Undercover auf den Spuren eines Islamisten

Thomas Berger war verdeckter Ermittler und hat in Berlin monatelang einen Islamisten beschattet: Aus dem Leben eines Mannes, der sein Geld damit verdiente, andere zu beobachten.

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“Wenn jemand sich mindestens 15 Minuten an einem Ort aufhält, ist es besser im Auto zu warten” © Sebastian Kahnert/ dpa

14 Uhr an einem dunklen Februartag 2011, Urbanstraße, Berlin-Neukölln. Eine Haustür öffnet sich, ein junger Mann tritt auf den Bürgersteig. Kurzes schwarzes Haar, Vollbart. Sein langes weißes Gewand berührt fast den Boden. Den Kaftan, eine typisch islamische Kleidung, erkennt Thomas Berger* sofort.

Gemächlich läuft der Mann die Straße runter zur Kreuzung. Berger folgt ihm. Er hat 50 Meter entfernt gewartet; verdeckt als Zeitungsausträger. Schnell wechselt Berger auf die andere Straßenseite und verfolgt ihn aus sicherer Distanz. Ein Kollege sitzt in einem Auto ganz in der Nähe, falls der Mann irgendwo einsteigt und wegfährt. Im rechten Ohr hat Berger einen kleinen Knopf, um mit seinen Leuten in Verbindung zu bleiben.

Thomas Berger (damals 36 Jahre alt) ist verdeckter Ermittler im Bereich Extremismus und Terrorismus. Seinen wahren Namen möchte er nicht verraten. Der Mann, den er verfolgt? Der damals 20-Jährige Samir M. Er steht im Verdacht, einen Terroranschlag zu planen.

Ein Freund von Samit M. hatte im Internet Ammoniumnitrat bestellt. Das ist ein Salz, das für die Herstellung von Sprengstoffen verwendet wird. Er hatte es immer in kleinen Mengen geordert, zusammengerechnet ergab das jedoch zwei Kilogramm. Genug, um eine Bombe zu basteln. Das bekam die NSA mit und wandte sich an die deutschen Behörden.

Besser im Auto warten, als zu lange irgendwo rumstehen

Im Frühjahr 2011 begann Berger mit neun Kollegen den Fall zu bearbeiten. Ihre Arbeitszeit, aufgeteilt in Schichten, von 10 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts. Ihr Ziel: Herausfinden, mit wem sich Samir M. trifft, wohin er geht, seine Telefonate abhören. Ein anderes Team überwachte Samirs Freund, der die Chemikalien bestellt hatte.

Die Devise: Nur nicht auffallen. Berger ist unauffällig gekleidet, Jeans, Turnschuhe, Jacke. Das Team verfolgt jeden Schritt von Samir M. So auch als er sich an einem Tag zur Al-Nur Moschee in Neukölln aufmacht. Berger benachrichtigt seine Kollegen, damit einer mit dem Auto in Sichtweite der Moschee wartet. Es wäre zu auffällig, einen Kollegen auf der Straße direkt vor der Moschee zu postieren. “Wenn jemand sich mindestens 15 Minuten an einem Ort aufhält, ist es besser im Auto zu warten”, sagt Berger.

Berger spricht eine kurze Notiz in sein Diktiergerät: „12. April 2011, 15:30, Haberstraße, Berlin Neukölln, Samir M. ist auf dem Weg zu Al-Nur Moschee.“ Zusätzlich schießt er ein paar Bilder davon, wie M. die Moschee betritt. Aufnahmegerät und Fotoapparat sind für Berger existenziell. Einmal in der Woche muss er einen Bericht schreiben.

Treffen in abgelegenen Straßen, wie in einem Gangster-Film

Jeden Tag gibt es eine Vor- und Nachbesprechung. Was ist passiert, wie geht es weiter? Dafür treffen sich Berger und seine Kollegen in einem eigens angemieteten Büro in Berlin-Schöneberg, aber auch auf Parkplätzen oder in abgelegenen Seitenstraßen. Ob ein Einsatz weitergeführt oder abgebrochen wird, entscheidet ein Sachbearbeiter, der die gesamten Tagesinformationen erhält und auswertet. Entschieden wird von Tag zu Tag aufs Neue. In der Regel bekommen Berger und seine Kollegen erst einen Tag vorher Bescheid, ob und wie es am nächsten Tag weitergeht.

Zu Samirs Freunden zählt der Berliner Rapper und IS-Kämpfer Denis Cuspert

Wann und wo sich der libanesisch-stämmige Samir M. radikalisiert hat, weiß Berger nicht. Fest steht aber: Er ist in der Berliner Dschihadisten-Szene aktiv. Seine Freunde: Jemand der Bestandteile für Bomben im Internet bestellt und der ehemalige Gangsta-Rapper Denis Cuspert, der zum IS-Kämpfer wurde. Aus abgehörten Telefonaten wissen Berger und seine Kollegen, dass M. seinem Freund Hilfe beim “Basteln” angeboten hatte.

Das reicht Berger und seinen Kollegen. Samir M. und sein Freund sollen festgenommen werden. Frühmorgens stürmen Spezial-Teams die Wohnungen der beiden, durchsuchen sie und nehmen die zwei Freunde fest. Dabei werden auch die bestellten Chemikalien gefunden. Der Vorwurf: “Verdacht der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.”

Die Verdächtigen verschwinden

Haben die Polizisten so einen Anschlag verhindert? Nachweisen ließ es sich nicht. Die Anwälte der beiden sorgten dafür, dass Samir M. und sein Freund wieder frei kommen. Noch am gleichen Tag postet Samir auf Facebook ein Foto. Es zeigt ihn mit seinem Chemikalien-Freund, mit Denis Cuspert, und dem Österreicher Mohammed Mahmoud, der vier Jahre im Gefängnis saß, weil er Terrorpropaganda verbreitet hatte.

Die Observation von Berger und dem Team endet an dieser Stelle. Um zu verhindern, dass Samir M. und seine Freunde ausreisen, beschlagnahmen die Sicherheitsbehörden ihre Pässe. Mit gefälschten Papieren verlassen sie drei Monate später dennoch das Land.

Was kommt nach dem Einsatz?

Später erfährt Berger, dass Samir M. im März 2014 in Syrien ums Leben gekommen ist. Er habe sich dort dem Dschihad angeschlossen und wurde in der Nähe der türkischen Grenze von einer Drohne getötet. Die Info kam von der CIA. Mithilfe eines Augenabgleichs konnte seine Identität schließlich festgestellt werden. „Als ich aus der Presse über den Tod Kenntnis hatte, war es eine Art von Erleichterung und Gleichgültigkeit, die mich erreicht hatte“, sagt Berger über dem Tod von Samir. Insgesamt hat er ihn fünf Monate lang dienstlich betreut.

Nach fünf Jahren der verdeckten Ermittlungen ist Berger jetzt in einem anderen Bereich der Polizei tätig. „Nach einigen Jahren werden die Observanten ausgetauscht. Wenn man zu lange dabei ist, ist die Gefahr irgendwann erkannt zu werden, zu hoch. Ich bin schon eher traurig darüber, denn mir hat diese Art von Arbeit Spaß gemacht.“

* Name von der Redaktion geändert.