Über den Drang, sich die Haare auszureißen – mein Leben mit Trichotillomanie

Trichotillomanie beschreibt den Drang, sich die Haare auszureißen. Wie es ist, damit zu leben, hat unsere Autorin aufgeschrieben – und auch, was ihr in diesen Momenten hilft.

Über den Kampf mit dem Drang, sich Körperhaare auszureißen. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Es begann ohne Vorwarnung

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie es eigentlich angefangen hat. Wahrscheinlich lag ich wie immer abends im Bett, dachte über den vergangenen oder kommenden Tag nach und fing einfach an, an den Haaren herumzuspielen. Woran ich mich aber noch genau erinnere, ist, wie meine Mutter eines Abends ins Zimmer kam und mich nach einer Weile entsetzt fragte, warum ich keine Wimpern mehr habe.

Außer ihr fiel es damals entweder niemandem (außer einer Friseurin) auf oder aber es traute sich niemand zu fragen. Irgendwann fing ich auch an, mir die Augenbrauen auszureißen. Ich hatte keine Schmerzen, was meine Eltern am meisten wunderte. Das Schlimmste ist, dass es etwas Entspannendes, Erlösendes hat, sobald die Haare raus sind. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob Trichotillomanie eine Form der Selbstverletzung, ein Zwang oder eine Sucht ist. Oder alles.

Neid auf andere Frauen und verletzende Kommentare

Mittlerweile habe ich mich an den Anblick meiner Augen ohne Wimpern und meistens auch ohne Augenbrauen gewöhnt, wenn ich in den Spiegel gucke. Zum Glück trage ich eine Brille, da fällt es nicht ganz so auf. Ich weiß gar nicht, seit wie vielen Jahren ich die Wimpern nun schon ausreiße, aber es wäre ungewohnt, plötzlich wieder welche zu haben. Ich weiß nicht mal mehr, wie ich mit Wimpern aussehe.

Obwohl ich die Krankheit größtenteils akzeptiert habe, bin ich manchmal neidisch auf andere Frauen und ihre langen Wimpern. Wie gerne würde ich auch mal Mascara auf meine Wimpern auftragen. Ich muss lachen, wenn ich daran denke, dass manche Frauen sich die Wimpern noch verlängern lassen. Ich wäre froh, überhaupt welche zu haben. Das Zupfen kann viele Ursachen haben, Stress, Ängste, Langeweile. Bei mir ist es alles davon. Manchmal überlege ich, was andere bei meinem Anblick von mir denken könnten. Vielleicht, dass ich Krebs habe, denn manchmal fehlen ja auch meine Augenbrauen. Da ist die Überlegung gar nicht so weit hergeholt.

[Außerdem bei ze.tt: Rasieren oder wachsen lassen? Die endlose Debatte über Achselhaare]

Eine Friseurin fragte mich einmal, als sie mir die Augenbrauen färben wollte, warum ich keine habe. „Die habe ich gezupft”, sagte ich in meiner Hilflosigkeit. „Aber die kann man doch nicht einfach so auszupfen”, sagte sie. Das war mir auch klar, ich habe das auch bestimmt nicht gemacht, weil es so viel Spaß macht. Seitdem gehe ich jedes Mal mit einer gewissen Angst zum Friseur, weil ich nie weiß, ob irgendwelche unangenehmen Fragen kommen.

Meine Versuche, mit dem Drang umzugehen

Ich bin schon einige Zeit in Therapie, aber nicht nur deswegen. Meine Psychologin empfahl mir, mich sofort abzulenken, sobald ich anfange: mir Eiswürfel auf die Augen legen, kalt duschen, Sport machen, etwas in die Hand nehmen. Am Anfang klappte es nicht – wenn ich einmal damit angefangen und auch nur eine einzige Wimper ausgerissen hatte, konnte ich nicht aufhören. Und gerade durch den Druck, dass ich mich nun mehr damit beschäftigte und es unbedingt schaffen wollte, damit aufzuhören, tat ich es noch öfter als sonst.

