Statt in die Sommerferien zur weiblichen Genitalverstümmelung

Weil in Deutschland weibliche Genitalverstümmelung verboten ist, bringen Eltern ihre Kinder in ihr Ursprungsland, um dort die Tradition der Intimbeschneidung fortzuführen. Eine Nigerianerin berichtet, wie sie sich gegen den Eingriff gewehrt hat.

Eine junge Frau während einer Diskussion über weibliche Genitalverstümmelung an einer Grundschule in Somalia. © Nichole Sobecki/AFP/Getty Images

„Weibliche Genitalverstümmelung ist entsetzlich furchterregend, weil Mädchen daran zu Tode verbluten“, sagt Zozona Frederick mit fester, aber trauriger Stimme. Die Doktorandin aus Nigeria weiß, wovon sie spricht. Mit acht Jahren sollte auch sie zum Opfer der gefährlichen Prozedur werden, die Mädchen das Leben kostet oder es ihnen zum Albtraum macht. Denn mögliche Folgen von weiblicher Genitalverstümmelung (auf Englisch female genital mutilation, FGM) sind nicht nur der Tod, sondern Infektionen, anhaltende Schmerzen, starke Komplikationen bei Geburten und psychische Traumata.

Doch Risiken waren in Zozona Fredericks Kindheit nie das Thema für ihre Familie. Sie wusste trotzdem von Bekannten und Nachbarinnen, die verbluteten. Doch um ein Teil der Gesellschaft zu werden, wäre der Eingriff nötig gewesen. „Wenn man bei uns nicht beschnitten ist, gilt man von Beginn an als Ehebrecher“, sagt sie wütend. Viele Frauen, die sich während ihrer Kindheit wehren konnten, werden deshalb vor ihrer Hochzeit dann doch noch beschnitten. Verwandte drücken die Mädchen runter und halten sie fest, während Körperteile entfernt und andere zugenäht werden.

Zozona Frederick hat die Kette durchbrochen

Zozona Frederick ist verheiratet. Die Geburt ihrer kleinen Tochter ist bald ein Jahr her und Zozona ist immer noch unversehrt. Das war ein harter Kampf für die zierliche kleine Frau. Doch sie hat ihn für sich und sogar ihre jüngeren Verwandten gemeistert. Darauf ist sie sehr stolz: „Ich bin der Grund dafür, warum es in meiner Familie heute kein FGM mehr gibt“, sagt sie voller Kraft. Und ihre Familie ist groß. Zozona Frederick hat zwei ältere und zwei jüngere Schwestern, Geschwister von anderen Frauen ihres Vaters, Nichten, Cousinen und nun ihre eigene Tochter.

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Ihre beiden älteren Schwestern mussten FGM noch erfahren, dann war sie selbst an der Reihe. „Meine Mutter sagte mir, dass sie mich in ein Dorf bringen würden, in dem mich die Gemeinschaft festhalten würde, während mich einer von ihnen beschneide“, erzählt sie von ihrer Erfahrung als Achtjährige. Der Horror dieser Vorstellung schwebt auch heute noch mit. Während ihre Mutter nach Zozonas ersten Protest die Entscheidung vertagte, war es ihre jüngere Schwester, die gewaltigen Druck auf sie ausübte. „Du musst das machen, wenn du es nicht machst, kann ich meine nicht bekommen“, schildert Zozona Frederick die Attacken der Jüngeren.

Doch warum sollte ihre Schwester einer Prozedur mit so vielen Qualen auch noch fröhlich entgegenblicken? „Wenn du Brüste hast und beschnitten bist, darfst du an einem großen Fest teilnehmen“, erklärt Zozona Frederick, für die eine Aufnahme in die Gemeinschaft kein guter Grund war, um die eigene Unversehrtheit zu opfern. Als das Thema wieder aufkam, wandte sie sich deshalb an ihren Vater. „Ich bringe mich um, wenn ihr mir das antut, sagte ich ihnen, und er wusste, dass ich es ernst meinte“, erzählt sie. Durch ihren jahrelangen Widerstand hat Zozona Frederick es geschafft, dass nicht nur sie, sondern alle ihre Verwandten nach ihr FGM-frei leben können. Denn weiterhin ist sie die Nächste, die an der Reihe wäre, wodurch die Kette durchbrochen wurde.

