Unser Trump-Bashing im Netz dient nur der eigenen Selbstdarstellung

Am Dienstag wird ein Job frei. Donald Trump wird aller Voraussicht nach die Wahl verlieren und gibt damit den Titel des meist gehassten Menschen in den sozialen Netzwerke ab. Trumps Nachfolger werden es schwer haben, denn dieser Präsidentschaftskandidat ist das Beste, was uns passieren konnte.

© Chip Somodevilla/Getty Images

Wir hetzen gerne gegen Donald Trump und seine Unterstützer. © Chip Somodevilla/Getty Images

Gegen Trump zu hetzen, liegt im Trend und ist herrlich folgenlos. In zweierlei Hinsicht. Zunächst ist klar, dass bislang kein deutscher Leserkommentar, kein Tweet oder irgendein Hashtag Einfluss auf die amerikanische Politik hat. Vernünftigerweise sollte es uns wichtiger sein, ob unser Hausarzt oder Späti-Verkäufer ein Sexist oder Rassist ist. Oder vielleicht sogar wir selber?

Folgenlos bleibt das Bashing außerdem, weil Trump bei uns über keine Lobby verfügt. Kein Aufruf zur Mäßigung stört das wohlige Bashing. Als Teil der liberalen bürgerlichen Mitte hat man nur selten die Gelegenheit, ganz ungestraft zu pöbeln.

Und dann kommt dieser Bauunternehmer und will eine Mauer bauen, Muslime nicht mehr einreisen lassen, Frauen betatschen und so weiter. Also schnell den Twitter-Account durchgeladen und auf ihn: Die Kommentarspalten strotzen vor Aggression, die Posts sind vernichtend – und wir für die Länge von ein paar Timeline-Scrolls bessere Menschen.

Worum es wirklich geht, wenn wir Trump bashen

Blogger*innen, die sonst eifrig an der Verbreitung neuer Vorwürfe wie „lookism“ arbeiten, reißen Witze über Trumps Toupet. Feminist*innen verteufeln im Kampf gegen Sexismus „diesen alten, weißen Mann“. Pazifist*innen denunzieren ihn als Vietnam-Drückeberger.

Gegen Trump zu stänkern, ist wie die Freude darüber, wenn die Bayern verlieren. Man gehört zur Mehrheit und das fühlt sich immer super an. Die Widersprüchlichkeit und Komplexität der Welt wird in schönster Star Wars-Dramaturgie zum Kampf zwischen Gut und Böse stilisiert. Die Guten erkennt man daran, dass sie unsere meist eher lächerlichen als lustigen Beiträge mit Likes belohnen. Hass wird reich belohnt, vorausgesetzt er trifft den richtigen.

Trump als Symptom

Gleichgültig, dass dieser Kandidat nicht mal die Eigenschaften in sich vereint, die uns Europäern an Republikanern traditionell missfallen: Trump ist kein christlicher Fundamentalist. Er ist wohl viel zu sehr hinter Frauen her, um gegen sexuelle Befreiung zu sein. Und er hat nicht vor, Krieg zu führen (Ist ihm zu teuer). Diese Argumente hin und wieder zu erwähnen, hieße eine ernsthafte Debatte zu führen. Aber wo kämen wir denn da hin? Der lügt doch eh nur! Nicht mal seine Unterstützer nehmen seine Tiraden ernst. Einzig seine Feinde glauben ihm jedes Wort – sofern es empörend genug klingt.

Natürlich darf Trump nicht Präsident werden. Viel gefährlicher ist er aber als Symptom. Er ist der prominenteste Protagonist einer Entwicklung, die Angela Merkel „postfaktisch“ nennt. Die Wahrheit wurde abgeschafft, es geht ums Befinden und Befindlichkeiten. Willkommen im Neuland der sozialen Netzwerke, einer Gesellschaft zwischen #yolo und #sosadtoday. Die Grenzüberschreitung, die Provokation, die Lautstärke, die Abwendung von Fakten – das ist genauso das Geheimnis eines Donald Trump wie eines gelungenen Facebook-Posts. Nur scheinbar paradox: Donald Trump ist das Kind derjenigen Strategie, mit der er bekämpft wird.

Wir sammeln mit unserer Niedertracht Herzchen als wären es Treuepunkte für Frieden und Freiheit – und bieten die Demokratie dann im Tausch für einen Retweet an. Es geht uns ehrbaren Trump-Gegnern nicht um ihre Verteidigung. Es geht um die Beantwortung, der wichtigsten Frage des 21. Jahrhunderts: Zuckerbergs „Wie geht es dir?“ Wir markieren den eigenen Standort auf der politischen Landkarte. „Guckt mal! Hier bin ich!“ Die Verhältnisse kritisieren heißt, das Ich in sozialen Netzwerken zu kuratieren.

Shitstorms sind Opium fürs Volk

Man muss darin keine Verschwörung sehen. Aber zweifellos ist es von Vorteil für bestehende Verhältnisse, wenn der Bürger sich in Shitstorms suhlt. Strukturen zu bekämpfen ist halt schwierig in 140 Zeichen. Dem Establishment gefällt das.

Uns all das so deutlich zu zeigen, ist ein großer Verdienst Donald Trumps. US-Präsident wird er hoffentlich trotzdem nicht. Wir haben schon genug Probleme. Kommentatoren befürchten, dass auch unsere Wahlkämpfe und politische Debatten sich zukünftig noch mehr den amerikanischen Show-Formaten annähern. US-Berater lassen sich gern für Wahlkampagnen deutscher Parteien engagieren. Warum auch nicht? Wir sind längst bereit für eine Debatte jenseits von Inhalten. Is the internet stupid? It’s the internet, stupid!