Tiere hinter Gittern: Weg mit den Zoos!

Der Mensch findet Wildtiere so faszinierend, dass er sie am liebsten einsperrt und versucht, sie zu domestizieren. Sie im TV oder in Büchern zu sehen, reicht nicht. Wir wollen sie hören, riechen und live sehen. Eine Wahl haben die Tiere freilich nicht.

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Menschliche Unterhaltung vs. Tierschutz. © dpa

Ende Mai stürzte ein vierjähriger Junge im Zoo in Cincinnati/Ohio mehrere Meter tief in das Gehege von Harambe, einem knapp 200 Kilogramm schweren Silberrückengorilla. Er hielt das Kind rund zehn Minuten fest, zerrte es am Bein durch einen Wassergraben. Damit es die Pfleger*innen retten konnten, musste das Gorillamännchen sterben. Das Tier wäre laut Zoodirektor Thane Maynard unberechenbar und die Wirkung eines Betäubungsmittels hätte zu langsam eingesetzt.

Zoobesucher*innen trauern um Harambe im Cincinnati Zoo. | © John Sommers II/Getty Images)
Zoobesucher*innen trauern um Harambe im Cincinnati von Zoo. | © John Sommers II/Getty Images

Die Entscheidung, den 17 Jahre alten Gorilla zu erlegen, ist umstritten. Und der Vorfall heizte den lang geführten Diskurs über die Sinnhaftigkeit von Zoos erneut an. Welchen Nutzen haben Tiere hinter Gitter noch für uns Menschen? Geht es um die bloße Befriedigung der menschlichen Sensationsgeilheit oder geht es um Artenschutz? Ist das Begaffen von lebenslang eingesperrten Tieren Voyeurismus oder Erkenntnisgewinn?

Heute schlecht, damals schlechter

Die Haltung exotischer Tiere hat eine lange Tradition. Der Verband der zoologischen Gärten schreibt auf seiner Webseite, dass es erste Tierparks schon vor etwa 5.000 Jahren in den Hochkulturen zwischen Euphrat und Zentralchina gab. Im alten ägyptischen Reich (2707-2216 v. Chr.) wurden exotische Tiere als Gottheiten verehrt, angeblich hielten sich manche Pharaonen in ihren Tempelanlagen Elefanten, Giraffen, Antilopen und Strauße. Oder in China um 1150 v. Chr., als unter anderem Tiger, Nashörner und Riesenschlangen zu beliebten kaiserlichen Zootieren zählten.

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Mit vermehrter wissenschaftlicher Aufklärung mauserte sich die Institution ‚Zoo‘ im Laufe der Zeit. Von reiner Volksbelustigung hin zur Volksbildung, von prestigeträchtigen Menagerien zu Tierschutzzentren. Metallgitter wurden durch Glasscheiben oder Wassergräben getauscht, es entstanden wissenschaftliche Disziplinen wie Tiergartenbiologie und Zoopädagogik, Tiergehege wurden größer und artgerechter – sofern das überhaupt möglich ist.

Trotz dieser Entwicklungen blieb die Kritik an Zoos bestehen, vermehrte sich mit fortschreitender Expertise und erhöhter Sensibilität zu Tierrechten sogar. An der Tatsache, dass die Tiere ein Leben in Gefangenschaft verbringen, änderte sich schließlich nichts.

Den Sinn von Zoos zu hinterfragen, ist längst nicht nur mehr Anliegen von Tierschutzaktivist*innen. Vorfälle wie in Ohio sind medienwirksam und nisten sich in das moralische Bewusstsein der Menschen ein. Wir sollten doch mittlerweile erkannt haben, dass sich Wildtiere in Gefangenschaft nicht wohl fühlen, geschweige denn domestizieren lassen. Dass für so einen Gedankenanstoß Tiere und oft genug Menschen sterben müssen, ist allerdings traurig.

