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Trans* Menschen sind mehr als: „Hast du noch/schon deinen Penis?“

In Deutschland dürfen homosexuelle Menschen jetzt heiraten. Alles super, könnte man meinen. Wenn es um die Anerkennung transidenter Menschen geht, tun wir uns allerdings unverhältnismäßig schwer. Ein Kommentar

Autorin Nyke Slawik vermisst Vorbilder für transidente Personen in den Medien. © Giacomo Zucca im Auftrag für Grüne Jugend/NRW

Seit Jahren suche ich vergeblich im deutschen Raum nach erfolgreichen trans* Personen. Ich bin selbst transident. Klar, das Interesse an trans*-Themen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Für mich persönlich war das ein großer Ansporn, mich stärker politisch zu engagieren. Allerdings fehlt es noch immer an prominenten Fürsprecher*innen in der deutschen Öffentlichkeit. Transidente Prominente, mit denen ich aufgewachsen bin, wie Kim Petras (machte Schlagzeilen, weil sie sich bereits mit 16 einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog), Balian Buschbaum (Ex-Olympia-Sportler) oder Lorielle London (DSDS, Dschungelcamp), erlangten in diversen Trash-Medien kurzlebige Bekanntheit durch ihre Lebensgeschichte. Nicht für das, was sie zu sagen hatten. Auch von Ex-Schlagerdiva Romy Haag hört man heute nur noch wenig, weil in den deutschen Medien Frauen über 50 kaum einen Platz haben.

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Immerhin schaffte es vor zwei Jahren Pari Roehi als erste trans* Kandidatin in Heidi Klums Model-Show – nur um in der dritten Runde gleich wieder rauszufliegen. Mit Giuliana und Melina sind in der letzten Staffel gleich zwei trans* Frauen in der Show dabei. Auch hier geht es in der Inszenierung scheinbar wieder nur um Operationen und Kindheitserlebnisse. Wenn ich Titel wie Giuliana und Melina wurden als Jungen geboren lese, möchte ich schreien.

Wir sind mehr als eine Coming-out-Story

Das Problem ist: Das Interesse an trans* Personen ist geprägt von Sensationslust und einer Reduzierung auf Körperlichkeiten. Es flaut ab, sobald die Coming-out-Story der Akteur*innen verbraucht wurde. Die Wortlaute der Berichte sind zudem immer gleich und strotzen von Formulierungen, die Betroffene selbst als diskriminierend ablehnen. Egal wie oft erklärt wird, dass Geschlechtsumwandlung (richtig: Geschlechtsangleichung) unzutreffend ist, weil Menschen nicht wie durch eine Operation plötzlich zu Männern oder Frauen werden und sich nicht allein über Genitalien definieren, findet sich der Begriff dennoch in einer Vielzahl von Artikeln. Auch bei mir kam in Gesprächen mit Journalist*innen das Thema Operationen wiederholt auf den Tisch, dabei sollte es doch niemanden etwas angehen. Ich frage doch auch nicht ständig Menschen mit verschwörerischem Blick, was sie in ihrer Hose haben.

Vielleicht wäre es an der Zeit, trans* Persönlichkeiten auch einmal Raum einzuräumen, weil sie eine fundamental andere Sicht auf die Welt mitbringen, die sich zwar in ihrer Biografie begründet, aber über sie hinausgeht? Gerade trans* Kinder und Jugendliche, die viel Mobbing und Diskriminierung erfahren müssen, haben starke Vorbilder in den Medien verdient. Ich bin es leid von den Medien vermittelt zu bekommen, dass für trans* Frauen nicht mehr Erfolg drin ist als ein bis zwei Jahre Reality-TV.

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Ein Blick in andere Länder lohnt sich

Obwohl es für LGBTQ-Rechte in den USA seit dem Amtsantritt von Donald Trump nicht sonderlich rosig aussieht, konnte die neue Welle der trans* Bewegung den US-amerikanischen Mainstream erobern und ihr Erfolg ist auch 2017 noch immer ungebrochen.

Insbesondere Transfrauen mischen in den USA die Karten des Medien- und Modebetriebes neu, sind dabei besonders erfolgreich und können mit gesellschaftspolitischen Debattenbeiträgen glänzen. Alexandra Billings und Laverne Cox haben in Amazons Transparent und Netflix‘ Orange is the New Black feste Rollen in zwei sehr erfolgreichen Serien der letzten Jahre, Janet Mock ist eine erfolgreiche Journalistin mit eigener TV-Show, It-Girl Hari Nef erobert die New Yorker Modewelt und Jen Richards Web-Miniserie Her Story über die Dating-Erfahrungen von Transfrauen war 2016 für die Emmy-Awards nominiert. Das schönste an dieser Aufzählung ist, dass sie nicht erschöpfend ist.

In England wächst man jetzt gay auf

Das ist kein rein US-amerikanisches Phänomen. Auch in Großbritannien gibt es Hoffnungsschimmer. Die Insel, bei der viele nur noch an den Brexit und eine nicht enden wollende Regierungszeit von Theresa Mays Konservativen denken mögen, wird seit einigen Jahren aufgemischt von der jungen trans* Aktivistin Paris Lees. Für BBC Radio 1 produzierte sie 2013 die Dokumentation The Hate Debate, die sich mit Homo- und Transphobie, Rassismus und Islamophobie auseinandersetzte und Lees zur ersten trans* Frau überhaupt machte, die eine Show der BBC moderierte. 2017 war sie in Olly Alexanders (Frontsänger Years & Years) TV-Doku Growing Up Gay zu sehen.

Und Deutschland?

Ich hoffe, dass wir hier einfach nur etwas langsamer sind als anderswo. Denn leider scheinen viele trans* Personen mit ihren Anliegen hierzulande gegen verschlossene Türen zu rennen. Vielleicht ändert sich ja bald mal was? In Zeiten des gesellschaftlichen Rollbacks und des erstarkenden Rechtspopulismus, der massiv gegen gesellschaftliche Minderheiten hetzt, wäre das ein wichtiges Zeichen. Ich wünsche mir, dass mehr Medienmachende den Mumm haben, neue Wege einzuschlagen und trans* Personen in Zukunft mehr als eine Coming-out-Story zugestehen.

Offenlegung: Die Autorin ist Mitglied der Grünen Jugend Nordrhein-Westfalen.

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