Kapstadt: die perfekte Stadt für einen Neuanfang

Die Zelte in Deutschland abbrechen, und dann? Ab nach Kapstadt. 3.100 Sonnenstunden im Jahr inklusive.

© Anna Karolina Stock

Camps Bay. © Anna Karolina Stock

Neulich habe ich erfahren, dass ein Bekannter drauf und dran ist, seine Zelte in Deutschland abzubrechen, um sie in Kapstadt wieder aufzubauen. Mir schoss zunächst „Was, der auch noch?!“ durch den Kopf, direkt gefolgt von einem Hauch von Neid.

Denn auch ich habe bereits ein paar Monate in dieser wunderbaren Stadt „am Kap der guten Hoffnung“ verbracht und ihren Zauber erlebt.

Alle Bilder: © Anna Karolina Stock

Im Gegensatz zu den Kapstadt-Begeisterten in meinem Bekanntenkreis, kam mir bis jetzt aber noch nicht in den Sinn, dorthin auszuwandern. Denn neben ihrem Zauber darf man auch die Kehrseite der Medaille nicht vergessen. Und die kann, allein wenn man an deutsche Standards wie fließend warmes Wasser und Strom gewöhnt ist, durchaus eine Herausforderung sein.

Die frohe Botschaft meines Bekannten Stefan Lorenz – Weinliebhaber und Selfmade-Man – ließ mich in den darauffolgenden Tagen nicht mehr los. Ein sehr mutiger Schritt, wie ich finde, wenn man seine Heimat hinter sich lässt und auf einen Kontinent auswandert, auf dem die Uhren in einem anderen Rhythmus ticken als bei uns.

Ob das auch etwas für mich wäre? „Anna goes Africa“, eine Story wie für Vox gemacht – und eine fixe Idee, über die ich lediglich lachen kann. Denn neben Stefans Auswanderlust und seinem Durst nach neuen Abenteuern bin ich wohl die langweilige deutsche Spießbürgerin, die froh ist, dass immer Strom aus der Steckdose kommt. Selbst wenn es mittlerweile sogenannte „Loadshedding-Apps“ gibt, die über Uhrzeit, Dauer und Stadtbezirk des Stromausfalls per Push-Nachricht informieren, habe ich während meines Kapstadt-Aufenthalts die in Deutschland völlig selbstverständliche, permanente Verfügbarkeit von Strom sehr vermisst.

Mich beim Duschen und Kochen nicht nach dem staatlichen Stromversorger richten und immer wieder den Gefrierschrank enteisen zu müssen, weil mehrere Stunden alle Elektrogeräte ausgefallen sind, ist ein Luxus, den ich nur schweren Herzens für immer aufgeben würde.

Aber selbst als spießbürgerliche Warmduscherin kann ich nicht leugnen, dass Kapstadt neben seinem alltäglichen Chaos, der Kriminalität und der immer noch in vielen Lebensbereichen fortwährenden Unterscheidung von Schwarzen und Weißen das gewisse Etwas zu bieten hat, was diese negativen Punkte in den Schatten stellt und meinen Bekannten voller Euphorie zum Auswandern veranlasst.

Um dem Kapstadt-Phänomen genauer auf den Grund zu gehen, starte ich also eine Umfrage in meinem Bekanntenkreis und stelle dieser bunt gemischten Truppe mit den unterschiedlichsten Hintergründen und Motivationen, von bereits vor Jahren ausgewanderten bis aktuell im Aufbruch befindlichen Wahl-Kapstädtern, meine Fragen. Die Antworten sind teils ganz banal, doch machen sie Kapstadt in ihrer Gesamtschau zu einem äußerst attraktiven Ziel für deutschlandverdrossene Abenteurer.

Beinahe so viele Sonnenstunden wie Los Angeles

„Wer den Sommer liebt, wird Kapstadt lieben.“, versichert mir mein guter Freund Peter Spindler. „Wo sonst findet man sommerliche Temperaturen von durchschnittlich 25°C und das fast neun Monate am Stück?“ Mit einer jährlichen Sonnenscheindauer von durchschnittlich 3.100 Stunden konkurriert Kapstadt mit Städten wie Los Angeles (3.300 Sonnenstunden) und stellt europäische Sonnenstädte wie Madrid und Athen (2.900 Sonnenstunden) wortwörtlich in den Schatten. Selbst in den Wintermonaten Juni, Juli und August klettert das Thermometer auf bis zu 18°C und lässt somit sogar den ein oder anderen deutschen Sommertag recht kalt aussehen.

Camps Bay.

Liebe geht durch den Magen

Kapstadt steht für kulinarischen Hochgenuss – nicht nur in meinem Bekanntenkreis, selbst internationale Gourmets und Sterneköche sind längst in Kapstadts Restaurants und Küchen zu Hause. Nicht umsonst wurde die Mother City in diesem Jahr auf den ersten Platz der weltweit bekannten Condé Nast Traveler-Liste aller Feinschmeckerstädte gewählt und macht damit gegen Foodmetropolen wie Hongkong, Sydney und Tel Aviv das Rennen. Wer in den hochgelobten Restaurants Test Kitchen oder Pot Luck Club dinieren möchte, kann sich schon mal auf die Wartelisten setzen lassen.