Zoos als unmoralische Vergnügungsparks

Ein Elefant muss einen Zoo in Rotterdam verlassen, weil er sich nicht mit den anderen Elefanten "vertragen hatte." | © dpa
Ein Elefant muss einen Zoo in Rotterdam verlassen, weil er sich nicht mit den anderen Elefanten „vertragen“ hatte. | © dpa

Natürlich gibt es gewaltige Unterschiede zwischen guten und schlechten Zoos, zwischen rein kommerziellen Einrichtungen und legitimen Einrichtungen, die Artenforschung und Auswilderungen betreiben. Im Grunde gilt es die Frage zu beantworten, wem Zoos eigentlich nützen. Gute Zoos schützen Tiere ihrer selbst Willen, schlechte Zoos tun das für die reinen Zwecke der Menschen – und sei es auch nur, um Tierverhalten, Biologie oder Krankheiten besser verstehen zu wollen. Der wissenschaftliche Erkenntnisanspruch rechtfertigt nicht die Tatsache, dass Tiere ihr gesamtes Leben hinter Gittern zur Besichtigung ausgestellt werden.

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Der Großteil der Zootiere wird in Gefangenschaft geboren. Unter glotzenden Menschenaugen mit blitzenden Smartphones in den Händen wird ihnen auf möglichst unterhaltsame Weise Fressen vor die Nase geworfen, oder sie werden auf pseudo-reale Jagd geschickt. Sie werden künstlich geschwängert oder für eine externe Befruchtung um die halbe Welt geflogen. Für diese Sex-Reisen oder die regelmäßigen Gesundheitschecks werden ihnen Beruhigungs- oder Betäubungsmittel in den Körper gespritzt.

Für Befürworter*innen sind Zoos heute relevanter denn je. Volker Homes, Geschäftsführer des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ), sagt: „Je naturferner wir aufwachsen, desto wichtiger ist es, Kinder und Erwachsene mit der Natur in Verbindung zu bringen.“ Seiner Meinung nach, würden Zookritiker anders argumentieren, wenn sie mehr über die Aufgaben von Zoos wüssten.

Der VdZ vereinigt 70 Zoos in fünf Ländern und ist mit seiner Gründung im Jahr 1887 der älteste Zooverband der Welt. Die teilnehmenden Zoos bewegen sich unter folgendem Leitbild: Sie verstehen sich als Bildungs- und Forschungseinrichtungen, sie dienen als wichtige Zentren der Arterhaltung, sie sind Stätte der Erholung und Freizeitgestaltung mit hoher gesellschaftspolitischer und touristischer Relevanz. „Es gilt weniger Arten zu halten, aber dafür den Aufwand für die bestehenden Arten zu erhöhen, “ sagt Homes.

Artenschutz

Der Schutz gefährdeter Tierarten durch zoologische Zuchtprogramme scheint noch das vernünftigste Argument für den Erhalt von Zoos zu sein. Wenn der Mensch die Artenvielfalt zerstört, sollte es auch seine Aufgabe sein, sie nach Möglichkeit zu schützen. Die Frage ist, ob wir vom Aussterben bedrohte Tierarten krampfhaft erhalten sollen, indem wir die letzten verbleibenden Exemplare aus der freien Wildbahn entnehmen, sie in Käfige stecken und ihnen beim Befruchten zusehen.

Die Umweltstiftung WWF befürwortet die zoologischen Zuchtprogramme bedrohter Tierarten, die – solange sie gut geführt und international anerkannt sind – einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten können. Solche Nachzuchtprojekte wären sinnvoller Teil eines wissenschaftlichen Schutzmanagements.

Die Tierrechtsorganisation PeTA hält das Artenschutz-Argument hingegen für eine Lüge. Echter Artenschutz hieße, Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen. In der Gefangenschaft würden bloß ihre Instinkte verkümmern. Wichtige Verhaltensweisen, die sie zum Überleben in freier Wildbahn brauchen, würden sie verlernen oder erst gar nicht erlernen. Der Erhalt einer Tierart in Gefangenschaft benennt die Organisation als „eine sehr egoistische bzw. anthropozentrische Sichtweise“.

