschärft wird das durch den direkten Vergleich mit ‚den Heterosexuellen‘, die natürlich viel toleranter sind. Was der Autor mit der Kritik an Tribes wie Twinks oder Bären sagen will, erschließt sich mir nicht ganz. Diese Tribes sind es doch, die dem im Artikel gezeichneten Idealbild eben nicht entsprechen, außer dass es hier ebenfalls um Äußerlichkeiten geht. Diese Aussagen könnte man genauso gut auf die Gothic Szene oder Punks übertragen.“

Sören L.: „Naja, ich bin als LSBTI Aktivist sicherlich nicht homophob, aber vieles was in dem Artikel steht ist wirklich statistisch nachweisbar. Mehr Drogen- und Alkoholkonsum, mehr Depressionen und eben auch mehr Essstörungen. Die neue SMHA-Studie der DAH gibt für dieses Verhalten auch Erklärungen.“

Die angesprochene Studie gibt es hier. Darin geht es um Schutzverhalten und Risikoempfinden schwuler Männer in Bezug auf HIV/AIDS.

Die zitierten Kommentare stammen von unserer Facebook-Seite und der von ZEIT ONLINE, wo der Artikel ebenfalls gepostet wurde. Wir haben sie teilweise gekürzt und der besseren Lesbarkeit halber ein paar Tippfehler ausgebessert.

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