Die Auszeichnung zur Gourmetstadt hat Kapstadt in der Tat verdient, denn auch ich habe selten ein so vielseitiges und für unsere deutschen Verhältnisse sehr erschwingliches Angebot gesehen. Den besten Fisch gibt es bei The Codfather in Camps Bay: Hummer, Blauer Marlin, Riesengarnelen oder was das Herz des hungrigen Fischliebhabers sonst noch begehrt, kommt von der restauranteigenen Frischetheke direkt auf den heißen Grill und dann mit diversen Beilagen auf den Tisch. Noch eine Flasche Wein dazu und das Schlemmen kann beginnen – ohne dafür tief ins Portemonnaie greifen zu müssen.

The Codfather.

Dass Street Food Märkte mittlerweile auch in Deutschland an jeder Ecke wie Pilze aus dem Boden schießen, scheint eine Hipster-Welle zu sein, die möglicherweise in Kapstadt ihren Ursprung hat. Denn dort gibt es nicht nur einen wöchentlich stattfindenden Food Markt. Als Hipster mit Jutebeutel und Birkenstockschlappen sollte man diese natürlich mindestens einmal besucht haben: Old Biscuit Mill Neighbourgoods Market, Earth Fair Food Market auf der St. Georges Mall, Bay Harbour Market in Hout Bay. Der mit Abstand beste ist der Oranjezicht City Farm Market.

Fazit: Allein des Essens wegen nach Kapstadt auszuwandern, könnte vielleicht für absolute Feinschmecker eine Option sein, für alle anderen sollte aber zumindest ein Urlaub auf dem Reise- und Speiseplan stehen.

Take it easy

Nicht nur Australier sind für ihre „Hang Loose“-Mentalität bekannt, auch Südafrikaner wissen, wie man den Tag gelassen verbringt. Ein offener und lockerer Umgang miteinander wird in Kapstadt groß geschrieben und das Leben nicht so ernst genommen. „Das finde ich sehr einladend. Und die Deutschen könnten sich von dieser Easy-Going-Einstellung durchaus eine Scheibe abschneiden.“, findet Sebastian Peiffer, deutscher Doktorand an der University of Stellenbosch, der seine Freizeit am liebsten auf dem Surfbrett verbringt.

Gelassenheit.

„Manchmal nervt die südafrikanische Relaxtheit allerdings auch. Insbesondere wenn es um Termine geht oder Reparaturarbeiten. Man sollte viel Zeit und vor allem Geduld mitbringen, denn alles dauert ein bisschen länger.“ Müsste er nochmals zwischen seinem etwas chaotischem, aber ungezwungenen Leben in Südafrika und dem mit Rigorosität und Regelwut gespickten deutschen Lebensstil wählen, würde Sebastian jederzeit wieder ans Kap auswandern. Er ist froh, endlich keinem Standard mehr entsprechen zu müssen und sein Leben so leben zu können, wie er es will und nicht, wie es die anderen von ihm erwarten. Diesen Luxus hat er bis jetzt nur in Südafrika finden können.

Lächeln ist nicht verboten

Frei nach dem Motto „Froh zu sein bedarf es wenig“ sind Lebensfreude und positive Energie für Kapstädter selbstverständlich. Afrika-Korrespondent Christian Putsch musste sich nach sechs Jahren Berlin zunächst an die Freundlichkeit der Menschen gewöhnen: „In Kapstadt scheint mir der Anteil der lebensbejahenden Menschen überproportional hoch zu sein. Es hellt den Alltag ungemein auf, dass die Leute oft lächeln. Einfach so. Und immer wieder.“

Wohnst du noch oder lebst du schon?

Anstatt nur zu arbeiten, um unsere monatlichen Fixkosten mit Mühe und Not zu decken, sollten wir arbeiten, um unser Leben zu genießen. „In Kapstadt kann ich mir einen Lifestyle leisten, den ich in Deutschland so nicht finanzieren könnte. Wellness, Outdoor-Aktivitäten wie Paragliding, Gourmetküche und Personal Training – alles was in Deutschland als kostspieliger Luxus gilt, ist hier machbar“, erzählt mir meine Kollegin Hanni Heinrich, Chefredakteurin bei Kapstadtmagazin.de. „Dinge, wie die Inneneinrichtung deiner Wohnung sind hier total egal, weil man sowieso die meiste Zeit draußen verbringt“.

Muizenberg.

Ihre Aussage macht mich stutzig. Sind wir wirklich so „schlimm“? Nicht selten sind deutsche Häuser vom Keller bis zum Dachboden perfekt dekoriert und in jedem Detail aufeinander abgestimmt. Das Erscheinungsbild unserer vier Wände liegt uns sehr am Herzen. Allerdings ist diese Einstellung recht naheliegend, wenn man bedenkt, dass wir außerhalb der Arbeit die meiste Zeit dort verbringen.

