Sprachschüler im Porträt: Deutsch lernen, ankommen – Teil 1

Joanna Scheffel stellt in ihrer Porträtserie 21 Sprachschüler vor, die gerade Deutsch lernen. Alle erzählen über ihr Leben, manche von ihrer Flucht. Das Projekt zeigt die große Bandbreite von Migrant*innen, die in Deutschland ein neues Leben anfangen möchten. (Teil 2)

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Sprachschüler an einer Berliner Sprachschule. Manche flohen nach Deutschland, andere zogen wegen der Liebe oder fürs Studium hierher. Alle eint das Ziel, schnellstmöglich die Sprache zu lernen. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

An der Sprachschule kommen alle zusammen, die Deutsch lernen wollen und müssen: Jede*r, der nach Deutschland kommt und die deutsche Sprache noch nicht spricht, muss einen Sprach- und Integrationskurs belegen. Viele Sprachschüler*innen werden dazu von der Ausländerbehörde oder vom Jobcenter verpflichtet, damit sie soziale Leistungen in Anspruch nehmen können.

Eine Sprachschule ist für viele eine der ersten Anlaufstellen, um sich in einem neuen Land, einer neuen Sprache und einer neuen Kultur zurecht zu finden. Im ersten Teil unserer Porträtserie stellen wir zunächst elf Schüler*innen vor. Dabei verzichten wir auf Wunsch aller Porträtierten bewusst auf die Nennung des Nachnamens.

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Kamila
Kamila kam vor drei Jahren nach Deutschland und lernt seit zwei Jahren Deutsch. © Joanna Scheffel

Kamila, 26 Jahre alt, Dzierzoniow, Polen

Seit eineinhalb Jahren ist Kamila verheiratet; ihr Mann hatte damals einen Job in Berlin und sie wollte bei ihm sein. In Polen arbeitete sie ein Jahr bei Wedel Schokoladen und zwei Jahre lang bei LG Electronics. „Berlin gefällt mir gut, es ist eine schöne Stadt“, sagt sie. „Vor allem die Denkmäler und Architektur. Ich interessiere mich auch sehr für Geschichte.“ Die Menschen seien anders und nett, und es gäbe viel Arbeit – anders als in Polen. Allerdings sei Deutsch eine schwierige Sprache. Ihre Großeltern, die in Polen leben, vermisse sie sehr.

 

 

Solange
Solange lebt seit etwa drei Jahren in Deutschland und fing einen Monat nach ihrer Ankunft mit dem Sprachkurs an. © Joanna Scheffel

Solange, 51 Jahre alt, Rio de Janeiro, Brasilien.

Solange hat in Rio als Friseurin gearbeitet.  „Ich mag Berlin, es ist sicherer als Rio“, sagt sie. Hier gäbe es viele verschiedene Kulturen, sie könne als Frau alleine auf die Straße gehen, sie würde freier leben. Die Menschen könnten hier anziehen, was sie wollen. Homosexuelle Menschen könnten sich zum Beispiel in Brasilien nicht auf der Straße küssen, in Berlin dagegen schon. In Rio würde mehr Wert auf Äußerlichkeiten gelegt, Leute tratschen und seien konservativer. Solange kennt noch nicht so viele Deutsche, möchte das aber ändern.

Sie kritisiert Aggressionen gegen Ausländer und die Ausländerfeindlichkeit besonders von jungen Neonazis. Denn oft wären es Ausländer, die in Jobs arbeiteten, die Deutsche selbst nicht übernehmen wollen. In Brasilien gäbe es keinen Ausländerhass. Im Gegenteil: Ausländer würden als positiv für das Land wahrgenommen, denn alle Brasilianer*innen wären irgendwann einmal Ausländer gewesen.

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Eine brasilianische Bekannte von ihr, mit japanischen Eltern, würde in Brasilien als Brasilianerin wahrgenommen werden, in Deutschland dagegen als Japanerin. Solange vermisse zwar ihre Freund*innen und ihre Familie sehr (sie ist inzwischen zweifache Großmutter), aber sie möchte auch nicht zurück. Die wirtschaftliche Situation und die soziale Infrastruktur seien einfach zu schlecht. Momentan ist sie auf Jobsuche in Berlin.

Denis
Denis ist seit sechs Monaten in Deutschland und lernt seit vier Monaten Deutsch. © Joanna Scheffel

Denis, 18 Jahre alt, Sahy, Slowakei

Denis‘ Mutter und seine Cousins waren schon vor ihm in Deutschland. „Mir gefällt alles in Deutschland“, sagt er. Er geht gerne in die Disco oder ins Fitnessstudio, und er fährt gern U-Bahn. Denis möchte nach bestandenem Sprachkurs entweder eine Polizeiausbildung machen oder Berufssoldat werden.

