Umziehen macht uns kreativ

Umziehen nervt, muss manchmal aber sein. Und vielleicht sollten wir öfter umziehen. Psychologen sagen: Wer umzieht, ist kreativer, engagierter, wie aufgeweckt. 

Isabell Prophet

Angekommen. Isabell Prophet

Berlin. Ich wollte auf keinen Fall jemals nach Berlin. Hipster? Würde ich in einen Zoo sperren. U-Bahn? Fühlt sich an, als würde man mich in einen Zoo sperren. Ich wollte wirklich nicht umziehen. Hamburg war wunderbar, ich hatte Freunde, eine furchtbare Wohnung in toller Lage, beruflich war alles fein und wenn ich mich nachts verlief, wusste ich wenigstens die Himmelsrichtung meiner Wohnung.

Aber gut. Der neue Job klang spannend, ich beschloss, in einem Anfall von Wahnsinn, zu gehen. Und nun bin ich da. Alles ist neu. Alle Wege, die Menschen um mich herum, die Position von Schokolade und Cornflakes im Supermarkt.

„Bis sie neue Gewohnheiten entwickeln konnten, müssen Menschen über jede einzelne Handlung nachdenken. Das macht müde und nervös.“

Ich sitze in Berlin, in einem Innenhof (sehr schön), und wenn ich nun loslaufe, dann finde ich die Spree, einen Kanal, den ich für die Spree halte oder mit etwas Glück die nächste U-Bahn-Station (sehr dreckig, noch bevor ich wirklich eingezogen war, habe ich ein Fahrrad gekauft). Ich hab eine fantastische Wohnung; ich weiß nur nicht genau, wo sie liegt und neulich Nacht bin ich statt durch die Badezimmertür gegen eine Wand gelaufen. Das tat weh, brachte mir aber die Einsicht, dass ich umdenken muss. Neu lernen. Meine Gewohnheiten funktionieren nicht mehr, schreibt Psychologe Arthur B. Markman.

Vorher: „Sie können sich morgens waschen und anziehen, ohne zu überlegen, wie sie die Temperatur unter der Dusche richtig regeln und wo sie ihre Zahnbürste finden“, ich fühle mich so wahnsinnig verstanden.

Nachher: „Bis sie neue Gewohnheiten entwickeln konnten, müssen Menschen über jede einzelne Handlung nachdenken. Das macht müde und nervös“, ja, ja, ja!

Plötzlich müssen wir unsere Gehirne benutzen; das verursacht Stress.

Ein weiterer Stressfaktor ist übrigens die Stadt selbst. Das Stadtleben beeinflusst unser Gehirn, hat Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit herausgefunden (klingt komisch, ist aber eine Landesbehörde in Baden-Würrtemberg). Testpersonen aus Dörfern, kleinen Städten und Metropolen sollten Mathematikaufgaben lösen. Die Städter litten ganz schön, das zeichnete sich sogar in ihren Gehirnen ab. Er fand Hinweise darauf, dass in Städten geborene Menschen eher eher physisch-bedingte psychische Probleme entwickeln, sagte er dem Guardian.

Widerspruch bekam er allerdings auch: Dem Guardian sagten zwei amerikanische Wissenschaftler, dass Menschen sehr unterschiedlich auf das Stadtleben reagieren. Dabei spiele vor allem das Sozialleben und die Kontrolle über den Tagesablauf eine Rolle.

Gefühlt: stimmt. Ich hatte Glück mit Berlin, fand schnell Anschluss und wurde mit dem Argument: „Ich bin neu hier, ich hab keine Freunde“ wärmstens empfangen.

Aber Kontrolle?

Ohje.

In den ersten Wochen habe ich eigentlich nur darauf gewartet, im Berliner Verkehr überfahren zu werden. Mich zu verfahren und einfach weg zu sein. Und in einer neuen Stadt ist man erstmal verdammt ausgelastet. Neuer Job = viel Arbeit, viel zu denken, keine Routinen. Sozialleben? Man muss sich erstmal mit den Leuten treffen, wenn man sie kennenlernen will, sonst wird das nix mit den neuen Freunden. Es war alles total nett und verdammt stressig.

Migrationsforscher Jim Russell (@BurghDiaspora) schreibt dazu im „Pacific Standard“, Umziehen sei ein Akt des Unternehmertums, „Re-Location Is an Entrepreneurial Act“. Und Unternehmertum tut eben auch mal weh. Es ist anstrengend.

Den gleichen Effekt hat ein Auslandsaufenthalt übrigens auch. Das Gehirn bildet neue Strukturen, wir sind wach und fit, es ist unfassbar anstrengend und verdammt großartig. Lasst uns gehen!