Studium, Job und Kind: Diese Frau hilft Flüchtlingen trotzdem

Studieren, arbeiten und nebenbei noch leben: Damit allein ist man ja schon manchmal überfordert. 30 Studierende der Uni Bremen helfen zusätzlich jeden Tag mehr als 500 Flüchtlingen. Wie schaffen sie das? Sevda Atik hat uns einen Einblick gegeben.

Sevda Atik (rechts) und Jonas vor einem der Flüchtlingszelte auf dem Campus der Uni Bremen.

Sevda Atik (rechts) und Jonas vor einem der Flüchtlingszelte auf dem Campus der Uni Bremen.

Im Juli haben die Studierenden der Uni Bremen neue Nachbarn auf dem Campus bekommen: Zunächst zogen 120 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in ein Zelt. Zwei Wochen später folgten 400 weitere Menschen, hauptsächlich aus Syrien. Schnell zeichnete sich ab: Das Leben der Menschen würde in den großen, weißen Zelten reichlich trist werden.

Also beschloss eine Gruppe von Studierenden spontan, zu helfen. Sie veranstalteten ein Willkommensfest, organisierten Deutschkurse und starteten ein Sportprogramm.

Das alles geschah noch in den Semesterferien. Die sind bald vorbei, die AG Refugees Welcome an der Uni Bremen soll aber bestehen bleiben. „Das Projekt ist nachhaltig geplant“, sagt Sevda Atik, eine der aktivsten AG-Helferinnen. „Wir haben gerade mit der Uni-Leitung abgesprochen, dass wir die AG auch über die Semesterferien hinaus weiterführen.“ Das ist keine leichte Aufgabe, schon gar nicht für die 34-jährige Sevda.

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Die AG Refugees Welcome an der Uni Bremen bei einem ihrer Planungstreffen.

Die alleinerziehende Mutter muss neben ihrem Medienwissenschaften-Studium auch noch einen Nebenjob bewältigen. Jeden Tag bringt sie ihren Sohn zur Schule und pendelt dann von Bremerhaven nach Bremen. Im Wintersemester hat Sevda wieder jeden Tag Seminare, zweimal die Woche ganztägig. Alle zwei Wochen kommt abends eine Vorlesung dazu. Von der weiß Sevda noch nicht, wie sie sie überhaupt besuchen soll.

Damit sie bei diesem Pensum weiterhin in der AG aktiv bleiben kann, hat sie ihre Dozenten um Unterstützung gebeten – mit Erfolg. „Ich genieße jetzt eine gewisse Toleranz, was meine Abgabetermine angeht“, erzählt Sevda. Auch sonst unterstützt die Uni die AG, wo sie kann: Die Leitung stellt Räume und Material, lässt die Flüchtlinge auch am Uni-Sport teilnehmen und hat für das Willkommensfest Geld gespendet.

30 Flüchtlinge dürfen mitstudieren

Die psychische Belastung kann die Uni allerdings nicht mindern. „Wir versuchen, uns ein wenig von den Problemen der Flüchtlinge zu distanzieren“, sagt Sevda. „Wir geben uns zum Beispiel Mühe, die Erinnerung etwa an ihre Flucht nach Deutschland nicht immer wieder aufzuwühlen.“

Sich emotional zu distanzieren fällt allerdings schwer, wenn man täglich mit den Flüchtlingen zu tun hat. Einige seien stark traumatisiert. Viele wären auf die Behörden nicht gut zu sprechen, das Warten zehre an ihren Nerven. „Die Flüchtlinge sind aber total motiviert. Sie wollen zum Beispiel unbedingt Deutsch lernen.“

Diese Momente des Zuspruchs treiben Sevda und ihre Kommilitonen weiter an. Ihr bisher größer Erfolg: Dank der AG hat die Uni 30 syrische Flüchtlinge ins IN-Touch-Programm aufgenommen. Das bedeutet, dass 25 Männer und fünf Frauen, deren Englisch gut genug ist, ab dem Wintersemester an der Uni Bremen in ihren Fachbereichen weiterstudieren können.

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Die AG sammelt regelmäßig spenden – etwa Schuhe, damit die Flüchtlinge auf dem Campus Sport machen können.

Doch die nächsten Probleme stehen auch schon an: „Die Zelte werden zwar im Moment für den Winter aufgerüstet“, erzählt Sevda, „nichtsdestotrotz bleiben es Zelte.“ Samstagnacht habe es einen heftigen Sturm in Bremerhaven gegeben, Sevda sei davon aufgewacht. Ihr erster Gedanke habe den Flüchtlingen gegolten. „Ein Zeltlager darf keine langfristige Lösung sein“, sagt die Studentin. „Die Menschen erzählen, dass sie kaum schlafen können.“

Im Herbst und Winter wird die Flüchtlingshilfe kräftezehrender. Sevda weiß das. Trotzdem will sie weitermachen. „Ich bin jeden Tag mit den Menschen zusammen, ganz einfach weil sie Menschen und es wert sind.“