Stolz auf die eigene Körperbehaarung

Der deutsche Fotograf Corwin von Kuhwede zollt der menschlichen Körperbehaarung Tribut und möchte damit gesellschaftliche Konventionen herausfordern.

Eigentlich sind Haare ja toll. Sie schützen vor UV-Strahlung, Reibung, Parasiten und Krankheitserregern, sie helfen, die Körpertemperatur zu regeln und erhöhen die Sensibilität der Haut. Trotzdem verbringen Menschen viel Zeit damit, Teile ihres Körpers von Haaren zu befreien. 75 Prozent der deutschen Männer zwischen 20 und 35 Jahren würden sich unter den Achseln rasieren, 97 Prozent der Frauen tun das genauso. Mehr als 60 Prozent der Personen aus derselben Stichprobe würden von ihren Partner*innen erwarten, im Intimbereich komplett rasiert zu sein.

Dieses Verlangen nach Glattheit ist auch Corwin von Kuhwede aufgefallen. Der Fotograf lebt und arbeitet in Leipzig, wo er neben Porträtaufnahmen auch viele Aktfotografien erstellt. „Dabei habe ich festgestellt, dass die meisten Damen unter den Achseln, an den Beinen und im Intimbereich rasiert sind. Als Fotograf finde ich das teilweise sehr hinderlich, da dies dazu führt, dass man bestimmte Posen nicht fotografieren kann, ohne dass dies sehr explizit und sexuell wirkt“, sagt von Kuhwede. Schamhaar sei für ihn ein gewisser Sichtschutz und mache das Fotografieren leichter.

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Von Kuhwede wurde neugierig und begann, Menschen nach den Gründen ihrer Rasur zu fragen. Das Ergebnis: Die Meisten rasieren ihren Körper, weil es entweder ihre Partner*innen schön finden, oder weil sie sich damit ihrem sozialen Umfeld anpassen. „Ich fand es schon sehr verrückt, dass sich Menschen eher für andere rasieren und nicht für sich selbst“. Viele hätten dem Fotografen erzählt, dass sie sich unrasiert mittlerweile sogar unwohl fühlten. In von Kuhwedes Augen sei das eine Konditionierung, etwas das wir uns im Laufe der Zeit selbst antrainiert hätten. Diese Gespräche brachten ihn dazu, eine Fotoserie zum Thema Körperhaar zu produzieren: Die Idee zu Unshaved war geboren.

Ein festes Konzept hatte von Kuhwede anfangs nicht. „Wie so oft beim Fotografieren habe ich mich von der Situation leiten lassen und die Motive spontan und ganz intuitiv aufgenommen.“ Die Personen auf den Fotos habe er auf ganz unterschiedliche Arten gefunden, viele über die Sozialen Medien oder Aufrufe in lokalen Tageszeitschriften. Jedes Shooting dauerte ein bis zwei Stunden.

Die Gründe, warum sich seine Models nicht rasierten, waren unterschiedlich. Bei stark behaarten Männern seien es meist pragmatische Gründe gewesen, die meinten, bei der Masse bräuchten sie gar nicht erst anfangen. Kyotocat hingegen, das professionelle Model mit stark behaarten Beinen und Achseln, habe sich ihre Haare zum Markenzeichen gemacht. Die Haare findet sie nicht nur selbst schön, sondern sie verschaffen ihr auch so viele Arbeitsaufträge, dass sie ihren Lebensunterhalt damit bestreiten kann.

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Mit Unshaved möchte von Kuhwede gesellschaftliche Konventionen herausfordern und Fragen aufwerfen: Warum rasieren wir uns? Woher kommt es, dass Körperhaar bei vielen Menschen als unsexy oder sogar unhygienisch gilt? Warum sind Haare auf dem Körper weniger akzeptiert als auf dem Kopf? Ist es wirklich notwendig, sich alle Körperhaare zu entfernen oder kann man vielleicht sogar Gefallen daran finden?

Von Kuhwede war selbst ein Verfechter des haarlosen Körpers, er rasierte sich die Arme und Beine, die Achseln, den Intimbereich und sogar den Kopf. Mittlerweile habe er allerdings die Vorzüge von Haaren schätzen gelernt: „Erstens finde ich, dass Haare einerseits Schmuck sind. Auf der anderen Seite lassen sie uns viel intensiver spüren. Wenn man nur sanft mit den Fingerspitzen über die kleinen Härchen am Körper fährt, ohne dabei die Haut zu berühren, dann ist das ein unsagbar wunderbares Gefühl. Ein Gefühl, das man ohne die Haare niemals genießen kann“, sagt er.

Dabei ginge es ihm nicht nur um die körperliche Sensibilität, Haare hätten für von Kuhwede auch etwas mit Selbstliebe zu tun. Sie nicht zu rasieren, würde ein Zeichen senden: „Ich nehme mich selbst an, so wie ich bin, ohne dass ich etwas ändern muss.“


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