Sprachschüler im Porträt: Deutsch lernen, ankommen – Teil 2

Die Fotografin Joanna Scheffel porträtiert insgesamt 21 Sprachschüler*innen, die gerade Deutsch lernen. Im zweiten Teil erzählt auch eine Sprachlehrerin von Erfolgserlebnissen und Niederlagen im Beruf. Und darüber, dass ihr Job aus viel mehr besteht, als nur die deutsche Sprache zu lehren. Hier geht’s zum ersten Teil.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Sprachschüler an einer Berliner Sprachschule. Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

An der Sprachschule kommen alle zusammen, die Deutsch lernen wollen und müssen: Jede*r, der nach Deutschland kommt und die deutsche Sprache noch nicht spricht, muss einen Sprach- und Integrationskurs belegen. Viele Sprachschüler*innen werden dazu von der Ausländerbehörde oder vom Jobcenter verpflichtet, damit sie soziale Leistungen in Anspruch nehmen können.

Eine Sprachschule ist für viele eine der ersten Anlaufstellen, um sich in einem neuen Land, einer neuen Sprache und einer neuen Kultur zurecht zu finden. Im zweiten Teil unserer Porträtserie stellen wir zehn Schüler*innen vor. Dabei verzichten wir auf Wunsch aller Porträtierten bewusst auf die Nennung des Nachnamens.

[Außerdem auf ze.tt: Die besten Ausreden für nicht gemachte Hausaufgaben]

Beata lebt seit fast 3 Jahren in Deutschland und lernt seit einem Jahr und drei Monaten Deutsch. © Joanna Scheffel
Beata lebt seit fast 3 Jahren in Deutschland und lernt seit einem Jahr und drei Monaten Deutsch. © Joanna Scheffel

Beata, 45 Jahre alt, Krakow, Polen

Beata führte in Krakow ihr eigenes Bekleidungsgeschäft. Sie kam aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland, weil die Konkurrenz vieler großer Bekleidungsketten ihr die Lebensgrundlage entzog. Beata hat drei Kinder, das älteste studiert, das jüngste geht gerade zur Schule. Ihr mittleres Kind ist gehörlos und braucht spezielle Unterstützung, wie zum Beispiel einen Gebärdensprachkurs. In Polen bekam sie dafür nur 30 Euro pro Monat vom Staat. In Deutschland könne sie nachts wieder schlafen, da sie nun keine finanziellen Sorgen mehr hätte und für ihr Kind eine bessere Versorgung möglich sei.

Beata meint, die Ansprechpersonen im Amt seien oft unfreundlich, und dass es oft Problem mit Arbeitgeber*innen gäbe. Die würden manchmal ausnutzen, dass ausländische Arbeitnehmer*innen oft noch nicht so gut deutsch sprechen und ihre Rechte nicht kennen. Noch sei es schwierig für sie, Anschluss zu finden. Aber sie würde jeden Tag deutsch sprechen. Ihre Kontakte über die Sprachschule seien besonders wichtig für sie.

Jekaterina lebt seit einem Jahr in Deutschland und lernt seit 8 Monaten Deutsch. © Joanna Scheffel
Jekaterina lebt seit einem Jahr in Deutschland und lernt seit 8 Monaten Deutsch. © Joanna Scheffel

Jekaterina, 20 Jahre alt, Visaginas, Litauen

Jekaterina kam nach Deutschland, um Politik, Geschichte und Geografie zu studieren. Eigentlich wollte sie in die USA, aber sie ist wegen ihres Freundes nach Berlin gezogen. „Anfangs war es sehr schwer in Berlin, ich hatte Heimweh und wollte nach einem halben Jahr zurück. Aber jetzt gefällt es mir hier sehr. Man hat viele Möglichkeiten, ob Studium oder Arbeit“, sagt sie. Es gäbe viele interessante Menschen verschiedener Nationalitäten, anders als in ihrer kleinen Heimatstadt. Das Wetter und die Verkehrsprobleme im Winter würden ihr dagegen nicht gefallen. Momentan lebt sie mit ihrem Freund zusammen bei dessen Mutter. Sie bezeichnet sich selbst als einfache Person, Neues kennenzulernen, sei ihr liebstes Hobby. „Ich genieße es, dass mir alle Möglichkeiten offenstehen.“