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Chandra Jesurajah
Chandra war 30 Jahre alt, als sie vor 28 Jahren nach Deutschland kam. Seit drei Monaten nimmt sie an ihrem zweiten Deutschkurs teil. © Joanna Scheffel

Chandra, 61 Jahre alt, Trincomalee, Sri Lanka

Chandra floh vor 28 Jahren vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka – ihre Eltern verheirateten sie nach Deutschland. Ihre Geschwister leben in England, Frankreich und Dänemark, alle drei Monate besuchen sie sich gegenseitig. Chandras drei Kinder sind in Berlin geboren. Zu Hause wird Tamil, Deutsch und Englisch gesprochen. Ihr Mann arbeitete in einem Restaurant und ist derzeit arbeitslos. An die Kälte hat sich Chandra bis heute nicht gewöhnt. Die deutsche Sprache gefällt ihr gut.

 

 

 

Michele
Michele lebt seit zwei Jahren in Deutschland und besucht seit drei Monaten einen Deutschkurs. © Joanna Scheffel

Michele, 28 Jahre alt, Lago di Como, Italien

Michele arbeitet seit neun Jahren als Koch und ist als Sous-Chef in einem 5-Sterne-Hotel angestellt. „Mir gefällt die Natur rund um Berlin und die Möglichkeit, mir hier ein anderes Leben aufbauen zu können. Außerdem sind die Menschen hier mehr auf ihre Arbeit fokussiert und behandeln sich gegenseitig mit mehr Respekt. Das merke ich allein schon an dem sprachlichen Unterschied zwischen Du und Sie.“ Was ihm nicht gefällt, sei die ungesunde Art der Leute, sich zu ernähren. Außerdem würden viele Menschen in Schubladen denken, was sich aber von Stadtviertel zu Stadtviertel unterscheide. Ob er bleibt, wisse er noch nicht. Australien findet er auch interessant.

 

Aadam
Adam lebt seit vier Monaten in Berlin. Drei Monate lang lernte er im Selbststudium Deutsch, und besucht jetzt seit zwei Wochen die Sprachschule. © Joanna Scheffel

Aadam, 25 Jahre alt, Damaskus, Syrien

Aadam* ist Syrer, er kommt aus Damaskus. Vor acht Monaten flüchtete er zu Fuß und per Schlauchboot über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Albanien, Kosovo, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Seine Flucht dauerte vier Monate.

In Syrien saß er, ohne zu wissen weshalb, zwei Monate lang im Gefängnis. Seine Familie wusste nicht, wo er war. Als er freigelassen wurde, wollte er nur noch weg – egal wohin. Zu viele seien im Gefängnis gestorben. Seine Familie ist noch in Syrien, für sie ist die Flucht zu schwer und gefährlich, auch für seine Geschwister, 30 und acht Jahre alt. Er kam knapp mit dem Leben davon, denn er hatte Glück: Unter den Flüchtlingen auf dem Schlauchboot war auch ein Mechaniker, der den Motor reparieren konnte, als der kaputt ging.

Zunächst hatte Adam in Deutschland keine Freunde, keine Familie und keinen Job. In Damaskus kannte er jeden, sagt er. Aber an Deutschland gefällt ihm, „dass es hier alles gibt“. Er möchte hier gerne Mechanical Engineering studieren und besucht deshalb den Deutschkurs. Das Leben hier sei anders, andere Bräuche und andere Sitten. Zum Beispiel das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Für seinen Geschmack würde zu viel Alkohol getrunken. Aadam ist gläubiger Muslim, betet fünfmal am Tag und besucht die Moschee.

*Vorname geändert

Zakaria
Zakaria ist seit einem Jahr und acht Monaten in Deutschland und lernt seit drei Monaten an der Sprachschule Deutsch. © Joanna Scheffel

Zakaria, 50 Jahre alt, Homs, Syrien

Zakaria stammt aus Homs, Syrien. Er ist wegen seinen Kindern nach Deutschland geflohen. Zakaria hat vier Töchter und einen Sohn im Alter zwischen fünf und 21 Jahren. Eine seiner Töchter war zuerst hier, sie lebt schon seit 2011 in Berlin. Seine Frau konnte inzwischen auch nachkommen.

Zakaria gefällt an Deutschland, dass hier alles seinen Platz habe, alles habe seine Ordnung. Seine Kinder gehen hier zur Schule und in den Kindergarten und können eine Ausbildung machen. Die Regierung und Polizei seien seiner Meinung nach aber manchmal zu nachsichtig. Zu oft würde bei Delikten und kriminellen Handlungen ein Auge zugedrückt werden.