© kallejipp / photocase.de
© kallejipp / photocase.de

Laut dem 2012 veröffentlichen EU Zoo Report ist der Großteil aller Tierarten in deutschen Zoos (über 85 Prozent) nicht vom Aussterben bedroht. Langfristig erfolgreiche Auswilderungsprojekte können sie nur in wenigen Einzelfällen vorweisen. Deutschland ist wider Erwarten eines der europäischen Länder mit den mangelhaftesten Zoos. Mehr als 50 Prozent der Tiergehege würden nicht den tierartspezifischen Bedürfnissen entsprechen. Zudem gäbe es in den Bundesländern zahlreiche Zoos, die ohne Betriebserlaubnis arbeiten und so die Ziele der EU-Zoo-Richtlinie untergraben.

Hinzu kommt, dass die meisten Zoos jährlich mehrere Millionen Euro an staatlichen Subventionen erhalten. Summen, die an anderer Stelle viel sinnvoller eingesetzt werden könnten: Will Travers von der Born Free Foundation in Großbritannien erklärte in einem  Interview aus dem Jahr 2007, seine Organisation könnte die Schutzbemühungen für Gorillas im Kongo für die nächsten fünf Jahre vervierfachen, wenn er nur 10 Prozent des Geldes zur Verfügung hätte, die das Gorillagehege im Londoner Zoo gekostet hatte.

Artgerechte Gefangenschaft

Wer schon mal im Zoo war, kennt das Bild der Wildkatze, die apathisch ihr Gehege auf- und abläuft und nichts mit ihrer Zeit anzufangen weiß. Der Eisbär, der immer wieder seinen Kopf tranceartig hin und her schwenkt (so genanntes „Weben“), oder die Giraffe, die unaufhörlich die Gitterstäbe ableckt. Da kann das Gehege noch so groß und schön sein, Tiere in Gefangenschaft leben in einer reizarmen Umgebung.

Moderne Haltungsmodelle mit abwechslungsreichen Gehegen samt Klettermöglichkeiten, Spielzeug und Futterrätsel können das zwar mildern, aber nicht verhindern. Ein Stück rohes Fleisch, das auf einem Stahlseil mit Karacho durch das Geparden-Gehege schießt, kann eine Jagd in freier Wildbahn nicht ersetzen. Genauso wenig, wie Seile und künstliche Podeste für Schimpansen einen Baum ersetzen können.

Die Pro-Zoo-Fraktion wird argumentieren, dass „Gefangenschaft“ nicht der richtige Begriff sei. Denn für Zoos sollte gelten, die Haltungsbedingungen so zu schaffen, dass die Tiere ihre natürliches Verhalten ausleben können.

Einen natürlichen Lebensraum zu erschaffen, klappt vielleicht für nicht-wandernde Kleintiere. Wie sieht es aber mit Elefanten, Bisons, Springböcke, Gnus, Antilopen oder Zebras aus, die in der Wildnis teilweise hunderte Kilometer weit wandern? Tiger und Löwen haben in Zoos durchschnittlich 18.000 mal weniger Platz als in freier Wildbahn, Eisbären sogar eine Million mal weniger.

Ja, in den Zoos halten wir sie am Leben und befriedigen ihre Bedürfnisse soweit es geht. Sie verhungern nicht, werden nicht angegriffen oder gejagt. Doch „soweit es geht“, ist nicht genug. Elefanten leben in Freiheit bis zu dreimal länger als in Zoos – und das, obwohl sie dort ein gefahrloses Leben führen. Wildtiere haben große Ansprüche an ihre Umwelt, die kein Zoo voll erfüllen kann. Wir können nur bedingt künstliche Klimazonen erschaffen, Auslauf geben oder familiäre Bindungen erzeugen. Freiheit lässt sich nun mal nicht nachahmen.

Pädagogischer Mehrwert

Solange die Tiere glücklich sind, können wir Menschen sie auch zu Bildungs- und Forschungszwecken nutzen, richtig? Vor allem Kinder können ihr Verhalten beobachten und über die Natur lernen. Die Wahrheit ist: Niemand weiß wirklich, ob und wann Tiere glücklich sind.