Seit 6 Monaten lebt er in Deutschland; seit zwei Monaten lernt er Deutsch. © Joanna Scheffel
Nasr lebt seit 6 Monaten in Deutschland, seit zwei Monaten lernt er Deutsch. © Joanna Scheffel

Nasr, 28 Jahre alt, Aleppo, Syrien

Nasr ist alleine und zu Fuß über die Türkei nach Deutschland geflüchtet. Zwei Brüder leben in Köln und in den Niederlanden, der Rest seiner Familie ist noch in Syrien. Einmal pro Woche haben sie Kontakt.

Menschen in Deutschland seien aufgeschlossen und vielsprachig. „Das hilft mit weiter, denn nach einem Jahr in der Türkei spreche ich fließend Türkisch.“ Das einzige, was ihm derzeit Schwierigkeiten bereitet, sei die Wohnungssuche. Nasr plant, seinen IT-Abschluss in Deutschland anerkennen zu lassen und dann eine Ausbildung zu machen.

 

Azad lebt seit 8 Monaten in Deutschland, seit zwei Monaten lernt er Deutsch.
Azad lebt seit 8 Monaten in Deutschland, seit zwei Monaten lernt er Deutsch. © Joanna Scheffel

Azad, 29 Jahre alt, Afrin, Syrien

Azad kommt aus Afrin, einer kurdischen Enklave in Syrien. Seine Frau und seinen einjährigen Sohn musste er in Syrien zurücklassen. Sein Fluchtweg führte über die Türkei, Italien und Österreich nach Deutschland und dauerte gut ein Jahr.

In Deutschland hätte er gute Erfahrungen gemacht: „Die Menschen sind gut und hilfsbereit, gerade in der Sprachschule und im Wohnheim. Besonders zwei deutsche Freunde helfen mir und haben zum Beispiel ein Welcome Dinner für mich veranstaltet.“ Die Hilfe bräuchte er auch, denn die Wohnungssuche sei sehr schwierig. Er vermisse seine Familie und mache sich Sorgen um sie. Oft würde das Mobilfunknetz zusammenbrechen. Er könnte seine Familie zwar nachholen, aber er wüsste nicht, wie lange es noch dauert – ob ein, zwei, sechs Monate oder noch länger.

Abdullah ist seit sechs Monaten in Deutschland, seit zwei Monaten lernt er die deutsche Sprache.
Abdullah ist seit sechs Monaten in Deutschland, seit zwei Monaten lernt er die deutsche Sprache. © Joanna Scheffel

Abdullah, 25 Jahre alt, Damaskus, Syrien

In Syrien hat er vier Jahre lang Ingenieurswissenschaften studiert. Das möchte er hier fortsetzen, um einmal bei BMW oder Mercedes zu arbeiten. Abdullah hat erst ein Jahr in Ägypten, dann zwei Jahre in der Türkei gelebt und gearbeitet, bevor er nach Deutschland kam. Seine Eltern und sein Bruder sind noch in Istanbul und wollen dort auch bleiben. Seine ältere Schwester lebt mit ihrem Mann nach wie vor in Damaskus. Er spricht inzwischen vier Sprachen nahezu fließend: Arabisch, Türkisch, Englisch und nun auch Deutsch. In Deutschland würde ihm alles gefallen. „Die Leute sind sehr cool und helfen mir. Sobald ich meinen B2-Sprachkurs bestanden habe, will ich mich an der Universität einschreiben“, erzählt er.

