Unter Pseudonym in rechten Facebook-Gruppen: So feiert die AfD ihren Wahlerfolg

Wenige Tage vor den Landtagswahlen meldete sich unsere Autorin unter Pseudonym in rechten Facebook-Gruppen an. Sie begegnet immer wieder einer bestimmten Art Mensch und entdeckt ein System hinter den Posts.

© Screenshot Facebook

Merkel als Diktator. Rechte Facebook-Gruppen versuchen ihre User mit Bildmontagen wie dieser zu manipulieren. © Screenshot Facebook

24,2 Prozent – diese Zahl flimmerte am Abend des großen Wahlsonntags über tausende Bildschirme in Deutschland. Die rechtspopulistische Partei AfD hat bei den Landtagswahlen der drei Bindestrich-Länder so richtig abgeräumt. Diese erfolgreiche Veränderung feierte die AfD natürlich ordentlich. Im Fernsehen sah man Partei-Anhänger, die sich schreiend und jubelnd in die Arme fielen. Auch in den sozialen Netzwerken teilte die Partei den Erfolg mit ihren Fans:

 

Melanie, 54, Mutter, besorgt.

Zwei Tage nach der Wahl scrolle ich durch die Nachrichtenmeldungen über die Landtagswahlen. Politiker-Interviews, Experten-Einschätzungen. Was ich mich frage: Wie ist die Stimmung bei den AfD-Fans? Ich beschließe, mir auf Facebook anzusehen, wie sie den Wahlsieg aufnehmen. Und dafür brauche ich mein Alter Ego Melanie.

Melanie ist 54 Jahre alt, verheiratet, Mutter aus Sachsen-Anhalt und hat Angst vor dem Islam. Sie ist in etlichen Facebook-Gruppen vertreten, die sich mit der Flüchtlingskrise und der Bundesregierung beschäftigten – kritisch, beziehungsweise: feindselig. Hetzerisch. Mit ihren 103 Facebook-Freunden teilt sie eine Meinung: Merkel muss weg, die Flüchtlinge auch, die AfD ist super. Melanie gibt es allerdings gar nicht. Ich bin Melanie.

Meine besorgte mittelständische Hausfrau ist eine Scheinidentität, die ich mir vergangene Woche anlegte, um mich mit eigenen Augen vom Ausmaß des Hatespeech und des Rassismus auf Facebook zu überzeugen. Deshalb erschuf ich Melanie. Mit ihr trat ich in Gruppen wie “Merkel muss weg”, “Heimatliebe” und “Deutschland – wir geben dich nicht auf” ein und begab mich damit in den düsteren Teil Facebooks.

Die Unterhaltungen, die ich euch zeigen werde, finden sich nicht auf privaten Profilen. Aus Respekt vor der Privatsphäre dieser Menschen, die mich so einfach in ihr Leben ließen, würde ich das nie tun – Rassisten hin oder her. Die Screenshots stammen aus öffentlich zugänglichen Facebook-Fanseiten und Gruppen, was die Sache umso gruseliger macht. Die Hetzer halten ihre Meinungen und Positionen für so allgemeingültig und rechtmäßig, dass sie diese (zum Teil strafbaren) Äußerungen nicht einmal verstecken.

Meine Freunde, die Rassisten.

Zurück zu Melanie. Worauf ich nicht vorbereitet war: die Offenheit und Kontaktfreudigkeit der Menschen in diesen rechten Gruppen. Wer rechnet auch mit über 100 Freundesanfragen in 24 Stunden in einer Szene, die von Misstrauen allem Fremden gegenüber lebt? Ich wollte keine Freundschaftsanfragen annehmen, doch die Leute waren hartnäckig. Melanie hatte eine Deutschlandflagge als Header-Bild. Das reichte anscheinend schon, um in den Augen der AfD-Sympathisanten eine Freundin zu sein. Sie nahmen mich ungebeten auf – eine liebevolle Umarmung in Hass und Angst.

Denn darum geht es vor allem in diesen Gruppen: um Hass auf die Bundesregierung, auf Merkel, die Parteien, die Medien, die “Elite”. Um Angst vor den Flüchtlingen, dem Islam, dem sozialen Abstieg. Um diese Gefühle anzuheizen, teilen diese Menschen jeden Tag hunderte Artikel und vor allem Videos, in denen Muslime systematisch als Monster dargestellt und damit entmenschlicht werden. Das Ziel: kein Mitleid mit Flüchtlingen.

Medienberichte über Übergriffe durch Muslime werden in der Szene regelrecht abgefeiert. Bei vielen Mitgliedern kommt solch eine Sensationsgeilheit an die Oberfläche, dass mir übel wurde. Es ist ein beklemmendes Gefühl sich vorzustellen, dass irgendwo ein Rassist sitzt und auf einen sexuellen Übergriff hofft, damit er neues Material zum Teilen hat. Eine weitere Bestätigung eines so düsteren und dystopischen Weltbildes.

Die AfD? Ein Heilsversprechen

Was mir von Anfang an auffiel: Über die NPD spricht in den Gruppen niemand. Trotz des zum Teil gewaltbereiten Rassismus. All diese Beitragsschreiber feiern die AfD – wo sich diese Partei doch so gern in der Mitte sieht. Sind die Rechtspopulisten noch rechter, als ich ohnehin schon dachte? Vielleicht. Die Partei ist auf jeden Fall sehr divers und hat – typisch für eine junge Partei in der Findungsphase – viele verschiedene Strömungen.