FGM gibt es auch in Deutschland

Die Chance, sich gegen den Eingriff zu wehren, haben aber nicht viele Mädchen. Manche erfahren erst von ihrer Gefährdung, während sie schon unter dem Messer liegen, andere sind sich der Risiken nicht bewusst. „Wir sind in einer Blase gefangen, in der viele denken, dass ihre eigenen Gemeinden nicht davon betroffen wären“, erklärt Lisa O’Leary von End FGM. Doch weibliche Genitalverstümmelung ist auch in Deutschland ein Problem. Ungefähr 5.500 Mädchen sind jährlich von FGM gefährdet und vermutlich 48.000 Frauen sind schon betroffen. Beschneidungen, die in Deutschland durchgeführt wurden, sind laut Terre des Femmes (TDF) bisher nur Gerüchte. Zum einen gibt es keine Meldepflicht, zum anderen zögern Frauen die Straftat anzuzeigen, da sie von Familienangehörigen initiiert oder sogar durchgeführt wird.

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Während Taten in Deutschland nicht sichtbar sind, ist Hilfswerken wie End FGM jedoch bekannt, dass Mädchen ins Ausland gebracht werden, um dort unter das Messer zu kommen. Deshalb versucht die Hilfsorganisation sowohl in Europa, als auch weltweit über die Risiken des Eingriffs aufzuklären. „FGM ist nicht religiös, oder ein guter Brauch. Es hat keine medizinischen Vorteile. Aber es verursacht so viele Probleme für die Zukunft: Infektionen und Geburtskomplikationen, oder eben direkt nach dem Eingriff zu verbluten“, erklärt Lisa O’Leary.

Zum Schutz der Mädchen kann jede*r selbst achtsam werden. Typische Beobachter*innen sind Lehrer*innen, Flughafenmitarbeiter*innen und Polizist*innen. Doch auch ein*e Freund*in oder Nachbar*in kann mit den richtigen Fragen helfen: Fehlen die Schülerinnen über die Ferienzeiten hinaus? Sind sie im Anschluss an die Ferien krankgemeldet? Ging der Urlaub in das Heimatland der Familie oder der Großeltern? „Das sind häufig Hinweise auf eine drohende oder bereits vollzogene Beschneidung“, sagt Lisa O’Leary. Wer sich noch weiter informieren möchte, kann das auf der Webseite United to End Female Genital Mutilation tun.

Kinder müssen geschützt werden

End FGM möchte jedoch nicht nur aufmerksame Bürger*innen, sondern auch professionellen Schutz für die Kinder. Sie bilden deshalb Mitarbeiter*innen in Berufen mit Kontakt zu Mädchen aus und machen auf Risiken aufmerksam. Auch Terre des Femmes fordert eine weitere Sicherheitsschranke: Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt. So würden Meldung und Prävention möglich, zum Beispiel indem festgestellt werden kann, ob eine Schwester schon verstümmelt wurde. Diese Untersuchung soll ohne Stigma für alle Kinder in Deutschland durchgeführt werden, damit auch andere Missbrauchsformen früh erkannt oder sogar verhindert werden können.

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Zozona Frederick hätte von einer solchen Früherkennung profitiert. Sie war alleine in ihrem Kampf gegen die Verstümmelung. Ihre jüngeren Verwandten hatten jedoch Glück, dass sie stark geblieben ist. Denn da Zozona Frederick diejenige bleibt, die aufgrund des Alters als nächste die Genitalverstümmelung machen müsste, haben seit ihrem Protest keine Mitglieder ihrer Familie mehr diese Qualen erleiden müssen. Sie ist darauf sehr stolz. Ihre jüngeren Schwestern, Nichten und ihre einjährige Tochter mussten weder ihren Kampf führen, noch werden sie unter dem Eingriff leiden. Auch mit ihrer Schwester hat sie sich ausgesöhnt. Diese habe die Problematik mittlerweile verstanden. Durch den Fortschritt in Nigeria ist Zozona Frederick heute ein vollwertiges Mitglied ihrer nigerianischen Heimat und ihrer Familie, trotz fehlender Genitalverstümmelung. „FGM ist in unserer Familie etwas, das man nicht mehr macht“ sagt sie.