Spart euch doch einfach eure Kommentare zu meinen Tattoos

Dreimal dürft ihr raten, welche Menschen gerne über Tattoos sprechen wollen. Die, die noch keines haben. Die, die bald eines haben werden. Und, die schlimmste Sorte: die, die ganz sicher keine haben möchten.

Denkst du, dass ich es „wirklich spätestens am Tag meiner Hochzeit bereuen werde“? Pexels II CC0

Eigentlich sind wir als Gesellschaft schon weiter, dachte ich, als mich letztens eine alte Bekannte auf mein neues Tattoo ansprach. „Du hörst jetzt aber schon bald damit auf, ja?“, sagte sie in genau dem bevormundenden Tonfall, der mich an meine alte Biologielehrerin erinnerte. Wie bitte?, dachte ich. Sie hingegen holte munter aus: „Tattoos sind doch auch wieder nur so ein Trend-Ding.“ Nein, liebe Monika, Tattoos sind kein Trend, der wieder weggehen wird wie deine dunkelblaue Wohnzimmerwand aus der vorletzten Schöner Wohnen-Ausgabe. Sie sind auch kein Schrei nach Aufmerksamkeit oder pubertäre Ausrutscher. Im besten Fall sind sie auf die Haut übertragene Kunst.

Würde mich deine Meinung zu meinem Körper interessieren, hätte ich danach gefragt. Nein, nur weil ich sichtbare Tattoos habe, heißt das nicht, dass du automatisch die künstlerische Kompetenz besitzt, diese in gut oder schlecht einteilen und kommentieren zu dürfen. Oder komme ich auf deine WG-Party und sag dir straight, wie unästhetisch ich dein neues Sofa, nein, deine gesamte Einrichtung finde? Eben.

Für alle, die kein besseres Hobby kennen, als die Körpermodifizierung anderer Menschen ungefragt zu kommentieren, habe ich hier ein paar wertvolle Gegenfragen für den Reflexionsprozess gesammelt, die ihr euch bei der nächsten Gelegenheit gerne selbst stellen könnt. Haltet euch an den Perlenohrringen fest! Viel Spaß.

Hast du dich schon mal gefragt, ob deine Worte beleidigend sind?

Versetz dich einmal die Situation der Person hinein, die du gerade mit deinem unpassenden Kommentar zu seiner*ihrer neuen Frisur, seinem*ihrem neuen Outfit oder Tattoo beglückt hast. Wann wird es sich endlich durchsetzen, dass man fremde Menschen nicht mit seiner Meinung über ihr Äußeres belästigt? Streich am besten Sätze wie: Ich finde ja, du solltest …; Ich denke, das steht dir besser als …; Mir persönlich hat es ja …; aus deinem Wortschatz. Es geht nicht um dich.

Denkst du, dass ich es „wirklich spätestens am Tag meiner Hochzeit bereuen werde“?

Ein gerne ausgesprochenes Argument. Warte, vielleicht überlege ich es mir doch noch mal. Denn sicherlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die langwierig erstandene Kollektion an Tätowierungen just zu dem Zeitpunkt bereut wird, an dem man zum Traualtar schreitet. Gott kennt keine Gnade. Erst die Homoehe, und jetzt auch noch Tätowierungen? Jetzt ist aber auch mal Schluss!

[Außerdem auf ze.tt: Wer nur ein Tattoo haben will, um ein Tattoo zu haben, hat keine Ahnung von Tattoos]

Wie sieht das denn aus, fragt sich Anne, wenn du da als Frau* mit einem tätowierten Rücken oder tätowierten Armen vor dem Traualtar stehst und ewige Treue schwörst? Gut, kannst du dann darauf antworten. Einfach gut.

Haben dich deine Freund*innen schon mal während einer Diskussion als konservativ bezeichnet?

Eventuell, aber wirklich nur ganz eventuell könnte es sein, dass du anderen Leuten gerne vorschreibst, wie sie zu leben und was sie zu tragen haben, wenn es sich dabei nicht um Segelschuhe, Perlenohrringe und hochgeschlossene Blusen handelt. Waren das Vorurteile? Upsi. Vielleicht trägst du auch Cheap-Monday-Röhrenjeans und einen schwarzen Rollkragenpullover – in Zeiten wie diesen weiß keine*r so genau, welche politischen Ansichten sich hinter der Hipsterfassade verstecken.

Keine Sorge: In der Regel haben Menschen ihre Tattoos nicht gestochen, um dich zu provozieren, sondern weil sie schlicht und einfach Lust dazu hatten. Weil sie ein Motiv schön fanden, sich selbst ein Geschenk machen wollten. You care? Who cares.