Zoos vermitteln oft ein falsches Bild von Tieren. Sie werden für uns Menschen herausgeputzt und zur Besichtigung ausgestellt. Kinder sehen, wie der Mensch frei über sie verfügt, was offensichtlich auch okay erscheint. Sie sehen Tiere, die ihrer natürlichen Umgebung entrissen und in eine künstliche gesteckt wurden, sie nehmen an mehr oder weniger pompösen Fütterungsshows teil und beklatschen Tiere, die sich für ihren Hunger lächerlich machen. Ein großer pädagogischer Nutzen ist von diesen Tieren nicht zu ziehen.

© steffstarr / photocase.de
© steffstarr / photocase.de

Highlights sind immer Tierbabys. Besucher*innen lassen sich von ihnen anlocken, wie die Fliegen von Kuhmist. (Stichwort: Knut. Der wohl einzige Eisbär mit einem eigenen Wikipedia-Eintrag.) Sind die Tiere ausgewachsen, werden sie uninteressant und das teure Zuchtspiel, der teure Einkauf, die erzwungene Paarung geht weiter. Tierbabys bringen Geld in die Zookassen, und zu Geld hat noch selten jemand nein gesagt.

Tatsächlich belegt eine Studie aus dem Jahr 2014, dass 66 Prozent der befragten Kinder nichts von ihrem Zoobesuch gelernt haben. Einige wussten hinterher sogar noch weniger als vorher. In Anbetracht der vielen Verhaltensstörungen und des verbreiteten repetitiven Verhaltens der Tiere, das spätestens an der nächsten Gitter-, Beton- oder Glaswand endet, ist das Ergebnis der Studie nicht überraschend.

Auch deutsche Zoos klären das Publikum nicht angemessen über den Schutz der Artenvielfalt auf. Laut des EU Zoo Reports entielten 20 Prozent aller Tierhaltungen der getesteten Zoos keine Informationen für die Öffentlichkeit, durchschnittlich hatten 30 Prozent der Hinweistafeln falsche oder ungenügende Informationen, und 79 Prozent der Hinweistafeln gaben keine Informationen über den Artenschutz an.

Zoos abschaffen

Es stimmt, dass Zoos teilweise erfolgreiche Auswildungen verzeichnen können. Doch damit diese ins Gewicht fallen, müssten wir auch aufhören, die Tiere der Natur wegzunehmen: 70 Prozent aller Elefanten in Europa wurden aus der Wildnis entnommen – das hat keinen Wert für den Artenschutz. Oder wie es Greenpeace ausdrückt: „Diese Arroganz gegenüber den Kreaturen ist nicht länger publikumswirksam.“

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Geht es nach PeTA müsse die Haltung von Tieren in Gefangenschaft mittelfristig aufhören. Bis es soweit ist, kann sich die Tierrechtsorganisation aber vorstellen, sie als Auffangstationen für Tiere aus tierquälerischer Haltung zu nutzen. Zum Beispiel für Tiere aus Zirkusbetrieben oder Privathaushalten. Laut der Tierrechtsorganisation müssten allein in Deutschland ungefähr 50 Elefanten und 200 Raubkatzen gerettet werden.

Der klassische Zoo als Entertainmentprogramm für den Menschen sollte schon längst der Vergangenheit angehören. Artenschutz kann auch an anderer Stelle passieren. Nämlich nicht vor den Augen der gaffenden Menschen, die Geldmünzen in die Gehege werfen, weil es angeblich Glück bringt. Die den Tieren mit ihren Handys in die Augen blitzen oder mit ihren Fäusten gegen die Glaswände trommeln, um ihre Aufmerksamkeit zu kriegen. Die öffentliche Schautierhaltung zerstört unser Verhältnis zur Natur und ihren Lebewesen. Sie bringt es uns nicht näher, sondern entfremdet.