 

Mohamad
Mohamad lebt seit einem Jahr in Deutschland, und lernt seit drei Monaten Deutsch an der Sprachschule. © Joanna Scheffel

Mohamad, 30 Jahre alt, Homs, Syrien

Auch Mohamad kommt ursprünglich aus Homs, Syrien. Mohamad musste Syrien verlassen, als die Situation für ihn und seine Familie immer gefährlicher wurde. Sein Vater und seine Brüder waren im Gefängnis. Ein inhaftierter Bruder ist Journalist; er ist wieder freigekommen, lebt aber noch in Homs. Mohamads Fluchtweg führte zunächst nach Ägypten, dann mit dem Boot nach Italien und von dort mit dem Zug nach Deutschland. Seine Familie hätte er seit drei Jahren nicht gesehen. Ein jüngerer Bruder (19) lebt allein in der Türkei, die Eltern sind im Libanon und können von dort auch nicht fort. Wäre er jünger als 19, könnte er laut deutschen Asylrechts seine Familie nachholen, doch so wäre der Fluchtweg für seine Familie zu beschwerlich.

In Syrien studierte Mohamad Chemie, er möchte hier sein Studium fortsetzen. Ihm gefällt, dass die Deutschen hilfsbereit seien und dass es eine funktionierende Infrastruktur gäbe, wie zum Beispiel Krankenversicherungen. Er will einen Job finden, arbeiten und gute Dinge tun. Er möchte „etwas Schönes für Deutschland machen“. Das Einzige, was ihn bedrücke, sei, dass seine Familie nicht bei ihm ist.

Mohanad.
Mohanad lebt seit neun Monaten in Deutschland, seit drei Monaten lernt er Deutsch. © Joanna Scheffel

Mohanad, 27 Jahre alt, Aleppo, Syrien

Mohanad kommt aus Aleppo in Syrien. Er floh über die Türkei nach Italien und bezahlte 6.000 US-Dollar für die Überfahrt. Seine Frau und sein kleiner Sohn sind nach langer Wartezeit mittlerweile auch in Deutschland angekommen. In Syrien wäre er zur Armee eingezogen worden.

An ihrem neuen Leben in Deutschland gefällt ihm, dass Frieden herrscht. Die Menschen würden gleich behandelt werden, in Syrien gäbe es viel größere Hierarchien. Dort war er Elektriker und hatte sein eigenes Geschäft. Nebenbei hat er im Fernstudium Wirtschaft studiert. Als Armeeangehörige in seinen Laden einbrachen und ihn bestahlen, beschloss er, zu fliehen. In Deutschland möchte Mohanad eine Ausbildung im IT-Bereich beginnen.

 

Yazan.
Yazan ist seit elf Monaten in Deutschland und nimmt seit eineinhalb Monaten am Deutschkurs teil. © Joanna Scheffel

Yazan, 19 Jahre alt, Homs, Syrien

Yazans Heimatstadt ist Homs in Syrien. Bevor er nach Deutschland kam, studierte Yazan in Algerien und blieb dort, als sein Visum ablief. Zurück nach Syrien konnte er nicht, da er sonst in die Armee eingezogen worden wäre. Sein Fluchtweg führte über Libyen zunächst nach Sizilien. In Pozzallo wurden ihm sowohl seine Papiere als auch sein Handy abgenommen, so dass er zunächst festsaß und keine Möglichkeit hatte, seine Familie zu kontaktieren.

Er und weitere Flüchtlinge wurden unter Nummern, nicht unter Namen registriert. Um gegen die unmenschlichen Umstände zu protestieren, trat Yazan in einen 25-tägigen Hungerstreik ein. Erst dann ließen ihn die Behörden gehen. Über Mailand, Nizza und Frankfurt gelang er nach Göttingen, wo er Asyl beantragte. Er wurde erst in ein Heim in Hamburg geschickt, wo er sich unwohl fühlte – es war sehr dreckig, ständig wurde getrunken und geraucht, und das Leben dort fühlte sich unwirklich an, sagt er. Er beschloss, nach Berlin zu gehen, wo ein Onkel von ihm wohnt, der selbst drei Kinder hat. Von da aus sucht er eine eigene Wohnung. In Berlin seien die Menschen freundlicher zu ihm als in Hamburg, obwohl er auch dort seine Freunde und Verwandten vermisst. Hier würde er respektiert.

Narin.
Narin lebt seit zwei Monaten in Deutschland und lernt bereits seit sechs Monaten Deutsch. © Joanna Scheffel

Narin, 26 Jahre alt, Changwon, Südkorea

Vorher lebte Narin in Warschau. Sie ist nach Deutschland gekommen, um Klavier zu studieren. Sie liebt Berlin und ist froh, hier zu sein. Das Leben ist zwar teurer als in Polen, dafür hat sie Freunde hier. Südkorea ist im Bereich der klassischen Musik sehr kompetitiv, dort möchte sie nicht leben. Auch wenn Deutsche unflexibel sein können, denn „Regeln sind schließlich Regeln.“

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