So wurden wir als Journalistinnen auf den G20-Demos behandelt

Nach drei Tagen G20-Gipfel stellen unsere Videoredakteurinnen fest: Kritik an der Polizei ist durchaus berechtigt und muss erlaubt sein.

G20: Während eines Protestes am 7. Juli 2017 © Getty Images / AFP/ Christof Stache

Frauke

„Presse, wir sind Presse“, ich reiße die Hände in die Höhe und gehe einen kleinen Schritt auf den Polizisten zu, der gerade mit gezogenem Schlagstock auf uns zuläuft. Er bremst vor mir und meiner Kollegin Gerlinde ab, streckt die Arme aus und hindert uns daran, an ihm vorbeizulaufen. Ich wiederhole noch mal. „Wir sind Presse, lassen sie uns sofort raus.“ Dann packt er uns an unseren Rucksäcken, schubst uns den kleinen Hügel in Richtung Bismarck-Denkmal auf St. Pauli hoch und schreit: „Das kann ja jeder behaupten – na los, hoch mit euch, schön zu den anderen Chaoten.“ Während ich mir Mühe gebe, nicht über die Sträucher und Büsche zu fallen, durch die wir gedrängt werden, angle ich in meinem Rucksack nach meinem Presseausweis. Endlich hab ich ihn. Ein paar Machtgebären und misstrauische Blicke später dürfen wir gehen. „Aber ganz weit weg“, hören wir ihn noch sagen. Wohl kaum, dachten wir.

Nichts für schwache Nerven heute. #g20 #blockg20 #nog20 #hamburg

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Klar, so etwas kann schon mal passieren. Gerade bei so kleinen Protestaktionen, wie Block G20 -Colour the red zone am Freitagmorgen an den Landungsbrücken. Dort machten sich kurz nach 7 Uhr bereits die ersten hundert Demonstrierenden auf den Weg, um an verschiedenen Orten der Stadt die Anfahrtsstrecke einzelner Delegationen zu stören. Da geht dann alles sehr schnell. Gerade fanden sich noch knapp zweihundert Menschen, bunt und schwarz gekleidet mit und ohne Transparenten zusammen und im nächsten Moment laufen sie geschlossen und energisch in Richtung Innenstadt.

Es dauerte nicht lange und die Polizei rennt von allen Seiten auf die Gruppe zu und kesselt sie ein. Bei solchen unübersichtlichen Aktionen, können Journalist*innen schon mal zwischen die Fronten geraten, das ist mir klar. Vor allem dann, wenn sie wie wir keine Pressewesten oder Helme tragen. Aber sind das wirklich alles nur Ausnahmen?

Wohl nicht! Schon während der G20-Tage gab es gegenüber Pressevertreter*innen seitens der Polizei mehr als nur ein paar Schubsereien. Von Beschimpfungen und Tritten war die Rede, von Gewaltandrohungen bis hin zur Abnahme einzelner Akkreditierungen. Eine sogenannte Schwarze Liste von Journalist*innen sei an den Kontrollpunkten vor dem Pressezentrum im Umlauf gewesen, wie die tagesschau.de berichtet.

Eine Liste auf der 32 akkreditierte Journalist*innen standen, die als Sicherheitsrisiko eingestuft wurden. Noch während der Proteste forderte die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union die Einsatzkräfte zur Wahrung der Pressefreiheit auf. „Es kann nicht sein, dass Journalistinnen und Journalisten von den Einsatzkräften an der Ausübung ihres Berufs gehindert werden. Die Öffentlichkeit muss sich ein differenziertes Bild von der Situation in Hamburg machen können“, sagt die dju-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß.

In der abschließenden Pressekonferenz zum Polizeieinsatz während des G20-Gipfels betont Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz: „Ich will ausdrücklich sagen, dass ich nicht verstehen kann, dass wenn jetzt oder in den nächsten Tagen die wirklich heldenhafte Tätigkeit der Polizei kritisiert wird.“

Keine Kritik an der Arbeit der Polizei? Bei solchen massiven Eingriffen in die Pressefreiheit frage ich mich, wenn nicht jetzt, wann dann?