Ich habe alles probiert. Die Augenbrauen versuchte ich selbst zu malen oder Augenbrauenfarbe aufzutragen, was aber zu unecht aussah oder nicht auf der Haut hielt, weil noch zu viele Haare fehlten. Ich ging zu einer Kosmetikerin, um meine Augenbrauen färben zu lassen, was aber nicht klappte, weil immer noch zu wenig Haare da waren oder sie zu unregelmäßig wuchsen. Ich bestellte mir künstliche Wimpern, die jedoch auch nicht hielten. Worauf auch, wenn keine echten Wimpern als Halt da waren? 

Letztendlich benutzte ich für Profilbilder eine App, die das Gesicht automatisch auf Fotos erkennt und mir die Wimpern und Augenbrauen ins Gesicht zauberte. Besser als nichts. Unwohl fühlte ich mich trotzdem. Doch ich gab die Hoffnung trotzdem nie auf.

Ich darf gar nicht mehr erst in die Nähe meiner Augen, sagte ich mir. Dann kann der Drang auch nicht kommen.“

Aber auch das war leichter gesagt als getan. Irgendwie kommt man nämlich immer in Augennähe, entweder wenn etwas im Auge klemmt oder es dort juckt oder sonst was. Und gerade dann ist der Drang besonders groß. Ich habe gemerkt, dass es nicht nur ein psychisches Problem ist. Sobald wieder auch nur die kleinsten Wimpernansätze da waren, ließ ich meine Finger über die Wimpern gleiten und suchte automatisch nach Wimpern, die aus der Reihe fielen. Die etwas weiter oben waren als die anderen zum Beispiel. Und dann sagte eine Stimme: „Zieh nur diese eine aus, die heraussticht.” Aber natürlich blieb es selten nur bei dieser einen Wimper.

Es ist schwer und dauert, aber man kann es schaffen

In letzter Zeit habe ich es wirklich geschafft. Meine Augenbrauen sind komplett nachgewachsen. Dass mir das schon einmal gelang, ist sehr lange her. Plötzlich habe ich es geschafft, mich sofort abzulenken, sobald der Drang kam, einen Igelball in die Hand zu nehmen oder mir Handschuhe anzuziehen. Es funktionierte. Meine Psychologin gab mir Komplimente. Ich fühle mich mit meinem Gesicht so wohl wie schon lange nicht mehr. Auch die Wimpern habe ich wachsen lassen.

[Außerdem bei ze.tt: Stolz auf die eigene Körperbehaarung]

Einen kleinen Rückfall gab es nur gestern, als ich drei Wimpern auszog. Es war wieder dieses typische Nur-diese-eine-Spiel. Immer wieder hatte ich diese Wimper in letzter Zeit berührt und sie hatte mich genervt. Ein paar Mal schaffte ich es, dem Drang zu widerstehen, gestern jedoch gab ich nach.

Aber ich machte nicht wie sonst weiter mit dem Ausreißen, bis keine Wimpern mehr da waren, sondern sagte mir, dass jetzt Schluss ist. Und auch dieses Mal ging der Drang irgendwann wieder weg. Geärgert habe ich mich trotzdem, natürlich. Die Gefahr ist größer, beim nächsten Mal wieder zu reißen, je weniger Abstand zwischen den Ausreiß-Phasen ist. Und man sieht leider eine kleine Lücke. Aber ich muss trotzdem stolz auf mich sein, das weiß ich. Alleine, weil ich aufhören konnte.

Und solange ich mich darüber ärgere, weiß ich, dass es mir wichtig ist und ich es schaffen will, diese nervige Krankheit loszuwerden, egal, wie lange es dauern wird.“

Habt ihr Erfahrungen mit dem Thema? Was hat euch geholfen?


Von Theresa Gramm auf EDITION F.

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