Tätowierer übermalen Spuren häuslicher Gewalt

Sie können Frauen nicht vor häuslicher Gewalt schützen, aber zumindest die Erinnerungen übermalen: Tattoo-Künstler in Brasilien und den USA bieten ihren Service sogar gratis an.

Flavia Carvalho/Facebook

Vorher, nachher: Flavia Carvalho überzeichnet kostenlos die Verletzungen von Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben. Flavia Carvalho/Facebook

Häusliche Gewalt ist ein massives Problem: Die World Health Organization (WHO) gibt an, dass 35 Prozent der Frauen auf der ganzen Welt körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Partner erfahren haben.

Auch in Deutschland verzeichnet das Bundeskriminalamt jährlich tausende Fälle von Gewalt in der Partnerschaft. 2014 sind 590.766 Straftaten von versuchter und vollendeter Körperverletzung dokumentiert. In 624 Fällen endeten die Angriffe mit dem Tod des Opfers.

Die Überlebenden solcher Angriffe haben oft mit psychischen wie physischen Verletzungen zu kämpfen. Um die körperlichen Verletzungen kümmern sich Tätowierer auf künstlerische Weise.

Flavia Carvalho, Brasilien

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Foto: Flavia Carvalho/Facebook

Zurzeit macht gerade die brasilianische Tattoo-Künstlerin Flavia Carvalho im Netz von sich reden. In ihrem Tattoo-Studio in Curitiba bietet sie Opfern häuslicher Gewalt an, sich ihre Verletzungen gratis überzeichnen zu lassen. Auf Facebook postet sie Fotos ihrer Werke und stellt auch immer kurze Notizen dazu, welche Geschichten sich hinter den Narben verbergen.

Diese Blüten überdecken beispielsweise eine Schussverletzung:

Die Cat Woman überdeckt den Angriff mit Glasscherben:

Chris Baker, USA

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Foto: Chris Baker/Facebook

Das Netz redet zwar gerade vor allem über Carvalho. Die Brasilianerin ist allerdings nicht die erste Tattoo-Künstlerin mit der Hilfsidee für Opfer häuslicher Gewalt. Seit 2011 bietet der Tätowierer Chris Baker in Chicago den gleichen Dienst an, wie die amerikanische Huffington Post berichtet. Das Ganze mache er kostenlos, weil er es nicht mit sich vereinbaren könne, Geld von den Opfern zu verlangen. Auch Gang-Mitglieder kommen bei Baker vorbei, um sich alte Erkennungszeichen überstechen zu lassen.

Mary José Cristerna, Mexiko

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Foto: Mary José Cristerna/Facebook

Die ehemalige Anwältin Mary José Cristerna hat mit 17 Jahren geheiratet und wurde durch ihren Mann selbst zum Opfer häuslicher Gewalt. Zehn Jahre lang hielt sie es aus, bevor sie die Kraft fand, ihn zu verlassen. Ihre Tattoos ließ sie sich stechen, um die Erinnerung an die Gewalt zu überdecken. Bei der Nadel blieb es allerdings nicht: Mit über zehn Implantaten im Körper ist Cristerna inzwischen als „Vampire Woman“ bekannt. Das Stechen hat sie auch gelernt, allerdings hat sie kaum Zeit dafür, selbst Hand an die Nadel zu legen. Stattdessen kämpft sie gegen häusliche Gewalt, indem sie ihre Popularität nutzt, um das Rechtssystem in Mexiko anzuprangern, das Frauen ungerecht behandelt.