Rezeda lebt seit 4 Monaten in Deutschland, seit 2 Monaten besucht sie einen Deutschkurs.
Rezeda lebt seit 4 Monaten in Deutschland, seit 2 Monaten besucht sie einen Deutschkurs. © Joanna Scheffel

Rezeda, 32 Jahre alt, Kazan, Russland

Rezeda lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Deutschland. Ihr Mann arbeitet in Berlin als Programmierer mit einer Blue Card. Sobald sie den Sprachkurs abgeschlossen hat, will Rezeda ebenfalls arbeiten. In Russland war sie Mathematiklehrerin und Buchhalterin.

Am Leben in Deutschland und Berlin gefällt ihr, dass sie in einer Demokratie leben kann und „gute Menschen“ kennengelernt habe. „Berlin bietet viele interessante Orte. Mit den Kindern kann ich viele schöne Unternehmungen machen“, sagt sie. Anfangs wären das Leben und die Umstellung noch schwer und stressig, jetzt sei alles schon einfacher.

Miriam kam vor 11 Monaten nach Deutschland, seit 2 Monaten besucht sie einen Deutschkurs.
Miriam kam vor 11 Monaten nach Deutschland, seit 2 Monaten besucht sie einen Deutschkurs. © Joanna Scheffel

Miriam, 56 Jahre alt, Spanien/Ecuador

Miriam kommt ursprünglich aus Ecuador, besitzt aber seit 13 Jahren die spanische Staatsbürgerschaft. Miriam kam hierher, weil sie wegen der Wirtschaftskrise in Spanien keine Arbeit mehr fand – und ihre Schwester seit 30 Jahren in Berlin lebt. Sie hat eine 16-jährige Tochter, die hier das Gymnasium besucht. Was ihr nicht gefällt, sei der Drogenhandel auf der Straße. Aber insgesamt findet Miriam Berlin „supergut“. Es sei schön, organisiert und sicher.

[Außerdem auf ze.tt: Lakota-Indianer wollen Sprachschule bauen]

 

 

Mwajuma lebt (mit Unterbrechung) seit zwei Jahren in Deutschland.
Mwajuma lebt (mit Unterbrechung) seit zwei Jahren in Deutschland. © Joanna Scheffel

Mwajuma, 29 Jahre alt, Arusha, Tansania

Mwajuma kommt ursprünglich aus Arusha in Tansania. In Berlin arbeitet sie bei der tansanischen Botschaft. Sie ist mit einem Berliner verheiratet, dessen Vater auch aus Tansania kommt. Ihre deutsche Schwiegermutter hilft ihr ab und zu mit ihrer kleinen Tochter. Noch ist Mwajuma alleine hier, ihre Familie in Tansania vermisse sie sehr. Ihre Tochter müsse allerdings erst noch ein bisschen größer werden, bevor sie ihre Familie in Tansania besuchen kann.

 

 

Barbara ist seit 3 Jahren in Deutschland und lernt seit fast 3 Monaten Deutsch.
Barbara ist seit 3 Jahren in Deutschland und lernt seit fast 3 Monaten Deutsch. © Joanna Scheffel

Barbara, 60 Jahre alt, Wałbrzych (Waldenburg), Polen

Barbara kommt ursprünglich aus Wałbrzych (Waldenburg) in Polen, in der Nähe von Wrocław (Breslau). Sie kam nach Deutschland, weil sie sich verliebt hatte. In Polen arbeitete sie als Verkäuferin in einer Modeboutique.

Ihr erwachsener Sohn arbeitet in Warschau und hat selbst zwei Kinder. „Mir gefällt das Leben in Deutschland sehr, die Leute sind nett und das Leben ist gut. In Polen ist die wirtschaftliche Situation sehr schlecht. Hier ist das Leben leichter“.

