So viel Bodyshaming passt auf ein Kinderfilmplakat

Du kannst nur schön sein, wenn du schlank bist – jedenfalls, wenn es nach diesem Plakat geht. Ein Kommentar.

Ouch! © Kyle Buchanan / Twitter

Auf einem aktuellen Plakat des in Südkorea animierten Kinderfilmes Red Shoes & the 7 Dwarfs sind neben drei Teletubby-Zwerg-Hybriden auch zwei Schneewittchen zu sehen.

Das Linke entspricht mit Wespentaille, Spindelbeinchen und blasierter Rich-Girl-Miene dem Ideal jeder Disneyprinzessin. Das Rechte bekam zum übertrieben runden Kopf einen dümmlich-fragenden Gesichtsausdruck und einen Körper mit biologisch immerhin möglichen Proportionen verpasst. Der Knaller kommt jedoch nur für diejenigen, die des Lesens mächtig und willig sind. Der Slogan auf dem Plakat liest sich nämlich wie folgt:

Was wäre, wenn Schneewittchen nicht mehr schön und die 7 Zwerge nicht mehr klein wären?“

Ehhh, wie bitte? Ein Mensch ist also nicht mehr schön, sobald dessen Körper auch nur um ein paar Kilo von einem vollkommen überzogenen Ideal abweicht? Ich glaube es hackt! Kein Wunder, dass viele Betrachter*innen in den vergangenen Tagen irgendwo zwischen Verwirrung, Wut und absoluter Fassungslosigkeit schwankten.

Ist das niemandem aufgefallen?!

Wenn du etwa eine Minute lang auf das Plakat starrst und dann ganz schnell die Augen schließt, kannst du es sicher vor dir sehen: die Sitzung, in der dieses Plakat beschlossen wurde. Gemeinsam saßen sie an einem Tisch und überlegten vermutlich hin und her, um einen schmissigen Slogan zu finden. Irgendwas Überraschendes, das neugierig macht. Was, worüber man lachen kann. Zum Beispiel darüber, dass Frauen mit mit mehr als 45 Kilo Körpergewicht hässlich seien.

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Das fertige Prachtstück präsentierte die Produktionsfirma Locus Creative Studios dann vergangene Woche auf den Filmfestspielen in Cannes. Was, wenn man genau drüber nachdenkt, in den vergangenen Jahren der beste Ort war, um als Filmemacher*in mit veralteten Schönheitsidealen und Sexismus durchzukommen. Trotzdem sorgte der unmissverständliche Slogan für Aufsehen.

Das geht gar nicht

Zunächst beschwerten sich vor allem Twitter-User*innen über die fragwürdige Vermarktungsstrategie des Filmes.

Schließlich meldete sich auch die Sprecherin und Hauptdarstellerin Schneewittchens Chloë Grace Moretz zu Wort, deren Name häufig im Zusammenhang mit dem Film genannt wurde. Auf Twitter schrieb sie:

Ich bin genauso entsetzt und wütend wir jede*r andere auch. Das wurde weder von mir noch meinem Team so genehmigt.“

Inzwischen hat Sujin Hwang, einer der Produzent*innen des Filmes, gegenüber Bustle Stellung zu der Marketingkampagne seines Filmes genommen. Er erklärte:

Unser Film, eine Familienkomödie, soll eine Botschaft vermitteln, die soziale Vorurteile in Bezug auf physische Schönheit in unserer Gesellschaft herausfordert und dabei die hohe Bedeutung innerer Schönheit betont.“

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Mit sofortiger Wirkung habe man sowohl den Trailer, der ebenfalls fragwürdig sexualisiert daherkam und hier zu finden ist, als auch die Plakatkampagne beendet und werde an einem neuen Konzept arbeiten.

Lasst doch endlich die Kinder in Ruhe

Kinder werden seit Jahren mit übertriebenen Schönheitsidealen und Körperbildern bombardiert. Aus zwei Gründen ist  dieser Fall aber besonders ärgerlich. Zum einen, weil die Produktionsfirma den Film trotz allem gern als empowernden Beitrag für ein gesundes Körpergefühl verkaufen will. Zum anderen, weil sich in den letzten Jahren langsam etwas zu bewegen schien, wenn es um Kinder und Körperkult ging.

Man denke nur an das vorsichtige Herantasten von Mattel an neue Barbie-Körperformen. Oder an so empowernde Disneyheldinnen wie Mulan, Tiana oder Rapunzel. Es schien, als hätten Firmen angefangen zu begreifen, wie viel Verantwortung sie haben, wenn es um die Psyche ihrer kleinen Kundschaft geht. Und dann kommt so ein Filmplakat daher und erinnert einen daran, dass wir eigentlich nur Babyschritte unternommen haben und der große Teil des Weges noch vor uns liegt.

Immerhin hat Protest inzwischen so viel Gewicht, dass er zu einer schnellen Einsicht bei Locus Creative Studios geführt hat. Nächstes Mal kommt die Marketingabteilung aber hoffentlich selbst darauf, dass ihr Slogan völlig daneben ist. Wer – laut eigener Aussage – mit seinem Film über Vorurteile aufklären möchte, sollte dazu ja durchaus in der Lage sein.