Teamfotos sind die neuen Klassenfotos und es gibt eine Million Gründe, sie zu hassen

Na, heute schon das Selfie von eurem letzten Firmenausflug geteilt? Nichts ist gruseliger als das inszenierte Glück auf Teambildern. Aus zwei Gründen gibt es sie trotzdem.

Und jetzt macht alle noch mal was Verrücktes! © AllzweckJack / photocase.de

3, 2, 1, cheese! Wer beim Teamfoto nicht grinst, bekommt beim nächsten Meeting von dem*r Chef*in eins mit dem Craftbeer übergezogen – zumindest scheint diese Drohung in der Luft zu liegen, wenn man sich die übliche Ästhetik von Teamfotos einmal genauer ansieht.

Bewusst brüderlich gehen die Männer dafür in Russenhocke, kreuzen ihre Arme vor der Brust und, oh, Julian war sogar mal wieder beim Frisör! Die Frauen deuten Kussmünder an und halten sich zurückhaltend schwesterlich an den Schultern. Die Großen nach hinten, die Kleinen nach vorne – man kennt die Tradition innerhalb der heteronormativen Firmenordnung. Etwa ein Zehntel der Beteiligten hat das Peace-Zeichen wieder für sich entdeckt und streckt die Finger stolzer in die Kamera als japanische Teenager vor dem Eiffelturm.

So aalglatt, wie die Mitarbeiter*innen in Hamburg, München und Berlin mit ihren perfekten Zähnen auf den Fotos strahlen, könnte man fast meinen, da ist was schiefgelaufen beim Bewerbungsgespräch, da wurde einfach jemand aus einer Modelagentur gecastet und dann vom Fleck weg angestellt – einfach so. Hauptsache es gibt später reichlich Daumen nach oben für die kecke Frisur.

Schaut her, wir haben Spaß und gelegentlich auch Sex

Um die flachen Hierarchien zu unterstreichen, gelten für den*die Chef*in besondere Auflagen. Es ist wichtig, dass er*sie in der Masse an süßen Angestellten genauso zuverlässig untergeht wie die Sonne, wenn man gegen 19:30 Uhr das Büro verlässt.

Genauso wie Kathrin, die eine dieser Blusen mit Kragen angezogen hat, die ansonsten aus guten Gründen in den hintersten Ecken des Kleiderschranks vergammeln und furchtbar knittern. Auch die, die sich hassen und normalerweise kein Wort auf dem Gang wechseln, haben auf magische Weise wieder zueinander gefunden für das symbolschwangere Foto, das das strunzlangweilige Tech-Unternehmen nach außen als hippes, cooles Start-up inszenieren soll, in dem die Leute Spaß und gelegentlich auch Sex miteinander haben, wenn nach der dritten Runde Koks niemand mehr so genau hinsieht.

Weitere Fragen, die sich bei der Begutachtung des digitalen Autounfalls aufdrängen: Warum posten Menschen Fotos, die zu gestellt, zu glatt wirken, um einen realistischen Eindruck der tatsächlichen Arbeitsatmosphäre zu vermitteln, auch noch freiwillig in ihren Feeds?

Vermutung, die erste

… weil sie allen Ernstes daran glauben, dass Arbeitskolleg*innen eine Familie werden können.

Es reicht nicht, dass das Teamfoto durch alle erdenklichen Social-Media-Plattformen gejagt und von inhaltsleeren Sprüchen – We do this <3 – begleitet wird und sich damit in die peinliche Sammlung an Fotos einreiht, die eigentlich niemals von einem in diesem Internet existieren sollten – nein.

Es wird auch noch kostenlos von den folgsamen Angestellten auf den eigenen Kanälen weiterverbreitet und in seiner ganzen emotionalen Schwere reproduziert, fast so, als ob sich durch den Teilen-Button die Essenz einer Familie nachbilden ließe, wenn das Endprodukt nur genug Leute ohne abmahnende E-Mail algorithmisch nach oben liken. Fast so, als ob man wirklich wegen seiner Person gemocht würde, und nicht wegen des MacBooks, das man kostenlos ins Unternehmen einbrachte und seither jeden Tag wie ein Schulkind mitschleppt, auch wenn man hinterher verabredet ist.

Es tut mir leid, das hier so salopp zu droppen, aber niemand bezahlt dich für deine Loyalität, Franziska. Du glaubst mir nicht? Spätestens drei Wochen nach deiner Kündigung wirst du merken, wie oft dein*e neue*r Lieblingskolleg*in für dich da ist und angesichts dieser Ernüchterung wieder regelmäßig bei deinen alten Freunden*innen aufkreuzen. Versprochen!

Vermutung, die zweite

… weil sie ganz einfach Schiss davor haben, als unloyale Schmarotzer*innen verschrien und gefeuert zu werden

In manchen Feeds wirkt das geteilte Teamfoto leider so falsch wie Mandy Capristos Oberlippe. Huch, was ist denn mit dem passiert, denkst du dir, als du deinen strammstehenden Schulfreund Erwin plötzlich entgegen seiner ansonsten sehr ernst gemeinten Hipsterästhetik in der hintersten Reihe eines 08/15-Jahresfeierfotos erblickst.

Nach dem Drüberscrollen überkommt dich ein leichter Schauer, der zu gemeiner Lästerei verleiten lässt. Frei nach dem Motto: Klar, dass der das Foto teilt, schließlich ist er auch im echten Leben Meister des Arschkriechens. Nicht?

Hauptsache gut für die Karriere, Authentizität egal

Seit mit der ungeschriebenen Klausel den*die Chef*in zu mögen jegliche Hierarchien weggefallen sind, die eine offensichtliche Ablehnung legitimieren würden, tun alle so als ob, bis Gröberes auf Twitter vorfällt. Also teilt Marc das Foto genauso wie Nicole, in der Hoffnung als die devoten Mitarbeiter*innen wahrgenommen zu werden, die sie sind und bleiben wollen. Arbeitsplätze gibt es schließlich nicht umsonst, ja?

Ein Teamfoto teilen, sagen sie dann, das ist doch keine große Hürde, das kann man doch mal machen, um das Unternehmen und die Aufmerksamkeit darauf zu stärken und all seinen Bekannten und Freund*innen auf Facebook mit dem neugewonnenen Teamspirit und nervigen Guck-mal-es-gibt-uns-Postings auf den Geist zu gehen.

[Auch auf ze.tt: Sollten wir uns am Arbeitsplatz umarmen?]

Man tut, was eben getan werden muss, wohingegen die, die das Foto nicht teilen, in der Unternehmenshierarchie absinken, wie ein Sommerhit zu Beginn der neuen Herbstkollektion.

Kann man nicht zu dem stehen, was man tut, fragt dich Marc. Wer weiß, sagst du, vielleicht identifizieren sich manche auch mit ihren eigenen Idealen und Werten und nicht mit dem Corporate Bullshit, den andere erfunden und ökonomisch verwertbar gemacht haben? Teamfotos, sie sind der fotografisch festgehaltene Beweis der eigenen Käuflichkeit, die man sich während des Studiums strikt verwehrt hatte.

Egal wie gut man sich mit den Kollegen*innen versteht, wie schön man es zusammen im Office hat, während man die vermeintlich beste Zeit seines Lebens vor dem Bildschirm verlebt. Teamfotos teilen ist wie Klassenfotos an die Kinderzimmerwand hängen. Gruselig.