„Mir ist erst in Kapstadt klar geworden, wie oft ich mich in Deutschland drinnen aufgehalten habe, anstatt aktiv draußen zu sein, sei es wegen des Wetters oder weil ich mit meinem Monatsbudget haushalten musste. Zu Hause bleibe ich hier maximal, wenn ich krank im Bett liege. Ansonsten nutze ich jeden Moment, um mein Leben zu genießen.“ In Kapstadt wird die Work-Life-Balance nicht diskutiert, sondern gelebt. Gerade die hohe Lebensqualität macht es so schwer, die Stadt jemals wieder zu verlassen.

Stadt, Land, Meer

Kapstadt ist wie eine Wundertüte, für jeden ist etwas dabei. „Berge, Strand, Meer, City, alles da. Kapstadt hat mit einer Bevölkerung von knapp einer Million Einwohner die perfekte Größe. Wer das Großstadtleben liebt, wird nicht enttäuscht, gleichzeitig behält man den Überblick. Genau richtig eben“, findet Fitnessmodel Sandra Lohmüller. Auch Christian Putsch ist begeistert, dass er sich nach der Arbeit mit Freunden am Strand zum Beachvolleyball spielen treffen kann: „So sind die Akkus im Handumdrehen wieder aufgeladen.“ Sein ganz besonderes Highlight ist jedoch der fantastische Panoramablick, den man bei Sonnenuntergang auf dem Chapman’s Peak Drive Richtung Hout Bay hat.

Chapmans Peak Drive.

Für eine Safari und die Big Five muss man ebenfalls nicht weit fahren. Besonders Surfer haben die Qual der Wahl und müssen entscheiden, in welcher Bucht sie ihr Brett als erstes zu Wasser lassen. Neben den zahlreichen Surfspots auf der Kap-Halbinsel (Llandudno, Muizenberg, Long Beach, Scarborough Beach, Big Bay, Dungeons) schlagen die Surferherzen vor allem in Jeffreys Bay höher, dem afrikanischen Mekka der Profi-Wellenreiter, wo die weltweit längste Rechtswelle Surfer aus aller Herren Länder an ihre Grenzen treibt.

Kultur pur

Kulturell ist Kapstadt nicht nur wegen seines geschichtlichen Hintergrundes hochinteressant. Schwarze, Weiße, Coloureds, Asiaten, Christen, Muslime, Juden, Hindus – gemeinsam machen sie Kapstadt zum Melting Pot und lassen die Kunstszene erstrahlen: Street Art, Fotografie und Malerei. Um der breiten Masse den Zugang zu Kunst und Kultur zu erleichtern, findet jeden ersten Donnerstag im Monat der „First Thursday“ statt, an dem viele Galerien bis in die Nacht geöffnet haben.

Skulptur.

Auch Musiker von Weltrang sehen in Kapstadt einen „Place to be“. Festivals wie Rocking the Daisies und die Sommerkonzerte im Kirstenbosch Botanical Garden locken international renommierte Musiker an. So stand ich eines Sonntagabends sogar schon vor Robin Schulz im Shimmy Beach Club, ohne es im Voraus gewusst zu haben.

Noch deutscher ist es wirklich nur in Deutschland

Als Sahnehäubchen für die Heimatverbundenen unter uns hält Kapstadt sogar deutsche Kultur und heimische Kost bereit. Bei Heimweh warten demnach deutsches Bier, hausgemachter Leberkäs oder Maultaschen als Trostpflaster gleich um die Ecke. Könnte es besser sein?

Die deutsche Community ist durch die vielen Auswanderer mittlerweile stark gewachsen. Der Stadtteil Tamboerskloof wird scherzhaft sogar „Sauerkraut-Viertel“ genannt. Dort befindet sich unter anderem die deutsche Bäckerei „Dinkel“ und die deutsche Schule. Wer Lust auf Frikadellen hat, muss in die Fleischerei „Raith“ im Gardens Center. Deutsche Literatur gibt es in der Buchhandlung Naumann. Noch deutscher ist es wirklich nur in Deutschland. Wem das Angebot nicht umfangreich genug ist, sollte wohl lieber dort bleiben.

Mein Fazit

Überwältigt von der Begeisterung meiner Gesprächspartner wäre ich nach der Umfrage am liebsten sofort in einen Flieger Richtung Süden gestiegen – die negativen Aspekte sind natürlich wie weggewischt. Davon abgesehen bietet Kapstadt in der Tat ein Gesamtpakt, das ich bis jetzt in keiner anderen Stadt entdeckt habe. Kein Wunder also, dass es meine Bekannten nach und nach in die Mother City zieht.

Vielleicht sollte auch ich meine Vorliebe für durchgehend heiße Duschen überdenken, einfach keinen Gefrierschrank besitzen und die Regenbogennation zu meiner neuen Heimat küren. Denn zumindest für weiße Europäer scheint es das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein. Die Inspiration und Wirkung, die das amerikanische „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ mal hatte, finden wir nun in Südafrikas unangefochtener Hauptstadt der Herzen wieder. Grund genug, die Koffer zu packen und sich mutig auf ein Auswanderabenteuer einzulassen – oder nicht?