Straßenhund Niño verarbeitet Kindheit in den Bergen

Bis vor zwei Jahren lebte Jagd-Windhund-Mischling Niño auf den Straßen Zaragozas in Angst. Heute überwindet er seine Scheu, wenn er mit seinen Herrchen auf Berggipfel steigt. Durch diese ungewöhnliche Therapie wird er langsam zum Instagram-Star.

Screenshot: themountaindog

Auf dem Rücken von Andreas erklimmt Niño hohe Berge. Screenshot: themountaindog

Wer sich Niño annähern will, muss Geduld mitbringen, denn er ist auf den Straßen der spanischen Stadt Zaragoza großgeworden. Die Zeit als Straßenhund hat Niño geprägt, ihn zu einem schüchternen Hund gemacht, der seinem Gegenüber erst mal misstraut. Als „umgekehrte Psychologie“ beschreibt Andreas Hofmeister die Strategie, mit der neue Bekanntschaften sich Niño vertraut machen sollten. „Man muss ihn anfangs ignorieren. Dann wird er neugierig und kommt von sich aus auf einen zu“, sagt Andreas, der wie seine Freundin Jantje Schelp  in München Medizin studiert.

Wenn Jantje und Andreas ihren Hund ab und zu in die Münchner Innenstadt mitnehmen, ist Niño verängstigt und geht geduckt. Er geht Menschen aus dem Weg. Er bellt nicht, wenn ihm andere Hunde über den Weg laufen. „Niño hat zwar keine Angst vor anderen Hunden, aber er ist kein dominanter Hund“, sagt Jantje. Man mag kaum glauben, dass man es gerade mit genau dem Hund zu tun hat, der mit seinen Besitzern Woche für Woche Berge erklimmt und in Höhen geht, in die die meisten Menschen kaum vorstoßen.

Auf Instagram ist „The Mountain Dog“ deshalb längst ein kleiner Star, über 5500 Follower verfolgen die Abenteuer des „Mountain Dog“. Im Alltag der Stadt ist Niño zurückhaltend, in den Bergen blüht er auf.

“Es dauerte eineinhalb Jahre, bis er mir vertraute.“

„Angsthunde gibt es überall“, sagt die Hunde-Therapeutin Daniela Hüther. „Vor allem aber in jenen Ländern, in denen es Hunde im Überfluss gibt.“ Dort fehlen Interesse und Geld für die Versorgung von Straßenhunden. Die Tiere wachsen in einer Umgebung voller Reizüberflutung auf, sie sind mit Gewalt oder ungewohnten Situationen konfrontiert – alles mögliche Ursachen für eine Traumatisierung, erklärt die Hunde-Expertin.

Eine Tierschutzorganisation hatte Niño als Welpen in Spanien auf der Straße gefunden und ihn nach Deutschland gebracht. Es erforderte Geduld, bis sich Niño und Jantje anfreundeten. „Er wollte nicht gestreichelt werden, er duldete es nur.“ Niño fürchtete sich vor dem Rausgehen, Jantje hatte Mühe, ihn stubenrein zu bekommen. „Es dauerte eineinhalb Jahre, bis er mir vertraute“, sagt sie.

Einen wesentlichen Anteil an diesem Reifeprozess hatte neben Daniela Hüther, die Jantje zeigte, mit welchen Techniken sie das Vertrauen des Hundes gewinnen können, auch Andreas – und dessen Liebe zu den Bergen. Gemeinsam gingen die beiden Klettern und Wandern. „Für mich war es schrecklich, ihn alleine zu lassen. Ich dachte, nun sind wir schon in der Natur und erleben es nicht gemeinsam mit Niño“, berichtet Jantje. Also nahmen die beiden ihn mit: den Körper sicher in Andreas’ Rucksack „verstaut“, den Kopf frei, um neugierig die Umgebung zu erkunden.

„Das ist das Paradies für einen Hund.“

Doch die beiden wussten, dass gerade das Bergsteigen für einen Hund eine eben solche Stresssituation sein kann, vor der Angsthunde eigentlich zu schützen sind. Und vor der Daniela Hüther warnt. „Wir wollten erst wissen, ob er sich wohl fühlt und haben ihn behutsam an die neue Situation gewöhnt“, sagt Andreas. So trug er den 20 Kilo schweren Niño im Rucksack durch die Wohnung, kochte, putzte mit ihm auf dem Rücken und testete sein eigenes Durchhaltevermögen mit Klimmzügen mitsamt Niño.

Irgendwann wagten sie dann den Versuch, nahmen Niño mit und begingen sogar Klettersteige. Tatsächlich, so das junge Pärchen, wirke sich die Zeit in den Bergen positiv auf Niño aus. „Wenn er im Rucksack ist, das genießt er, da ist er total ruhig“, sagt Andreas. „Und wenn wir nur wandern, tobt er herum, das ist das Paradies für einen Hund.“ In den Bergen könne er den Zwiespalt, der Niños Charakter prägt, auch ausleben, sagt Jantje. „Denn einerseits ist er bis heute schreckhaft geblieben, aber gleichzeitig neugierig.“ Ihr Freund ergänzt: „In den Bergen ist Niño extrem anders, weil wir kaum Leute treffen. Hier kann er befreit spielen und an allem schnüffeln.“

“Viele sehen auf den ersten Blick einen in einen Rucksack eingeengten Hund. Wir sehen einen Hund, der endlich zu Ruhe kommen kann.“

Auch Jantje und Andreas wuchsen am Bergsteigen mit Niño. „Ich bin bedachter geworden“, sagt Andreas. Er verlange seinem Körper nur jene Anstrengung ab, die Niño und er gemeinsam meistern können. „Das Ganze resultiert in einem gesteigerten Bewusstsein“, sagt der erfahrene Kletterer. „Man trägt in einer gefährlichen Gegend plötzlich auch die Verantwortung für ein Lebewesen.“

Diese Erfahrungen könne man auf den Alltag projizieren. „Ich habe durch das Bergsteigen viel über mich gelernt, etwa, wie ich in Stresssituationen reagiere“, sagt Jantje. „Man braucht Nachsicht gegenüber dem Tier und gleichzeitig die nötige Konsequenz, ihn mit ungewohnten Situationen zu konfrontieren“, so Andreas. Nur so könne Niño seine Alltagsangst überwinden.

Hundetrainerin Daniela Hüther kann dem Hobby des Münchner Paares jedoch nicht nur Gutes abgewinnen. „Ein Hund muss schon im Alltag immer wieder Dinge tun, für die er nicht gemacht ist, weil ein Leben als Hund unter Menschen für ihn niemals pure Freiheit bedeutet, sondern immer ein Kompromiss darstellt. Ein Kompromiss, der an Bedingungen für beide geknüpft ist.“

Jantje kann die Kritik verstehen – zumindest grundsätzlich. „Viele sehen auf den ersten Blick einen in einem Rucksack eingeengten Hund. Wir sehen einen Hund, der endlich zur Ruhe kommen kann, was in seinem Alltag in der Stadt nicht möglich ist“, so die leidenschaftliche Kletterin. „Für mich ist das wie in der Erziehung, da muss jeder seinen eigenen Weg finden.“

Die beiden haben ihren Weg gefunden. Er führt sie Woche für Woche auf die Gipfel wunderschöner Bergketten. Mit ihm Gepäck: Niño, der „Mountain Dog“.