Gerlinde

Am Donnerstag zuvor fand die Kundgebung zur Welcome to hell-Demo ab 16 Uhr am Hamburger Fischmarkt statt. Schon vor Beginn der Veranstaltung kreisten Helikopter unermüdlich über der Stadt und die Läden der Umgebung verrammelten ihre Schaufenster mit Spanplatten.

Es wimmelte nur so vor Journalist*innen, die erste Bilder des Geschehens schossen. Bereits zu diesem Zeitpunkt beeindruckte mich das große Aufgebot an Polizist*innen. Demonstrant*innen fanden sich erst allmählich ein.

Gegen 17 Uhr gingen wir live. Der Platz hatte sich inzwischen gefüllt. Es war schwierig, Leute zu finden, die vor der Kamera sprechen wollten, viele schienen den Medien kritisch gegenüberzustehen. Kurz nach 19 Uhr saßen wir auf einer Brücke direkt über der Demonstration. Blickten wir zur einen Seite, schauten wir auf ein Riesenaufgebot der Polizei mit zwei Wasserwerfern, auf der anderen Seite standen die bereits gestoppten Demonstrant*innen. Die Beamt*innen wirkten aggressiv, die Demonstrierenden friedlich.

Die Eskalation lag in der Luft

Kurz darauf stieg Rauch auf und eine große Unruhe brach aus. Während unseres Drehs kurz zuvor war die Situation friedlich und gelassen gewesen. Nun knallte es. Die Polizei begann die Demonstrierenden an der Spitze des Demozugs einzukesseln und die Demonstration zu stoppen. Die Lage schien zu eskalieren. Und das obwohl Mitglieder des Schwarzen Blockes ihre Vermummungen abgelegt hatten und bis dahin alles ruhig gewesen war.

Die Demonstrierenden fühlten sich bedroht und skandierten mit Rufgesängen ihren Unmut gegenüber der Polizei. Die Eskalation lag in der Luft. Wir zogen uns zurück, da die brisante Lage sich langsam auf die Seitenstraßen ausbreitete. Viele flohen von der Demo. Wir flüchteten auf ein Kirchengelände, um die Situation abzuwarten. Wir waren als Journalistinnen akkreditiert. Mit dem Band und dem Ausweis um den Hals wurden wir von der Polizei mit mehr Respekt behandelt als andere.

Am darauffolgenden Freitag beobachtete ich, wie eine Staatskarosse mit G20-Teilnehmenden aus Japan von einer Sitzblockade gestoppt wurde. Sofort formierte sich die Polizei. Die Beamt*innen waren weit in der Überzahl. Ohne Ankündigung oder Vorwarnung schliffen und zerrten sie die Sitzenden brutal zur Seite. Es stürzten sich teils mehrere Polizist*innen auf einzelne Personen.

Die Brutalität der Polizist*innen machte mich sprachlos

Die Brutalität der Polizist*innen machte mich sprachlos. Für mich war die Polizei bis zu dem Tag immer eine Institution gewesen, von der ich mich eher geschützt fühlte. Das Bild, was sich mir bot, auch der Umgang der Polizei mit mir, war ein neues. Ich fühlte mich nicht sicher. Ich hatte das Gefühl, dass wenn ich der Polizei näher kommen würde, ich mit körperlicher Gewalt zu rechnen hätte.

Die Polizist*innen interessierte nur auf Nachdruck, dass wir als Journalistinnen ein Recht hatten, durch Absperrungen zu gehen, um die Situation beschreiben zu können. Zweimal wurden wir eingekesselt und hatten Mühe, wieder herauszukommen. Mehrfach habe ich beobachtet, wie kleinere Demonstrationen und Proteste mit unverhältnismäßiger Brutalität seitens der Polizei aufgehoben wurden. Situationen, die sicherlich mit etwas Geduld und Gelassenheit und mit weniger Gewalt in den Griff zu bekommen gewesen wären.

 

Dieser Artikel wurde nachträglich geändert.