Frum Porn: Wie jüdische Ultraorthodoxe in Pornos landen

In der Pornografie gibt es nichts, was es nicht gibt. Jetzt taucht ein Genre auf, das angeblich ultraorthodoxe Juden beim Sex zeigt: Frum Porn.

Orthodoxe Juden sind für die Hut- und Kopftuchindustrie relevant, aber sicher nicht für die Porno-Branche. Bild: CC 2.0 Borja García de Sola Fernández/flickr

Pornografie ist dank des Internets in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Nachfrage steigt – und das rasant. Kein Wunder also, dass immer wieder absurde neue Genres auf dem Markt auftauchen. Einer dieser Neuzugänge – Frum Porn – zeigt angeblich ultraorthodoxe Juden und Jüdinnen beim Sex. Doch stimmt das wirklich? Und wer guckt sich sowas überhaupt an?

Frum entstammt dem jiddischen Wort für fromm oder gottesfürchtig und beschreibt im englischsprachigen Raum die konservativsten Juden. Zu ihnen zählen weltweit etwa 1,4 Millionen Menschen. Sie führen ein Leben nach den in Tora und Talmud festgelegten Ge- und Verboten. Das bedeutet auch, dass Masturbation und Sex vor oder außerhalb der Ehe verboten sind. Frum Porn beinhaltet damit offensichtlich einen Widerspruch zwischen Frömmigkeit und der nicht-koscheren Pornografie. Was genau ist also Frum Porn?

Kostümsex mit Heimvideoflair

Die Handlung und Ästhetik der Frum-Porn-Streifen unterscheidet sich kaum von Amateurpornos. In irgendeiner schlecht ausgeleuchteten Privatwohnung treiben es absolut langweilige Durchschnittsmenschen. Die Filme zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass Akteur*innen betont religiös gekleidet sind. Die Männer tragen schwarze Anzüge und Kippot. Die Frauen sind in langen grauen Kleidern zu sehen und bedecken ihr Haar mit einem Scheitel (Perücke) oder einem Tichel (Tuch). So ist es unter verheirateten ultraorthodoxen Jüdinnen üblich.

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Eben jenes religiös codierte Verhüllen der Darsteller*innen macht überhaupt erst den sexuellen Reiz der Filme aus. Die langen und dunklen Gewänder provozieren die Frage, was sich Aufregendes unter ihnen verbirgt. Und natürlich ziehen sich auch im Frum Porn alle Beteiligten aus – zumindest teilweise.

Nach der Entblätterung bleiben religiöse Symbole wie die Kippa oder das Tichel brav auf den wippenden Köpfen der Darsteller*innen. So bleibt die Illusion erhalten, dass den Zuschauer*innen tatsächlich ultraorthodoxe Juden und Jüdinnen beim Sex präsentiert werden. Die Darsteller*innen dürften aber gecastet und weitaus weniger religiös sein, als die Filme implizieren.

Die Frage nach der Nachfrage

„Es wurde diskutiert, wer sich das ansieht und ob diese Filme ‚echt‘ sind“, kommentiert Barbara Steiner. Sie beschäftigt sich als Sexualtherapeutin und Autorin mit Sex im Judentum und plant gerade ein dazugehöriges Buchprojekt. In ihrer Praxis in Berlin-Zehlendorf behandelt sie auch jüdische Paare. Barbara Steiner schließt nicht aus, dass streng religiöse Juden sich Frum Porn wirklich anschauen. Ihre Logik: Wenn überhaupt, würden Fromme sich natürlich eher Pornos ansehen, die Menschen zeigen, die ihnen ähnlich sind.

Der Rabbi einer Berliner Synagoge bricht dagegen in Lachen aus, als ich ihm Frum Porn am Telefon erkläre. Er habe davon noch nie gehört. Er verweist auf einen orthodoxen Rabbi, von dem er meint, er könnte vielleicht eher weiterhelfen. Der sagt auf die Anfrage zu einem Interview aus terminlichen Gründen ab. Dafür meldet sich aber ein anderer orthodoxer Rabbiner, der namentlich nicht genannt werden möchte. Religion und Porno passten seiner Meinung nach nicht zusammen. „Je weniger über das Thema gesprochen wird, umso besser.“ Pornografie ruiniere seiner Meinung nach Familien und die Vorstellungen, die wir von Sex haben. „Viele junge Menschen sehen sich das an und denken, sie müssten auch solchen Sex haben und erfüllen die überhöhte Erwartung nicht.“ Er glaubt daher auch nicht, dass solche Angebote sich tatsächlich an religiöse Menschen richten. Oder dass diese überhaupt einen Bedarf nach diesen Inhalten hätten. 

Strenggläubig, geil, sucht

Barbara Steiner würde ihm widersprechen. Ihrer Erfahrung nach öffneten sich strenggläubige Juden und Jüdinnen zunehmend dem Thema Sex. Das Internet ermögliche es ihnen, anonym an Informationen zu gelangen und sich untereinander zu vernetzen.

JSwipe – das jüdische Tinder – ist beispielsweise eine Plattform, auf der sich auch sexwillige Strenggläubige finden. In Israel hat sich seit 2002 zudem eine Pornofilmindustrie entwickelt, die zunehmend internationale Anerkennung erfährt und mit Rabbi Natan Alexander gibt es einen Orthodoxen, der auf seiner Website koschere Sexspielzeuge verkauft. Eine Zeit lang existierte mit Shaindy.com sogar ein Onlineportal, auf dem strenggläubige Juden außereheliche Affären suchen konnten.

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Das neu erwachte Interesse der Ultraorthodoxen am Sex ist dabei gar nicht so ungewöhnlich, wenn man es im Kontext des Judentums insgesamt sieht. Sexualität ist dort nie mit Sünde in Verbindung gebracht worden. Im Gegenteil: Ganze Abschnitte des Tanach und die Sammlung von Liebesliedern im Hohenlied befassen sich sehr positiv mit Sex. Das sei auch einer der Gründe, warum Juden über Sex häufig mehr wüssten als der Durchschnitt, erklärt mir der Rabbiner. Über Sex würde durchaus offen geredet, zum Beispiel, wenn verheiratete Paare mit Problemen zu ihm kämen.

Pornos sind eigentlich nicht koscher

Da es keine Statistiken über den Pornokonsum ultraorthodoxer Juden gibt, ist sowohl die Frage nach der Echtheit der Filme als auch den Konsument*innen schwer zu beantworten. Vermutlich handelt es sich aber nur um durchschnittliche Darsteller*innen, die Zuschauer*innen eine Illusion von Religiosität verkaufen. Orthodoxe Gemeinden bleiben uns mit ihren Ritualen und Werten häufig fremd und damit auch geheimnisvoll. Zu dem Schluss kommt auch der Rabbi: „Es ist egal, ob dort Orthodoxe gezeigt werden. Das soll einfach Menschen anlocken und vermittelt das Gefühl, dass Religiöse es auch treiben.“