Stolpersteine werden immer wieder herausgerissen – das zeigt, wie wichtig sie sind

Regelmäßig werden die Gedenksteine gestohlen und damit NS-Opfer und Angehörige verhöhnt. Das beweist: Es kann gar nicht genug solcher Mahnmale geben. Ein Kommentar

Etwa 45.000 solcher Gedenksteine sind in Deutschland verlegt. © Gettyimages

Obwohl sie im Alltag leicht zu übersehen sind, sind sie das größte dezentrale Mahnmal der Welt: die Stolpersteine. Und gerade weil sie kaum wahrnehmbar sind, unterschätzen wir vielleicht ihre Bedeutung.

1996 verlegte der Berliner Künstler Gunter Demning 51 kleine Steine mit einer gravierten Messingplatte in Berlin-Kreuzberg. Auf jedem Stein stehen der volle Name, Geburtsdatum und die Todesursache eines Opfers des Nationalsozialismus. So sollen den Menschen, die in deutschen Konzentrationslagern getötet wurden, ihre Namen zurückgegeben werden. Inzwischen gibt es rund 60.000 Stolpersteine in Europa, 45.000 davon in Deutschland. Eigentlich ist das zu wenig, wurden während des Holocaust doch mindestens sechs Millionen Menschen ermordet.

Diese Steine werden deutschlandweit immer wieder herausgerissen, wie jetzt wieder in Berlin geschehen. Von einigen wird das dann auch noch öffentlich bejubelt. Das zeigt, dass es Menschen unter uns gibt, die nicht begriffen haben, was Menschlichkeit und Empathie bedeuten.

Ein Symbol des Respekts und der Reflexion

Die Stolpersteine sind ein wichtiger Teil deutscher Gedenkkultur. Wann immer kleine Kinder ihre Eltern fragen, warum diese seltsam glänzenden Steine im Boden eingelassen sind, werden diese antworten müssen. Und wann immer unser eigener Blick im Alltag auf der Straße nach unten schweift und wir zufällig einen erblicken, werden wir kurz erinnert.

Wir werden an die Verbrechen, derer Deutschland sich in der Vergangenheit schuldig machte, erinnert. Wir werden daran erinnert, in welche Abgründe unser Land bereits blickte. Vor allem aber werden wir daran erinnert, dass so etwas nie wieder passieren darf.

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Was mit der Kunstaktion eines Einzelnen begann, ist mittlerweile ein Symbol des Respekts und der Reflexion. Wer sich dadurch provoziert fühlt und die Steine entfernt, leugnet nicht nur deutsche Geschichte, sondern verhöhnt die Menschen, die in einer der dunkelsten Stunden der Menschheit ihr Leben verloren und nimmt deren Angehörigen ihr Recht auf Gedenken. Wer diese Steine entfernt, verhält sich asozial.

Die Stolpersteine werden ausschließlich durch private Spenden und Förderungen finanziert. Sie werden jedoch aus politischen Gründen herausgerissen – durch Rassist*innen, Rechtsradikale, Neonazis. Das macht den Diebstahl zu einem politischen Störungsakt. Es ist daher nur angemessen, dass der Staatsschutz die Ermittlungen übernimmt. Doch das allein genügt nicht.

Geben wir Acht aufeinander

Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, wo Gunter Demning die ersten paar Steine verlegte, werden die Gedenksteine nun vom Bezirksamt finanziert. Er ist damit der erste und einzige deutsche Verwaltungsbezirk, der für die Mahnmale bezahlt.

Warum ist das so? Warum wird diese pietätvolle Art der Geschichtsaufarbeitung eigentlich nicht vom Bundeshaushalt getragen, wie etwa das zentrale Holocaust-Mahnmal in Berlin? Das Andenken an verstorbene Menschen gehört schließlich uns allen. Es ist Menschen eigen, um die zu trauern, die von uns gingen, genauso wie es ein Teil von uns ist, zu lieben. Wir tun das, weil wir soziale Wesen sind, weil wir emotional aufeinander angewiesen sind. Im Umkehrschluss heißt das: Aufrichtig der ermordeten Menschen des NS-Regimes gedenken kann nur, wenn das Andenken an sie auch geschützt ist.

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Fast in jeder deutschen Stadt gibt es Initiativen, die sich regelmäßig um die Stolpersteine kümmern, sie reinigen und pflegen. Es gibt in jeder Stadt Menschen, die sich dem aufkeimenden Rechtsradikalismus in den Weg stellen, und wenn es sein muss jedes Wochenende auf dem Marktplatz, bei Wind und Wetter. Diese Menschen tun damit das Gegenteil von Verdrängen. Sie zeigen Verständnis, Empathie, Anteilnahme, Achtsamkeit und Haltung.