Unruhen in Venezuela: fünf Schicksale geflohener und inhaftierter Menschen

Wer in Venezuela gegen die Regierung und die Missstände demonstriert, dem drohen Polizeigewalt und Gefängnis. Die Menschen kämpfen dennoch weiter – oder verfolgen das Schicksal ihrer Angehörigen im Asyl.

Eine Aktivistin während einer Demonstration gegen die Regierung von Präsident Nicolas Maduro. © FEDERICO PARRA/AFP/Getty Images

Venezuela ist im Ausnahmezustand. Sozial, ökonomisch und politisch. Obwohl das Land an der Karibikküste mit enormem Erdölreichtum gesegnet ist, stehen die Menschen vor den Supermärkten Schlange und haben nicht genug zu Essen. Medikamente sind knapp, für mehrere Stunden täglich werden Strom und Wasser abgestellt. Und das nicht erst seit ein paar Monaten.

Die Ursprünge der heutigen Krise liegen bereits in der sozialistischen Regierung des früheren Staatsoberhaupts Hugo Chávez. Seit dessen Nachfolger Nicolás Maduro 2013 die Macht übernahm, haben sich die Probleme verschärft. Der aktuelle Präsident unterzeichnet Dekrete im Alleingang, hebelt das Parlament aus und ignoriert eine Wahl, die die Opposition 2015 mit einer Zweidrittelmehrheit gewann.

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Seit April protestiert deshalb die Bevölkerung. Es gab bereits mehrere Tote und unzählige Verletzte. Viele junge Menschen sehen keine Hoffnung mehr in ihrer Heimat. Sie fliehen nach Mexiko, Kanada oder in die USA. Andere bleiben, protestieren, und setzen ihr Leben aufs Spiel, in der Hoffnung, Maduro zu einem Rücktritt bewegen zu können.

„Unser Hunger ist größer als unsere Angst“

Adriana Flores Márquez. © privat

Adriana Flores Márquez ist gerade einmal 22 Jahre alt und schon Anwältin. Bereits zu Schulzeiten fiel sie durch ihr politisches Engagement auf. Kaum hatte sie den Abschluss in der Tasche, begann sie, sich vollständig der Verteidigung der Opfer von Polizeigewalt zu widmen. Jeden Tag teilt Adriana auf Instagram Protest-Fotos und Bilder ihrer Mandant*innen, auf denen diese mit gebrochenem Arm oder blutigem T-Shirt zu sehen sind. Ihren Account hat sie mit dem stolzen Motto des südamerikanischen Freiheitskämpfers Simón Bolívar überschrieben: „Wenn die Tyrannei zum Gesetz wird, wird die Rebellion dein Recht.“

Vor drei Jahren wurde ihre 33-jährige Schwester, Sandra Flores de Garzón, gemeinsam mit ihrem Ehemann festgenommen. 99 Tage verbrachten die beiden in Haft. „Terrorismus“ und „Finanzierung des Terrorismus“ lautete die Anklage, mit der man das Paar mitten in der Nacht gewaltvoll aus ihrer Wohnung zerrte, in der auch der neunjährige Sohn schlief. Seit ihrer Freilassung steht Sandra unter staatlicher Aufsicht, das Land darf sie nicht verlassen. Obwohl ihre Familie zur Mittelschicht gehört, müssen sie täglich Abstriche machen. Wo früher drei Mahlzeiten am Tag normal waren, muss man sich heute mit zwei begnügen, manchmal gibt es sogar nur noch eine. Trotz dieser Erfahrungen ist für die Schwestern ans Aufgeben nicht zu denken. „Mit den Toten, Entführten und Verletzten will die Regierung uns einschüchtern. Aber unser Hunger ist größer als unsere Angst“, sagt Adriana.

„Die Politik hat meine Familie auseinandergerissen“

Vicente Sanchez Sambrano. © privat

Vicente Sanchez Sambrano, 28, hat es nicht mehr ausgehalten. Im Jahr 2014 beantragte er Asyl und lebt seitdem mit seinem Freund, auch Venezolaner, im südlichen Teil Brooklyns. Geflohen ist er aus seiner Heimatstadt Ciudad Bolívar hauptsächlich wegen der enormen Unsicherheiten, denen er jeden Tag ausgesetzt war: „Eine regierungstreue Gruppe hat das Haus meiner Familie überfallen und uns mit Mord gedroht, wenn wir weiterhin gegen den Präsidenten protestieren“, erzählt Vicente. Als weiteren Grund nennt er die Diskriminierung gegenüber Homosexuellen, die man in Venezuela zu spüren bekommt. „Dort könnte ich nicht heiraten, geschweige denn Kinder adoptieren.“

Doch die Rechte, die Vicente jetzt in den USA genießt, gehen mit einem großen Verzicht einher: Der ausgebildete Ingenieur kann in den USA nicht in seinem Fachgebiet arbeiten und muss sich stattdessen mit allen möglichen Jobs herumgeschlagen, vom Bauarbeiten übers Kellnern bis hin zum Verkäufer in einem Modegeschäft, seiner aktuellen Anstellung. Seine Familie in Venezuela hat er seit Jahren nicht gesehen. Mit der Aufenthaltserlaubnis als Asylbewerber darf der 28-Jährige seine Heimat erst dann wieder besuchen, wenn er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Das heißt: Die nächsten acht Jahre wird er seiner Familie höchstens über Skype begegnen. Zwar sind ihm seine Mutter und Brüder vor zwei Jahren in die USA gefolgt. Der Vater entschied sich jedoch, im Land zu bleiben, um sich um seine kranke Mutter zu kümmern. „Die Politik hat meine Familie auseinandergerissen“, sagt Vicente.

