Warum es die beste Entscheidung war, mein Studium abzubrechen

Erst war es nur der falsche Studiengang, am Ende war es das Studieren an sich. Mirko Lettgen (27) hat mehrfach sein Studium gewechselt und zuletzt ganz geschmissen. Heute hat er keinen Abschluss, dafür aber seinen Traumjob.

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Bloß weg hier. © .marqs / photocase.de

Den Entschluss, sein erstes Studium abzubrechen, fasst Mirko an einem Vormittag im Dezember 2010. Er sitzt im Hörsaal H1 der Uni Münster. Mitten in seiner Lieblingsvorlesung steht er auf – und geht. Er kann sie nicht mehr ertragen, die gebannten Gesichter, die mucksmäuschenstill dem Professor für Strafrecht lauschen und sich alle danach sehnen, irgendwann mal Juristen zu sein. Er will das einfach nicht so sehr, wie sie, erzählt er heute. Also sagt er zu seinem Kommilitonen Ben, der neben ihm sitzt, „Dude, ich brech das Studium ab. Wenn ihr Bock habt, kommt heut Abend vorbei.“ Dann geht er nach Hause und stellt das Bier kalt.

Angekommen. © Caroline Wiemann

Heute, fast sechs Jahre später, ist er im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Krankenpfleger. Bis er sich zu dieser Entscheidung durchringen konnte, war es ein langer Weg mit einigen Sackgassen. Zweimal hat er den Studiengang gewechselt und am Ende, nach acht Hochschulsemestern, aufgegeben. Dabei ist Mirko niemand, der sich schnell unterkriegen lässt. In Dinslaken bei Duisburg geboren und aufgewachsen hat er die freche Schnauze eines Ruhrpottlers. Drum herum wächst ein heller Dreitagebart, das dunkelblonde Haar trägt er kurz geschnitten, wenn er nachdenkt, spielt er an dem dünnen schwarzen Ring in seiner Unterlippe.

Der Einzige mit Baggy Pants und Cap

Dass es ihm nicht leicht fallen würde, sich ins Jurastudium einzugliedern, wusste er spätestens, als er als Einziger mit Baggy Pants und Cap am Einführungstag vor dem Juridicum stand. Die Entscheidung zum Abbruch fiel ihm trotzdem schwer. „Es war ein ganz ungewohntes Gefühl, etwas zu beenden, weil man der Sache nicht gewachsen ist. Das war der erste Knicks, den ich in der eigenen Karriere hatte.“ Dabei hat Mirko Glück, denn seine Eltern reagieren verständnisvoll. Nach drei Monaten Selbstfindung vor der Spielkonsole, zieht Mirko wieder bei Mama ein und fängt an zu kellnern.

[Außdem bei ze.tt: Das Studium ist glücklichste Zeit unseres Lebens – wehe wenn nicht]

Es folgen ein Praktikum beim Jugendamt und ein Job als Integrationshelfer für einen Jungen mit ADHS. Ein halbes Jahr lang begleitet Mirko ihn in die Schule, danach ist für ihn klar, dass er sozial arbeiten will. Doch sein Abischnitt von 3,0 reicht nicht aus für Soziale Arbeit, er bekommt nur Absagen. Also muss ein Plan B her. „Und was macht man, wenn man nicht weiß, was man studieren soll? Man wählt seine Lieblingsfächer auf Lehramt. Also in meinem Fall Deutsch und Geo.“ Während er das sagt, legen sich Lachfältchen um seine Augen. „Nein, im Ernst. Ich konnte mir gut vorstellen, Lehrer zu werden. Die Arbeit in der Schule hat mir viel Spaß gemacht.“

Mirko zieht nach Mainz und startet bei null. Doch nach dem ersten Schulpraktikum im zweiten Semester ist ihm klar, dass das Lehrerzimmer doch nicht seine Welt ist. „Ich war auf einmal auf der Seite der Bösen“, sagt er lachend. „Das konnte ich mir einfach nicht bis zur Rente vorstellen.“ Also wieder ein Wechsel. Mirko hängt Germanistik an den Nagel, schmeißt das Lehramtsstudium und wechselt zu Geografie im Bachelor of Science. Doch es gelingt ihm nicht mehr richtig, sich für das Studium zu begeistern. „Im Prinzip bin ich die Sache von Anfang an falsch angegangen. Ich hab mir rausgenommen, das erste Semester nur feiern zu gehen. Danach kam ich nicht mehr richtig rein.“

„Vielleicht hätte ich mal ein Schulterklopfen gebraucht“

Mirko rutscht in einen Trott, schiebt jedes Modul, das Klausuren oder Hausarbeiten vorsieht, jobbt mehr als Barkeeper, als dass er studiert. Erst als die Frustration ihren Höhepunkt erreicht, wird ihm klar, dass es nicht das Studienfach, sondern das Studieren an sich ist. Die Uni lässt ihm zu viele Freiheiten und gibt ihm zu wenig zurück. Er ist unglücklich damit, nur eine Matrikelnummer zu sein. „Ich konnte mich nicht dazu motivieren, mich sechs Wochen einzuschließen, um für eine Klausur zu lernen, und am Ende ist die Belohnung eine kleine digitale Anzeige auf meinem digitalen Account der Universität. Vielleicht hätte ich mal ein Schulterklopfen gebraucht.“

[Außerdem bei ze.tt: Noch ein Masterstudium oder Arbeiten: Worauf es bei deiner Entscheidung ankommt]

Nach acht Hochschulsemestern und diversen Praktika und Jobs dazwischen, beschließt Mirko im Sommer 2014 eine Ausbildung zum Krankenpfleger zu machen. Dort kann er mit Menschen arbeiten, bekommt direktes Feedback von seinen Chefs und hat, im Gegensatz zur Uni, eine klare Struktur für seinen Alltag. Die Idee, im Krankenhaus zu arbeiten, geisterte schon vor dem Studium durch seinen Kopf, weil seine Mutter Anästhesieschwester ist und er seinen Zivildienst im Klinikum gemacht hat. Doch das eigene Ego stand ihm lange im Weg. „Ich hatte so eine leichte Arroganz, weil ich ja ein Abitur in der Tasche hatte. Es spielt schon eine große Rolle ob man etwas nur macht, um es seinem Ego zu beweisen, oder weil es einem wirklich Spaß macht.“

Wenn Mirko mit der Ausbildung fertig ist, wird er 28 sein. Dann erst fängt er an richtig in die Rentenkasse einzuzahlen. Wenn er darüber nachdenkt, ärgert ihn schon manchmal, dass er sich nicht früher für die Ausbildung entschieden hat. Trotzdem bereut er seine Zeit an der Uni nicht. „Die Erfahrung, zu wissen, was man nicht möchte, ist manchmal wertvoller, als zu wissen, was man möchte.“