 

Franks lebt seit 4 Monaten in Deutschland, bereits seit 9 Monaten lernt er Deutsch.
Franks lebt seit 4 Monaten in Deutschland, bereits seit 9 Monaten lernt er Deutsch. © Joanna Scheffel

Frank, 49 Jahre alt, Italien/Ghana

Franks Heimat ist Ghana. Bevor er nach Deutschland kam, lebte er 18 Jahre lang in Vicenza in Italien. Dort arbeitete er in einer Lederfabrik. Frank kam nach Deutschland, um seine Frau zu heiraten. Sie stammt ebenfalls ursprünglich aus Ghana. Er arbeitet nun in einem Restaurant und hat zu Leuten in seiner Kirchengemeinde Kontakt gefunden. Frank lebt noch nicht lange in Deutschland, aber es würde ihm gefallen. Er habe selbst noch nichts Schlechtes erlebt.

 

 


Anita unterrichtet seit neun Jahren Deutsch als Fremdsprache (DaF). An den Job kam sie zufällig: Durch eine Freundin landete die geübte Nachhilfelehrerin bei Integrationskursen an DaF/DaZ-Schulen, die ihr so viel Spaß machten, dass sie dabei geblieben ist.

Anita
Anita. © Joanna Scheffel

ze.tt: Anita, wieso bist du Lehrerin für DaF geworden?
Anita:
Die Möglichkeit, Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen und ihnen die deutsche Sprache zu vermitteln, ist sehr bereichernd. Sie kommen von allen Kontinenten, sie haben so viel Spannendes und Neues zu erzählen. Es wird nie langweilig. Meistens sind die Dozenten wahrscheinlich die ersten Deutschen, die sie näher kennenlernen. Wir versuchen ein positives Deutschlandbild zu vermitteln, Unsicherheiten, Halbwissen, Vorurteile auszuräumen. Darin sehe ich, neben dem Vermitteln der Sprache, einen wichtigen Teil unserer Arbeit. Es ist wichtig, dass die Teilnehmer ganz in Deutschland ankommen.

Welche Erfolge feierst du im Unterrichtsalltag?
Erfolgserlebnisse habe ich täglich. Mal große, mal kleine. Wenn die Teilnehmer Lust haben in den Kurs zu kommen, gerne lernen und Spaß haben, lachen und für ein paar Stunden ihre Probleme vergessen, ist das schon ein Erfolg. Was mich auch jedes mal wieder unglaublich rührt, ist die Dankbarkeit, die mir entgegengebracht wird. Die meisten Teilnehmer wissen es sehr zu schätzen, wenn man sich um sie bemüht. Nicht nur, dass sie sprachlich vorankommen, sondern auch, dass man sie in anderen Dingen unterstützt. Ich sehe mich auf Augenhöhe mit ihnen. Meine Teilnehmer liegen mir wirklich am Herzen, und das merken sie auch. In einem meiner ersten Kurse hatte ich eine Teilnehmerin, die gerade mal zehn Tage in Deutschland war und kein einziges Wort Deutsch gesprochen hat. Drei Monate später hat sie Diskussionen auf Deutsch führen können! Sie schreibt mir heute noch Postkarten in einwandfreiem Deutsch.

Gibt’s auch Situationen, in denen es Probleme gab?
Niederlagen gibt es natürlich auch. Wenn Teilnehmer aus verschiedensten Gründen einfach wegbleiben. Oder auch wenn sie unregelmäßig kommen und sich keine Lernerfolge einstellen. Frustrierend ist es, wenn Teilnehmer verpflichtet sind den Kurs zu machen und gar keine Lust darauf haben. Dann können alle Bemühungen des Lehrers schon mal ins Leere laufen. Das kommt zum Glück eher selten vor.

Was muss sich ändern, damit dein Unterricht noch effektiver ist?
Für einen optimaleren Unterricht würde ich mir kleinere Teilnehmer-Zahl wünschen und homogenere Gruppen, was den Sprachstand betrifft. Eine bessere Bezahlung in Anbetracht der vielen Herausforderungen, denen wir uns täglich stellen, wünsche ich allen DaF-Lehrern. Denn wir sind mitnichten nur Lehrer, sondern oft genug auch Sozialarbeiter, Berater und vieles mehr.