Folter in Tschetschenien: Homosexuelle Geflüchtete geben Opfern eine Stimme

Die Berichte von Tschetschenen, die aufgrund ihrer Sexualität entführt und gefoltert wurden, häufen sich. In einem Video geben queere Russen ihnen eine Stimme.

In die USA geflüchtete Russen geben den gefolterten Tschetschenen eine Stimme. Screenshot: Human Rights First/YouTube

Seit Anfang April läuft in Tschetschenien eine sogenannte vorsorgliche Säuberungsaktion, bei der die Regierung angeblich Hunderte mutmaßlicher Homosexueller verhaften und verschwinden ließ. An geheimen Orten würden sie gefoltert werden, mindestens drei Männer seien umgekommen. Das berichtete erstmals die russische, regierungskritische Onlinezeitung Nowaya Gaseta, die sich auf Quellen im tschetschenischen Außenministerium, die Regierung, die örtlichen Geheimdienste, die Staatsanwaltschaft sowie auf LGBT-Aktivist*innen berief (ze.tt berichtete). Die tschetschenische Regierung dementiert bis heute, dass es diese Aktion gebe. Sie sei ja auch gar nicht nötig, denn im Land würde es keine Homosexuellen geben.

[Außerdem auf ze.tt: In Tschetschenien lässt die Regierung gerade hunderte Homosexuelle verschwinden]

Nun meldete sich der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow abermals mit einem radikalen Versprechen zu Wort. Er habe geschworen, bis zum Beginn des Ramadans am 26. Mai alle Homosexuellen des muslimisch geprägten Landes zu beseitigen. Laut der LBGT-Newsseite PinkNews habe Sir Alan Duncan, Großbritanniens stellvertretender Außenminister, aus geheimen Quellen von dieser Ankündigung erfahren und warnte sogleich in einer Rede im britischen Parlament vor der Bedrohung: „Er [Kadyrov] hat bereits in der Vergangenheit gewalttätige Kampagnen durchgeführt, und jetzt richtet er sich gegen die LGBT-Community. Meine Quellen erzählten mir, dass er die Community bis zum Beginn des Ramadans eliminieren möchte.“ Duncan sagt weiter: „Menschenrechtsorganisationen berichteten, dass diese Kampagne gegen Homosexuelle von der Spitze der tschetschenischen Republik, Ramzan Kadyrov, inszeniert wird.“

Betroffene melden sich in einem Video

Während tschetschenische wie auch russische Führungskräfte jegliche Gewalttaten auf Basis sexueller Zugehörigkeiten abstreiten, häufen sich die Meldungen von Betroffenen. In einem neuen Video sind schwule russische Männer zu sehen, die Asyl in den USA suchten. Sie lesen die persönlichen Gewalt- und Foltererfahrungen von Überlebenden in Tschetschenien vor.

Das Video mit dem Titel #EyesOnChechnya wurde von der Interessenvertretung Human Rights First in Kooperation mit der Russian-Speaking American LGBT Association produziert und soll die Öffentlichkeit auf die schrecklichen Ereignisse in Tschetschenien aufmerksam machen.

„Sie haben mich nackt ausgezogen, mit dem Handy gefilmt, zusammengeschlagen und mir den Kiefer gebrochen“, erzählt ein Russe im Namen eines Überlebenden in dem Video. Ein anderer erzählt von Stromschlägen, die er so lange aushalten musste, bis er schließlich das Bewusstsein verlor. Ein Dritter erzählt davon, wie ein Tschetschene seine eigene Familie verriet: „Es war quasi eine Einladung zur Folter“.

Donald Trumps UN-Botschafterin Nikki Haley sei von diesen Behauptungen verstört. „Wenn das stimmt, können wir diese Menschenrechtsverletzungen nicht ignorieren. Tschetschenische Behörden müssen diesen Behauptungen sofort nachgehen und Involvierte zur Verantwortung ziehen.“ Man müsse Schritte unternehmen, um zukünftige Misshandlungen zu verhindern, sagte Haley. Putins Pressesprecher Dmitry Peskov hält dagegen: Es wären keine Beweise gefunden worden, die diese Behauptungen unterstützten.