Über das beschissenste Gefühl der Welt: Diese verdammte Einsamkeit

Wie kann es sein, dass wir uns selbst im Kreis unserer Liebsten einsam fühlen können? Es hat mit dem Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein zu tun. 

Es schmerzt. Pexels I CC0-Lizenz

Manchmal kommt es ganz plötzlich. Und es kann überall passieren. Gar nicht selten sogar, wenn man gerade inmitten einer Masse von Menschen steht. In einem vertrauten Wohnzimmer vielleicht, in dem sich alle zuprosten, man selbst aber zum kompletten Fremdkörper geworden ist, zur*m Fremden unter Freund*innen. Worauf stoßen wir überhaupt an?

Oder während man im Sommer die belebte Straße entlangläuft und weiß, dass man sich an keinen der Tische dazusetzen wird, dass da niemand ist, der jetzt diese Lücke im Herzen füllen kann. Vielleicht aber schiebt man auch gerade sein Kind durch den Park und niemand kann sehen, dass innen drin gerade alles verkümmert, während vor einem das Leben, das pure Glück im Wagen liegt.

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Das ist der Moment, in dem sie auf einmal hochkriecht, die Einsamkeit. Sie kriecht, bis sie den Hals erreicht hat, der sich langsam zuschnürt, während sie sich wie eine kalte Decke über den Rücken legt. Zum Tarnmantel wird, der noch mehr von der Welt da draußen abschirmt, von der man doch gerade noch Teil war.

Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein

Alleinsein ist eine ziemlich feine Sache. Diese Zeit, die man endlich mal nur mit sich und zwar nur mit sich verbringt. Einsamkeit ist aber etwas vollkommen anderes. Einsamkeit ist brutal und eine Festung mit dicken Mauern, aus der es sich nur schlecht wieder rauskommen lässt. Wie soll man auch irgendwo rauskommen, wenn es mitten in einem steckt?

Einsamkeit ist selten mit dem Außen zu erklären, sie entsteht ganz tief drinnen, klopft manchmal vielleicht nur leise an, während sie ein anderes Mal die Tür eintritt. Und ganz plötzlich ist da dieser sehr reale Bruch mit dem, was eben noch das Leben war, das sich gut anfühlte. Oder zumindest okay. In dem man Teil von etwas war und nicht von außen zuschauen musste. Einsamkeit, dieses verdammte Biest, kratzt so lange am Herz, bis die Furchen so tief sind, dass sie nur ganz schwer wieder weggehen. Furchen, die die Angst davor reinlassen, dass es jetzt immer so sein wird.

Woher die Einsamkeit kommt

Manche von uns überfällt diese Art der Einsamkeit nie, manche ein paarmal im Jahr für ein paar Minuten und manche, die schlagen sich damit Wochen, Monate oder Jahre rum. Wer einmal den Zeh in den Eissee dieser Emotion gehalten hat, weiß, wie verdammt kalt es einem selbst in der Mitte einer herzlichen Gesellschaft werden kann. Mehr als jede*r zehnte Deutsche weiß das sogar, wie eine aktuelle Studie ergeben hat – zwölf Prozent, die sich häufig oder sogar ständig einsam fühlen.

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Und das aus ganz simplen Gründen, die wahrscheinlich jedem*r von uns früher oder später begegnen werden und die viele aus dem Freundeskreis kennen. Es sind veränderte Lebenssituationen, wie ein Job, der einen auffrisst oder Geld, das nicht mehr da ist. Eine Krankheit, die das Leben verändert, ein Kind, das auf einmal die ganze Aufmerksamkeit fordert, eine neue Stadt, die noch nicht zur Heimat geworden ist. Oder das schlichte Gefühl, einfach nicht genug zu sein.

Fragt man sich doch, wie man es zulassen kann, dass unsere Jobs zu Einsamkeit führen oder wir uns von anderen zu jemandem machen lassen, der es aus eigener Sicht nicht mal verdient hat, in Gesellschaft zu sein? Dass wir nicht verlässliche Hilfe anbieten, wenn Freundinnen Mütter werden oder nahestehende Menschen in Geldnot sind? Weil wir nicht die Heilsarmee sind? Weil wir selbst viel zu viel zu tun haben, um jetzt auf jede*n um uns herum aufpassen zu können?

Sich Zeit für andere nehmen

Ja, genau das ist die bittere Antwort darauf, dass viele von uns hin und wieder bereitwillig wegschauen, statt auf jemanden zuzugehen, der das jetzt verdammt gut gebrauchen könnte. Das mag menschlich sein, eine Antwort auf Dauer ist es aber nicht. Ehrliches Interesse und ein bisschen Zeit für andere kann schon Berge versetzen – wieso also nicht mal wieder öfter an diesem kleinen Wunder mitwirken?

Warum sich nicht mal bewusst vornehmen, wieder wirklich Kraft in die Liebsten zu investieren und zu schauen, ob es da nicht auch einen Tarnumhang runterzureißen gibt? Einsamkeit ist wirklich das Beschissenste, das einem passieren kann. Und sie ist in der Regel lächerlich unnötig.

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Sich selbst muss man dabei übrigens gar nicht aus dem Blick verlieren – denn erstens machen wir uns damit alle ein wenig stärker, was entlastet und zweitens kann es verdammt erholsam sein, sich mal nicht die ganze Zeit ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen. Eine ziemlich gute Sache also.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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