Unsportlich? Im Schlaf kannst du fit werden

Manche Sportler*innen trainieren im Traum und versuchen so, ihre Koordination zu optimieren. Funktioniert das? Wir haben mit einem Sportwissenschaftler gesprochen.

© Akira Yozora / photocase

Nein, sie schläft nicht einfach, sie trainiert. © Akira Yozora / photocase

Wenn Jason träumt, dann trainiert er. Der 33-Jährige macht traditionelles Kung-Fu und Taekwondo. Jason hat gelernt, seine Träume zu kontrollieren – und nutzt sie für seine Sport-Übungen. In beiden Kampfsportarten gibt es Bewegungen, die wirklich sitzen müssen. Wenn Jason schläft, kann er sie in Endlosschleife wiederholen. „Irgendwann stellt sich bei den Techniken dann auch im echten Leben ein Automatismus ein“, sagt er.

Schon seit zwölf Jahren übt Jason das Klarträumen. Wissenschaftler*innen nennen das luzide Träume: Träume, in denen einem bewusst ist, dass man träumt. Darin kann man selbst Regie führen – über die höchsten Berge fliegen oder Sex mit Promis haben. Wer diszipliniert ist, kann auch Kung-Fu üben.

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Viele Sportler*innen berichten, Klarträume zu haben. Indem sie komplizierte Bewegungsabläufe im Schlaf üben, könnten sie ihre Leistung verbessern. Die Wissenschaft glaubt: Das funktioniert ganz ähnlich wie das echte Training. Wer von Liegestützen träumt, aktiviert die Bereiche des Gehirns, die für Bewegung zuständig sind. Das Herz schlägt beim Traum-Jogging schneller – wenn auch nicht so schnell wie beim echten Jogging. Die Vorteile liegen auf der Hand: Man verliert keine Zeit, muss nach dem Sport nicht duschen – und wacht am Morgen ohne Muskelkater auf.

Dartwerfen im Schlaf üben

Der deutsche Sportwissenschaftler Paul Tholey hat als einer der Ersten zu dem Thema geforscht. Er konnte blind Einrad fahren, Handstände auf einem Skateboard machen – und sogar ohne Bindung mit dem Snowboard Hänge hinunterbrettern. Angeblich hat er sich das alles im Traum beigebracht.

Bevor ihr jetzt schlafen geht: Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Aber es gibt durchaus Studien, die nahelegen, dass man seine sportliche Leistung im Traum verbessern kann. Viele davon stammen vom Grundlagen-Forscher Daniel Erlacher. Seit mehr als zehn Jahren untersucht der Professor Klarträume und motorisches Lernen. Schon längst weiß die Sportpsychologie: Sportler*innen können ihre Leistung verbessern, wenn sie sich tagsüber vorstellen, komplizierte Drehungen oder Bewegungen zu machen. Im Traum funktioniert das noch besser. „Dort hat man ein phänomenales Erleben und sieht alles aus der Ich-Perspektive, während das in der Vorstellung eher blass ist“, sagt Erlacher.

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Für seine Studien ließ er Proband*innen abends eine Übung machen – etwa Darts auf eine Zielscheibe werfen oder Münzen in ein Gefäß. Dann gingen die Testpersonen schlafen. Am nächsten Morgen wurde die Übung wiederholt. Das Ergebnis: Wer in der Zwischenzeit im Klartraum geübt hatte, stellte sich dabei meistens geschickter an als die „normalen“ Träumer*innen.

Kein dicker Bizeps – aber Koordination

Zwar wurden in Studien bisher nur einzelne Bewegungen trainiert: Doch vieles weist darauf hin, dass das Traum-Training sich auch sportlich bezahlt macht. „Man kann zeigen, dass es einen Effekt gibt“, sagt Erlacher. Am besten für den Klartraum geeignet seien technikorientierte Sportarten, in denen es weniger auf Kraft und Ausdauer ankomme. Sportler berichteten ihm etwa, in ihren Träumen Rückwärts-Saltos geübt zu haben – in Zeitlupe. „Es ist auch gar nicht so unplausibel, dass man sich neue Bewegungen oder Sportarten beibringen kann“, sagt Erlacher. Einfach mal Russisch im Klartraum zu lernen, funktioniert nicht, schließlich hat man ja kein Vorwissen. Aber Erfahrungen mit Bewegung hat jeder von uns. „Man bekommt vom Training im Schlaf zwar keinen dicken Bizeps, aber die Koordination kann sich verbessern“, sagt Erlacher. Denn es kommt nicht nur drauf an, wie dick die Muskeln sind, sondern auch, wie sie sich aussteuern lassen und zusammenarbeiten.

Klarträumen: Wie lernt man das?

Es gibt verschiedene Methoden, wie du zum Klartraum-Profi wirst. Erlacher empfiehlt folgende Technik:

  • Geh ins Bett und schlaf ein.
  • Lass dich nach etwa sechs Stunden von einem Wecker aus dem Schlaf reißen.
  • Bleib anschließend eine Stunde wach. Lesen oder Fernsehen sind tabu, sagt Prof. Erlacher: Stattdessen musst du „Traumarbeit“ leisten. Das heißt: Konzentriere dich intensiv auf das, wovon du träumen möchtest. Wenn du Kajak-Fahrer bist, stellst du dir vor, wie du deine Ruder ins Wasser tauchst. Wenn du Balletttänzerin bist, denk an deine nächste Pirouette.
  • Versuche, immer wieder mal einen Realitätscheck zu machen. Frag dich: Bin ich wach oder träume ich? Einen Traum kann man später an unlogischen Dingen erkennen. „Wenn zum Beispiel eine fliegende Kuh vorkommt, muss man sich bewusstmachen, dass das gar nicht sein kann“, sagt Prof. Erlacher.
  • Nach einer Stunde Wachbleiben kannst du wieder einschlafen.

Zumindest in Erlachers Schlaflabor hat mit dieser Technik jede zweite Testperson einen Klartraum.