Hältst du dich für moralisch überlegen, weil du dir keine freiwilligen Schmerzen antust?

Autsch. Neben der Annahme, dass nur Verrückte und Asoziale Tattoos hätten, gibt es natürlich auch noch jene Sorte Mensch, die vorgibt, sich Sorgen um deine Gesundheit zu machen, während sie dich einfach nur subtil auf dein offenbar verurteilenswertes Risikoverhalten aufmerksam machen wollen.

[Außerdem auf ze.tt: Mit diesen Vorlagen solltest du auf keinen Fall zum Tattoo-Laden gehen]

Wenn es sich nicht gerade um deine Mutter handelt, ist der Gesundheitsfimmel in 99 Prozent der Fälle kein ernsthaftes Bedenken gegenüber deinem körperlichen Zustand, sondern vielmehr der kleine Bruder von: Mir gefällt’s ja nicht, aber wenn du meinst. Was zumindest genauso scheiße – und ganz und gar nicht nett ist.

Hast du eine Ahnung, was ein gutes von einem schlechten Tattoo unterscheidet?

Menschen, die Tattoos prinzipiell scheiße finden, behaupten auch, Techno wäre nur was für Menschen, die keine Ahnung von echter Musik – die mit Gitarren – hätten. Man kann Liebe nicht kaufen, genauso wenig Geschmack.

Wie bei jedem anderen Handwerk auch, trägt die Qualität der Tätowierung wesentlich zum Endergebnis bei. Wer zerronnene, weil schlecht im Badeurlaub gestochene Sternchen an den Lenden nicht von aufwändig illustrierten und präzise gestochenen Meisterwerken unterscheiden kann, sollte sich besser mit seiner Kritik als Kunstkenner*in zurückhalten und den nächsten Lohn in ein Jahresticket fürs Museum investieren. Außerdem gilt immer noch die altbekannte Floskel: Geschmäcker sind verschieden. Gell? Auch DIY kann unter Umständen sehr ästhetisch wirken.

Kannst du dir vorstellen, dass Menschen ihren Körper als Hülle oder Leinwand verstehen – und nicht als unbeflecktes Heiligtum?

Fakt ist: Wir werden alle sterben und, ja, wir werden alt und runzelig dabei sein – es sei denn Google lässt sich in den nächsten Jahren etwas zur Verpflanzung unserer Seele einfallen. Oder Facebook. Bis dahin bleibe ich jedenfalls bei folgendem Claim: Haut ist Haut ist Haut ist Haut und Haut ist mal voller Sommersprossen, mal mit Narben oder eben mit Tattoos versehrt.

[Außerdem auf ze.tt: Was deine Tattoos über dich aussagen]

Du bist nicht besser, nur weil du dich jetzt zur scheinbar seltenen Also-ich-hab-ja-keine-Tattoos hihi-Spezies zugehörig fühlst, die bei jedem Gespräch über Tattoos entnervt die Augen verdreht und allen im Raum Anwesenden versichert, wie klug sie nicht in ihren Lebensentscheidungen wäre.

Kannst du dir etwa nicht vorstellen, dass dir etwas dein Leben lang gefällt?

Kannst du dir vorstellen, dass du in zehn Jahren – nein, warte, sagen wir in zehn Monaten noch mit Jonathan zusammen bist? Eben. Wenn es einen Unterschied zwischen tätowierten und nicht-tätowierten Menschen gibt, ist es wohl jener, dass tätowierte Menschen Entscheidungen treffen können, ohne das eigene Dasein bis ans Lebensende durchexekutiert zu haben.

Gleichzeitig sind wir bereit, in etwas zu investieren, wovon wir – unabhängig von der Großartigkeit des*r Künstler*in oder des Motivs – eben nicht genau wissen, ob es uns tatsächlich bis zum Lebensende gefallen wird. Romantisch, nicht? Wir nehmen das Risiko in Kauf. So ist das Leben. Bei deiner Hochzeit mit Heike hat ja auch keiner gefragt, oder?

„Ach, zu Menschen wie dir passen Tattoos ja irgendwie auch!“

Was zur Hölle willst du eigentlich damit sagen? Dass du aufgrund des Charakters auf gewisse Neigungen und Verhaltensweisen schließt? Bitte, lasst uns einfach nicht mehr darüber sprechen und Tattoos in Zukunft als etwas Normales, vollkommen Irrelevantes wahrnehmen, das genauso zum Körper gehört wie Unterarme, Pickel, Nägel und Nasenhaare. Danke.