„Mit Demonstrationen stürzt man keine Regierung“

Beatriz Sofia Aguiton. © privat

Auch die 34-jährige Beatriz Sofia Aguiton sah für sich in Venezuela keine Zukunft mehr. Vor drei Monaten verließ sie Puerto La Cruz, ein Touristenparadies an der Karibikküste, wo sie gemeinsam mit ihrer Familie zwölf Jahre lang gelebt hatte. Jetzt versucht sie ihr Glück in Mexiko. In einem Ort an der Grenze zu den USA arbeitet Beatriz Sofia, wie schon zuvor in Venezuela, als Zahnärztin. „Ich liebe Venezuela von ganzem Herzen, es ist das beste Land der Welt, es ist der Ort, an dem meine Familie und meine Freunde sind. Zurückkehren würde ich aber nur im Falle eines Regimewechsels“, erklärt die lebensfreudige Venezolanerin, die man selten ohne ein Lächeln auf den Lippen sieht. Auch jetzt noch. Trotz allen Frusts, den sie in Venezuela in den letzten Monaten erfahren hat.

Auch Beatriz‘ Schwester Veronika lebt seit zwei Jahren in Kanada, der Rest der Familie ist noch in Venezuela. „Ich glaube nicht, dass mein Vater Venezuela jemals verlassen wird. Er würde seinen hohen Posten als Chefchirurg verlieren. Meine Mutter würde es sich dagegen schon eher überlegen, sich noch einmal woanders ein neues Leben aufzubauen.“ Auf die jüngsten Proteste der Opposition blickt die Zahnärztin mit wenig Hoffnung: „Mit Demonstrationen stürzt man keine Regierung.“

„Es wird geplündert, gemordet und verhaftet“

Pierina Colasante. © privat

Pierina Colasante, 23, fällt es in letzter Zeit schwer, sich auf ihr Jurastudium zu konzentrieren. Täglich werden in ihrer Stadt Barinas, dem Heimatsort Chávez‘, die Straßen für Proteste gesperrt. Noch schlimmer trifft es ihre Familie, die in Valencia wohnt. Dort gehören von der Polizei unterstützte Hausplünderungen zum Alltag, seit Wochen verlassen die Menschen ihre Wohnungen nicht mehr. „Es wird geplündert, gemordet und verhaftet. Dabei kann es jeden treffen“, beschreibt Pierina die Krisensituation in ihrem Land. Eine Freundin der Studentin wurde entführt und mit Pistolenschlägen schwer am Kopf verletzt. Viele ihrer Freund*innen haben es bereits aufgegeben, zu protestieren, weil sie mit Schrotkugeln beschossen wurden. Man drohte ihnen damit, ihre Häuser zu verbrennen. „Aber wenn die Menschen nicht auf Protesten sterben, sterben sie vor Hunger, aus Mangel an Medikamenten oder einfach nur wegen all der Kriminalität“, erklärt Pierina.

„Die Regierung und die korrupte Polizei haben dieses Land zerstört“

Julio Ramirez. © privat

Julio Ramirez, 28, ist ein nachdenklicher und ruhiger Mann. Er kommt aus San Cristóbal, einer Stadt, die im südlichen Teil des Landes an Kolumbien grenzt, heute wohnt er in Barinas. Dort plant er, bald ein Restaurant zu eröffnen, in dem gesunde Gerichte angeboten werden sollen. Noch kann Julio es sich nicht vorstellen, sein Land, das er mit Wehmut in der Stimme als das schönste Land der Welt bezeichnet, zu verlassen. Zu schwierig wäre die Trennung von Familie und Freund*innen. Als Hauptproblem der Krise sieht Julio die Korruption und den Drogenhandel. „Die Regierung und die korrupte Polizei haben dieses Land komplett zerstört. Man kann sich auf nichts mehr verlassen. Wenn dir bisher nichts passiert ist, ist das reines Glück.“

Täglich sieht er Proteste, auf denen sich Polizist*innen und Protestierende gegenseitig mit Steinen bewerfen. Früher hat er an einer Ampel drei Kinder betteln gesehen, heute sind es fünfzehn. „Wann immer ich kann, helfe ich“, erklärt der 28-Jährige, der sich selbst in der glücklichen Ausnahmesituation befindet, nicht hungern zu müssen. An Chávez‘ Ideal des Sozialismus konnte Julio zwar viel Positives finden, doch er erkennt, dass die Lage katastrophal außer Kontrolle geraten ist. In den Protesten sieht er heute die einzige Möglichkeit, die der Bevölkerung geblieben ist: „An Wahlergebnissen ist die Regierung ja sowieso nicht interessiert.“ Trotz all dieser Horrorszenarien blickt Julio der Zukunft positiv entgegen: „Aus solch einer Situation kann ein Land nur mit Stärke hervorgehen. Wenn alles vorbei ist, werden wir hoffentlich viel gelernt haben und als Gesellschaft zusammengewachsen sein.“

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