Syrien: In Aleppo gibt es noch Schulen – im Untergrund

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Drei syrische Mädchen in einer Schule im Norden Aleppos. © BARAA AL-HALABI/AFP/Getty Images

Russische Flieger bomben den Weg frei für Assad-Milizen. Die wollen die von Rebellen besetzten Gebiete im Norden Aleppos zurückerobern. Währenddessen gehen 3.300 Kinder in dem Kriegsgebiet zur Schule.

In Aleppo gehen Schulkinder in den Pausen nicht raus, um zu spielen. Fassbomben könnten sie töten. Neun Schulen gibt es noch in den von Rebellen kontrollierten Stadtteilen der einst größten syrischen Stadt. Neun Schulen, die alle von möglichst hohen Gebäuden umgeben sind, um die Schulgelände vor Luftangriffen zu schützen.

3.300 Schüler und Schülerinnen laufen jeden Tag durch den Schutt zertrümmerter Straßen, um von 110 Lehrern in dem Kriegsgebiet unterrichtet zu werden. Während im Hintergrund der Krieg tobt, lernen die Kinder lesen, schreiben, rechnen.

Den Unterricht organisiert „Kesh Malek“ (der Ausdruck steht im Deutschen für „Schachmatt“), eine syrische Aktivistengruppe, die gegen die Diktatur von Assad kämpft und aus Syrien einen demokratischen Staat machen will. Die Rebellengruppe begann vor fünf Jahren zunächst in herkömmlichen Gebäuden Schüler zu unterrichten.

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Nachdem Assad allerdings die Ain-Jalout-Schule in den besetzten Gebieten bombardieren ließ und 23 Kinder starben (so die Angabe von „Kesh Malek“; offizielle Angaben sprechen von 18 Toten insgesamt), entschied sich „Kesh Malek“ den Unterricht in unauffälligere Gebäude zu verlegen. Häuser, die Außenstehende nicht als Schulen erkennen. Sportunterricht findet nicht statt, „Wir versuchen das durch Malunterricht, Puppenspiele und Innenaktivitäten zu kompensieren“, sagt Geschäftsführerin Marcell Shehwaro in einem Reuters-Interview.

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Der Bombenabwurf auf die Ain-Jalout war nicht der einzige Angriff auf eine Schule in einem von Rebellen besetzten Gebiet. Dieses Bild zeigt einen Schulrucksack mit Unicef-Logo nach einem Luftangriff auf eine Schule im Norden Aleppos am 12. Januar 2016. © REUTERS/Khalil Ashawi

Zunächst wurde die Gruppe nur von lokalen Unterstützern finanziert. Mittlerweile spenden auch Investoren aus dem Ausland, um den Schulbetrieb in den besetzten Stadtteilen am Laufen zu halten.

Der Krieg in Syrien bringt einen Lehrermangel mit sich, der auch „Kesh Malek“ zu schaffen macht: 80 Prozent der Lehrer seien unerfahren oder unzureichend ausgebildet, sagt Shehwaro in dem Interview. Viele von ihnen seien zudem Frauen, denen es im Assad-Regime nicht möglich war, sich genauso zu bilden wie Männer – der Fokus lag bislang auf Handarbeit und Kochen.

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Auch das wollen die Schul-Organisatoren ändern: Mädchen sollen von Anfang an ermutigt werden, Träume zu formulieren und dieselben Bildungsmöglichkeiten wie Jungen erhalten. Mädchen, die früh verheiratet wurden, unterrichtet „Kesh Malek“ zu Hause.

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Syrische Grundschüler sitzen in einem Klassenraum einer „Untergrund-Schule“ im Norden Aleppos. © BARAA AL-HALABI/AFP/Getty Images

Nicht nur die Kinder, auch die Lehrer sind traumatisiert. Alle von ihnen haben Freunde und Verwandte verloren. Wie soll man da noch kreativ sein, Freude vermitteln?

„Einer der Lehrer sagte zu mir `Warum unterrichten wir überhaupt Kinder, die eh nächste Woche sterben?'“, erzählt Shehwaro, um auch die psychischen Probleme vor Ort zu verdeutlichen. „Sie schauen die Kinder an und stellen sich vor, dass sie die nächsten Opfer sein werden.“ Shehwaro nennt das eine raue, aber eigene Logik.