“Die AfD räumt auf mit den Bonzen!”, “Rechts sein ist keine Schande!”, “Frauke Petry macht den Gesinnungs-Terroristen den Garaus”. Die Stimmung in den Facebook-Gruppen vor den Landtagswahlen war aufgeheizt, hoffnungsvoll, siegessicher. Viele wünschen sich die Bundessprecherin Petry als Kanzlerin, wobei diese Rolle unter ihren Anhängern eher königinnenhaft verstanden wird. Frauke Petry herrscht – und zwar allein. Das Volk berät sie. Nicht sehr demokratisch, aber nun gut.

Dass weite Teile des AfD-Wahlprogramms ebenfalls nicht demokratisch sind, ignorieren viele. Faktische Abschaffung der Pressefreiheit durch Regierungskontrolle? Mein Gott, die Medien lügen doch sowieso. Abbau der Sozialleistungen? Linksgrünversiffte Propaganda! Das Programm wenigstens einmal zu lesen, ist hier zu viel verlangt, denn: es passt nicht auf die kleinen Facebook-Bildchen, die die AfD so fleißig teilt. Daher findet das alles in der Lebensrealität ihrer Basis nicht statt.

„Lieber eine Hitleranhängerin als ein Moslem!“

Durch Melanies Augen betrachte ich die verbalen Eskalationen auf Fanpages und Gruppen nach der Wahl. Vielleicht sollte ich auch mal was posten? Melanie, mein Alter-Ego, schreibt: “Juhu, die AfD hat gewonnen!”. Nun warte ich, bis das große Liken losgeht. Bald liegen sich unter Melanies Beitrag alle virtuell in den Armen – mit Smileys und Facebook-Bildchen von hüpfenden Hunden.

Meine Facebook-Freunde fühlen sich, als hätten sie die Kanzlerin persönlich besiegt und nicht einfach eine Landtagswahl hinter sich gebracht. Sie sehen sich in einem konstanten Krieg gegen ein ungerechtes System. Sie, die Unterdrückten. Sie, die die Wahrheit kennen. Sie, die sich als Einzige trauen, diese Wahrheit zu benennen. Und dennoch glauben sie, in der Mehrheit zu sein.

Immer wieder versuche ich herauszufinden, was das für Menschen sind. Ich suche Gemeinsamkeiten und finde ein Muster. Es sind die Abgehängten, die sich so erbittert gegen das mühsam aufgebaute Feindbild zur Wehr setzen. Es sind die Mutlosen, die ihr Leben zwar schon fast aufgegeben haben, sich aber noch ein letztes Mal tapfer gegen “die Merkel-Diktatur” zur Wehr setzen. Fast ist das rührend – wäre das alles nur nicht so schrecklich.

Es sind aber nicht alles beinharte Nazis, stelle ich fest. Ich treffe einen kleinen Teil wirklich Besorgter, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sich von populistischen Thesen einlullen lassen. Bei ihnen bin ich sicher, dass sie eigentlich dem rechten Spektrum nicht nahe stehen. Man kann auch hier nicht pauschalisieren, die Motivationen und Hintergründe sind sicher komplex. Dennoch: Meist begegnen mir bei der Recherche die knallharten Rechten, die versuchen, diese verunsicherte Zielgruppe zu radikalisieren.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Den AfD-Fans in meiner Freundesliste ist klar: Jetzt nicht auf dem Erfolg ausruhen! Es gibt noch viel zu tun. Was jetzt kommt ist die logische Fortsetzung all der Anstrengungen: die Bundestagswahl 2017. Merkel muss schließlich weg, das ist ja allgemein bekannt in diesen Kreisen. Und auch die AfD-Spitze selbst hat ähnliche Visionen. „Herzlichen Dank für eine Viertelmillion Likes!!!“ schreibt sie auf ihrer Facebook-Seite, mit stilecht intensiven Gebrauch von Ausrufezeichen, „Der Wahlkampf geht fast nahtlos weiter! Bitte bleiben auch Sie mit dran, es gibt noch viel zu tun!“

Viel zu tun gibt es durchaus – und zwar für Nicht-Rassisten. Für weltoffene und tolerante Menschen, die weiterhin in Freiheit und Gerechtigkeit leben wollen. Lasst uns abgehängte und frustrierte Menschen wieder besser in unserer Mitte integrieren. Wir dürfen sie mit ihren Befürchtungen nicht den Rattenfängern am rechten Rand überlassen. Und: Wir müssen uns gegen den sich ausbreitenden Rassismus stellen. Laut sein. Unbequem sein. Auf Facebook, auf den Straßen, in den Medien, überall.

Eine E-Mail-Benachrichtigung landet in meinem Postfach: Ein neuer Kommentar auf meinem Blog:

“Hallo Frau Schreiber, ich habe 2014 AfD gewählt bei den Landtagswahlen in Sachsen. Ich habe ihre letzten drei Artikel über die AfD gelesen, jetzt schäme ich mich. Ich habe nicht gewusst dass diese Partei solche Grundsätze hat. Danke für die Aufklärung. (…) Und weiter so. Nicht aufgeben! Gerhard S., Sachsen”

Keine Sorge Gerhard. Ich gebe nicht auf.

Melanies Facebook-Account habe ich deaktiviert.