Tinder gone wild

Wofür ist Tinder da?

Screenshot von Tinder auf Twitter

Nicht umsonst ist das Tinder-Logo eine Flamme: Für die Dating-App arbeiten ein paar erhitzte Gemüter. Screenshot von Tinder auf Twitter

Für schnellen Sex.

Wer das glaubt, fand seine Meinung kürzlich von einem Artikel im US-Magazins „Vanity Fair“ bestätigt. Darin erklärte Nancy Jo Sales, die App beschwöre das Ende des Datings herauf. Die User würden einander nicht kennenlernen, sondern sich bloß gegenseitig abschleppen, ausziehen und flachlegen. „Boom-boom-boom, swipe“: Auf diese Weise ließe Tinder eine neue Hookup-Kultur entstehen. Ein paar Protagonisten – New Yorker Aufreißer mit wenig Zeit, aber viel Geld – bestätigten Sales Theorie.

Was für ein Rant gegen die Lieblings-App vieler Singles! Die Story wurde geliked und geteilt, Sales befeuerte den Artikel selbst immer wieder über ihren Twitter-Account. Als sie den Hinweis auf eine Studie brachte, laut der 40 Prozent der Tinder-User verheiratet sein sollen, schaltete sich überraschend ein neuer Gesprächspartner in die Diskussion ein: Tinder selbst. Und, oh Mann, wer auch immer die Tweets absetzte, war ordentlich auf Krawall gebürstet. Nicht ohne Grund zeigt das App-Logo eine Flamme: In dem US-Konzern sitzen erhitzte Gemüter hinter den Schreibtischen.

Zunächst wütete das Social-Media-Team von Tinder gegen die Studie. Die sei nicht korrekt.

Nancy Jo Sales bedankte sich noch mehr oder weniger ernst für die Info.

Doch damit war die Sache nicht beendet. Noch lange nicht. Die Tinder-Twitterer kamen erst so richtig in Fahrt – oder besser: in Rage! 30 Tweets schossen sie binnen weniger Minuten raus. Und schon der erste Tweet machte deutlich: Das. Wird. Ernst.

Und wir dachten immer, Sex sei erst 2013 von Miley Cyrus erfunden worden, als sie den „Wrecking Ball“ ritt. Na, weiter im Text: Gleich zu Beginn zweifelte das Team die journalistische Arbeit von Nancy Jo Sales an.

Besonders die Tatsache, dass Sales am Verhalten nur weniger Protagonisten einen Trend ablas, ging dem Team gehörig auf die Nerven.

Viel glaubwürdiger ist da natürlich das Tinder-Social-Media-Team, klar.

An dieser Stelle ist alles gesagt, könnte man meinen. Das Tinder-Team allerdings war gerade erst in Fahrt gekommen. Rasch legte es großspuriges Werbeblabla nach …

… und betonte noch einmal lang und breit, dass der Nutzen der App nicht unbedingt der sein müsse, die große Liebe zu finden.

Und unsere Daten wundern sich, dass Daten etwas von „bedeutungsvollen Verbindungen“ verstehen.

„Shit ton of marriages“, soso. Fehlte eigentlich nur noch die gedrückte Caps-Lock-Taste zum Totalausraster. Aber dafür blieb vermutlich keine Zeit: Fix listete das Team die gesellschaftliche Relevanz der App in Staaten außerhalb der USA auf. Zum Beispiel in Pakistan …

… und – oh ja, ihr lest richtig – China und Nordkorea.

Zahlen? Fakten? Passten offenbar nicht in 140 Zeichen. Gibt es offenbar auch nicht, wie „South China Morning“ berichtet. Außerdem musste ja auch gleich der nächste Tweet-Angriff gezündet werden:

Caps-Lock, endlich! Leider ein enttäuschender Einsatz. Vielleicht hätten an dieser Stelle ein paar Ausrufezeichen gut getan. Vielleicht kann Til Schweiger ja ein bisschen Nachhilfe geben.

Zum krönenden Abschluss wurde es noch mal persönlich:

Wir hoffen mal nicht, dass Tinder-Nutzer wirklich so sind, wie sie sich dort darstellen.

Bumm.

Ladys und Gentlemen, Sie lasen die wohl ausführlichste Standpauke, die jemals auf Twitter gehalten wurde. Wie kontert man soetwas? Nancy Jo Sales nahm den Ausraster gelassen hin:

Wissen wir auch nicht. Vermutlich: Nein.

Inzwischen gibt’s auch eine Pressemitteilung zu dem Twitter-Ausraster von Tinder:

„Wir haben ein leidenschaftliches Team, das wirklich an Tinder glaubt“, zitiert die amerikanische „Wired“ den Pressetext. „Als wir einen kürzlich einen „Vanity Fair“-Artikel über die heutige Dating-Kultur lasen, waren wir traurig zu lesen, dass der Artikel die täglichen positiven Erfahrungen der Mehrheit unserer Nutzer nicht aufgegriffen hat. Unsere Absicht war es, die vielen Statistiken und fantastischen Geschichten hervorzuheben, die manchmal vergessen werden, und dabei haben wir es übertrieben.“